Huren-Demo - „Wir lassen uns nicht vertreiben“

Prostituierte, Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle Kober und weitere Sympathisanten demonstrieren mit einem Protestmarsch gegen die geplante Schließung des Straßenstrichs. Foto: WAZ FotoPool
Prostituierte, Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle Kober und weitere Sympathisanten demonstrieren mit einem Protestmarsch gegen die geplante Schließung des Straßenstrichs. Foto: WAZ FotoPool
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Dortmund.. Einen solchen Aufmarsch hat die Stadt noch nicht gesehen: Prostituierte kämpfen in Dortmund mit Trillerpfeifen für den Erhalt des Straßenstrichs. Auch Freier haben sich angeschlossen.

Transparente, Trillerpfeifen, Luftballons – als hätte die IG Metall zu der Demonstration aufgerufen. Doch dieser Arbeitskampf wurde nicht von Gewerkschaftern, sondern von Prostituierten organisiert. Einen solchen Aufmarsch hat die Stadt noch nicht gesehen: Mehr als 60 Prostituierte und noch mal so viele Unterstützer marschierten gestern durch die Dortmunder Innenstadt, legten für kurze Zeit die Hauptverkehrsader, den Wall, lahm. Sie kämpfen für den Erhalt des Straßenstrichs. In der Hand Plakate, auf denen steht: „Wir haben Angst um unsere Sicherheit“ oder „Lieber Prostitution als Hartz IV“.

Sie wehren sich gegen das, was die Polizei in Dortmund wünscht, was zurzeit politisch diskutiert und von der Mehrheit bereits favorisiert wird: Die Schließung des Straßenstrichs an der Ravensberger Straße. Ende März soll der Rat der Stadt darüber entscheiden.

Der Strich ist aus Sicht des Dortmunder Polizeipräsidenten der zentrale Anziehungspunkt für Menschen aus Rumänien und Bulgarien, die in organisierten Banden nicht nur in der Dortmunder Nordstadt, sondern in ganz NRW kriminell aktiv sind. Prostitution ist eine der wenigen Möglichkeiten, für die von Armut getriebenen Menschen, in Deutschland zu arbeiten. Die andere Art an Geld zu kommen: Diebstähle. Davon verzeichnete die Polizei im vergangenen Jahr in Dortmund dreimal so viele wie im Jahr zuvor.

Zuletzt wird von bis zu 600 Frauen im Jahr gesprochen

Seit 2007 Rumänien und Bulgarien EU-Mitglieder sind, finden sich die Zuzügler aber nicht nur in der Kriminalitätsstatistik wieder. Auch auf dem Straßenstrich standen immer mehr Frauen aus diesen Ländern. Zuletzt wird von bis zu 600 Frauen im Jahr gesprochen, 80 bis 90 Prozent aus Bulgarien und Rumänien. Die These der Polizei: Schließt man den Strich, ist Dortmund nicht mehr so attraktiv für diese Menschen.

Die deutsche Prostituierte Dany versteht, worum es der Polizei geht: „Sie wollen damit die Kriminalität verbannen. Aber wir sind nicht kriminell“, sagt sie. „Die Schließung ist doch nicht die Lösung für alle Probleme in der Nordstadt.“ Stattdessen würden die Frauen verdrängt, an unsichere Orte. Für sie steht fest: Wenn der Strich geschlossen wird, werden sich die Frauen in der Stadt einen anderen Platz suchen. „Die meisten haben kein Geld für eine Fahrkarte, die gehen nicht in eine andere Stadt“, sagt sie. Und ein Bordell käme auch nicht in Frage. „Da müsste ich am Tag 100 Euro oder mehr für ein Zimmer zahlen. Das nenne ich Ausbeutung und Zuhälterei.“

Die Vermutung einiger Politiker, dass Menschenhändler die „Ravensberger“ kontrollierten, findet sie abwegig.

Die 36-Jährige, die seit fünf Jahren als Prostituierte auf dem Strich arbeitet, ist überzeugt: „95 Prozent der Frauen dort arbeiten selbstbestimmt.“ Auch die 27 Jahre alte Camelia aus Bulgarien sagt, dass sie keinem Mann gehorcht. Seit sechs Monaten ist sie in Dortmund. „Der Strich ist sicher“, sagt sie in gebrochenem Deutsch. „In Bulgarien ist alles scheiße.“ Deswegen sei sie nach Deutschland gekommen. Hier lebe sie allein, ohne Familie. „Eine Katastrophe“ sei die Mallinckrodtstraße mit ihren vermüllten und besetzten Häusern, auf dem Strich sei es aber ok, sagt sie und hält den Daumen hoch.

Viele Freier demonstrieren mit

An der Mallinckrodtstraße wohnt Sebastian, der auch demonstriert. Nicht der einzige Mann, viele Freier haben sich den Frauen angeschlossen. „Wenn der Strich geschlossen wird, hat das Vergewaltigungen zur Folge.“

Dass die Frauen auf der Ravensberger Straße kontrolliert und sicher arbeiten, davon ist Elke Rehpöhler von der Beratungsstelle Kober überzeugt. Kober steht dort mit einem Container, in dem die Frauen medizinische Versorgung bekommen, gesundheitlich aufgeklärt werden. Wo sie etwas essen und auf die Toilette gehen können. Und es gibt die Verrichtungsboxen. Dort können die Freier parken. Die Frauen haben an der Beifahrerseite die Möglichkeit auszusteigen, und einen Alarmknopf zu drücken.

„Wir wollen auch keine Kriminalität“, sagt Rehpöhler, die ebenfalls mitdemonstrierte. „Aber die gibt es auch nicht auf der Ravensberger Straße.“

 
 

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