Gute Aussichten: Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Syburg

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110 Jahre lang stand Kaiser Wilhelm an der Hohensyburg im Dunkeln. Aber jetzt strahlt das Denkmal neben dem Vincketurm bis ins Sauerland — dank neuer Scheinwerfer. Nur von Dortmund aus sieht man ihn nicht. Der Stadt kehrt er den Rücken zu.

Dortmund.. 110 Jahre lang stand Kaiser Wilhelm an der Hohensyburg im Dunkeln. Aber jetzt strahlt das Denkmal neben dem Vincketurm bis ins Sauerland — dank neuer Scheinwerfer. Nur von Dortmund aus sieht man ihn nicht. Der Stadt kehrt er den Rücken zu.

Dass ein deutscher Kaiser einmal im Rhythmus der Straßenbeleuchtung an- und ausgeknipst würde, hätte man auch wieder nicht gedacht. In Dortmund ist das so: Scheinwerfer strahlen seit einigen Nächten das Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf der Hohensyburg an, sie hängen einfach am An und Aus der nächstgelegenen Allerweltslaterne. Durchgesetzt hat die Erleuchtung Jochen Surdyk, arbeitslos, Hartz-4-Empfänger – man ahnt es nicht.

„Wir wollen die Gegend bekannter machen und aufwerten“, sagt dieser Surdyk, der zugleich Gründer und Vorsitzender der „Syburger Innovations-Gruppe (SIG)“ ist, eines kleinen Vereins von Privatleuten pro Syburg. Kaiser Wilhelm I. zu erleuchten, galt zunächst als Schnapsidee, schließlich stand er da oben schon seit fast 110 Jahren im Dunkeln, jedenfalls nachts, und hatte sich noch nie beschwert.

Am Ende aber kam die SIG ans Ziel mit Hilfe zahlreicher Sponsoren: Mehr als 16 000 Euro kosteten Masten, Lampen, Leitungen und Arbeit, mit 40 bis 50 Euro monatlich für Strom und Wartung darf man rechnen. Letzteres zahlt bis Ende 2014 das Spielcasino, das sich eine gewisse Reklame verspricht von dem weithin strahlenden Kaiser.

Denkmal war ein Ausgleich

Freilich steckt hinter der Aktion sympathischerweise keine Werbeagentur, auch nicht die Kaufmannschaft und noch nicht einmal ein Heimatverein. Sondern Surdyk, früher Lagerleiter in einem Möbelhaus, eine ganz bürgerliche Existenz; 2006 aber gab er seine Arbeit auf, um die Mutter zu pflegen: „Es gab keine andere Möglichkeit.“ Morgens, mittags, abends fuhr der heute 55-Jährige bei ihr vorbei, jahrelang; das Engagement rund um SIG, Syburg und Denkmal war da „eine Art Ausgleich, den man dann braucht“.

Doch seit Anfang 2011 hat sich die Lage verschlechtert: Die Mutter ist gestorben, Rente und Pflegegeld sind eingestellt. Surdyk lebt von Hartz 4, sucht Arbeit, Lagerleiter, Berufskraftfahrer, „egal was, ich hab’ mir nie träumen lassen, in so eine Situation zu kommen“. Situationen genug kann er beschreiben, die er demütigend fand als Hartz-4-Empfänger, und „mit jeder Absage schwindet das Selbstvertrauen weiter“. Da ist der private Einsatz heute längst mehr als nur ein Ausgleich: „Hohensyburg ist ein bisschen Selbstbestätigung geworden, dass man auch in dieser Lage noch etwas erreichen kann. Mir tut das gut.“

Doch zurück zu diesem Denkmal: Von Größe und Gestalt her braucht es die Konkurrenz der eigenen Person etwa in Koblenz oder Porta Westfalica nicht zu scheuen. Massiv und gewaltig: In der Mitte der reitende Kaiser, rechts der Kanzler, Otto von Bismarck, links der Feldherr, Helmuth von Moltke, so stehen sie hier, 245 Meter über der Ruhr; das aufgesetzte Datum „18. Januar 1871“ erinnert an die Reichsgründung. Von den Autobahnen 1 und 45, aus Hagen und Wetter, ja aus Teilen des Sauerlandes ist Wilhelm jetzt recht gut zu sehen; eigentlich nur aus Dortmund nicht, dem kehrt er ja den Rücken zu.

Bisher kein Kaiser unter den Landmarken

Die Landmarken des Ruhrgebiets sind damit um ein Segment erweitert, das bisher nicht bedient wurde. Tetraeder und künstlerisch wertvolle Steinhaufen, Obelisken und überdimensionale Grubenlampen stehen schon an gut sichtbaren Stellen und werden nachts teilweise ins Licht gerückt: Doch ein Monarch war bisher nicht darunter. „Das ist ein bisschen Lebenswerk, muss ich sagen“, sagt Surdyk. Denn auf der Hohensyburg ist auch sonst noch einiges für ihn zu tun, wir sagen nur: die Burgruine. Und dann wäre da noch das wirkliche Leben: 50 Absagen hat Surdyk bisher bekommen, sechs Bewerbungen sind weiter unterwegs – und zwei neue hat er fertig . . .

 
 

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