„Ich werd Hartz IV“ - Für Hauptschüler ist Lage am Arbeitsmarkt Dortmund oft aussichtslos

Dortmund. Hauptschule, Klasse 8. Berufswünsche? Ganz normale. Hauptschule, Klasse 10. Berufswünsche? „Ich werd’ Hartz IV“. So lässt sich die Halbjahresbilanz auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt in Dortmund auch interpretieren.

Ein Satz, der Perspektivlosigkeit spiegelt. Der auch darauf hinweist, welche Anforderungen die Gesellschaft heute stellt, wie komplex Lebensstrukturen geworden sind. Und dem man nur auf zwei Arten begegnen kann, sagt Stefan Kulozik, Chef der Agentur für Arbeit Dortmund: „Wir müssen die Jugendlichen stärker machen und den Weg in die Berufe abflachen“.

Dass er die Halbjahresbilanz des Arbeits- und Ausbildungsmarktes in Dortmund diesmal in den Räumen der Werkstatt Solidarität Dortmund gGmbH zieht, erfährt so doppelte Bedeutung. Denn die Familien, die von hier aus in der ambulanten Erziehungshilfe betreut werden, zeigen für Geschäftsführer Herbert Gehring genau das: „Die Basiskompetenzen bei der Kinderbetreuung verschwinden zusehends“. Es fehlt die Kompetenz, es fehlt das Geld, es fehlt eine Aussicht – von dieser Resignation wird die Erziehungsarbeit überlagert. Und sie wird weitergegeben. An Kinder, aus denen Leute werden. Mit mehr oder weniger Chancen. Keine Wurzeln, keine Flügel, um bei Goethe zu bleiben.

Dass es selbst im laufenden Jahr für eine Ausbildungsstelle nicht zu spät ist? 1235 sind allein in Dortmund noch unbesetzt – vom Heizungsbauer bis zum Servicefahrer. Das reicht allerdings nicht für alle Jugendlichen, die noch einen Platz suchen (in Dortmund: 1795). „Für die künftige Fachkräfteversorgung“, so Kulozik, „ist das kein gutes Signal“.

Und Fachkräfte, auch dafür steht der Gastgeber, werden gesucht. Die 67 Mitarbeiter der Werkstatt Solidarität, alles Festangestellte, können ein Studium vorweisen, sind entweder Erzieher, Sozialarbeiter oder Diplom-Pädagogen. Und keine Berufsanfänger. Lebenserfahrung ist das, was hier zählt, betont Gehring. Und trifft damit bei Agentur-Chef Kulozik auf offene Ohren. Denn die Gruppe, die ihm auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich Sorgen mache, seien die Älteren. Arbeitslose über 50 – aktuell 10 229 und damit 7 Prozent mehr als im Vorjahr (bei den über 55-Jährigen liegt der Zuwachs gegenüber Juni 2010 sogar bei 13 Prozent).

„Wir müssen dringend unser Gesellschaftsbild überprüfen“, warnt Kulozik. Und erkennen, dass mit den Jahren kein Leistungsabbau, sondern ein Leistungswandel stattfinde. Und dass eben diese älteren Mitarbeiter ein gerüttelt Maß an Erfahrung, an Abgeklärtheit mitbrächten. – Ohne welches die Arbeit mit Familien, mit Jugendlichen und erst recht die mit den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen nicht denkbar wäre.

 
 

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