Große Razzia bei Envio dauert fast zehn Stunden

Klaus Brandt
Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft Dortmund vor dem Envio-Gelände. WR-Bild: Ralf Rottmann
Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft Dortmund vor dem Envio-Gelände. WR-Bild: Ralf Rottmann
Foto: Ralf Rottmann

Dortmund. Die Ermittler kamen am frühen Morgen – und mit großem Aufgebot. Zeitgleich enterten Beamte der Dortmunder Staatsanwaltschaft und der Steuerfahndung am Mittwoch die Privatdomizile der beiden Envio-Chefs sowie den Sitz der Giftfirma im Dortmunder Hafen. Die Razzia dauerte fast zehn Stunden.

Doppelter Einsatz in Dortmund wegen der PCB-Skandalfirma Envio. „Vorrangiger Grund für die Durchsuchung war ein jetzt anhängiges Verfahren wegen Steuerhinterziehung“, erklärte Oberstaatsanwältin Dr. Ina Holznagel. Da auch im PCB-Skandal noch Unterlagen fehlten, seien die Umweltermittler mit an Bord gewesen. „Wir haben noch einige Beweismittel gesucht, auf die wir im Zuge der Zeugenvernehmungen gestoßen sind“, sagte Holznagel. Und: „Wir wissen jetzt genau, was wir wollen.“

Seit der ersten Razzia bei der im Mai stillgelegten Giftfirma wurden mehr als 100 Zeugen vernommen. Zwei Staatsanwälte und acht Kripobeamte ermitteln im Fall Envio.

Steuergeheimnis

Über die Dimensionen der möglichen Steuerhinterziehung schwieg die Oberstaatsanwältin – „Steuergeheimnis“. Offenbar wiegt der Verdacht aber schwer: „Die Wunschliste der Kollegen von der Steuerfahndung war gigantisch“, berichtet Holznagel. Das konfiszierte Material füllte zahlreiche Transporter. In der Umweltstrafsache um PCB, Dioxine und Furane standen „Unterlagen über betriebliche Abläufe“ im Mittelpunkt der Durchsuchungen – „Betriebstagebücher, Reparaturbücher, Einkaufslisten, Wartungsunterlagen“. Das beschlagnahmte Material diene „zur Überprüfung der Verlässlichkeit der Zeugen“.

Mit den Enthüllungen der Westfälische Rundschau über die Verbindungen der Skandalfirma zu kriminellen Kreisen in Kasachstan und die Gifttransporte aus der ehemaligen Sowjetrepublik „hatte die Durchsuchung nicht zu tun“, behauptet Holznagel. Wie berichtet, hat Envio auf ominösen Wegen tausende höchstverseuchter Kondensatoren aus Kasachstan erhalten, ohne dass die Staatsanwaltschaft davon wusste. Hohe Justizkreise in Düsseldorf hatten schon darüber ihr Befremden bekundet. Ganz sauer stieß auf, dass die Fahnder bei ihrer ersten Razzia im Mai kistenweise Material liegengelassen hatten – darunter interne Dokumente, Firmen- und Privatrechner der Envio-Bosse Neupert und Harks, Liefer- und Zollpapiere.

Behörde verteidigt sich

In das Echo, den Ruf nach einer Übernahme des Falles durch die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Bochum, stimmte zuletzt auch der Dortmunder Stadtrat ein.

Gestern war von den im Fall Zumwinkel auffälligen Bochumer Ermittlern nicht mehr die Rede – aber von anderen. Der Druck auf die zuständigen Fahnder vor Ort wächst offenbar weiter. Nach Informationen der WR hat die Generalstaatsanwaltschaft Hamm die Envio-Akten der Dortmunder Staatsanwaltschaft angefordert, um sie „unter fachaufsichtlichen Gesichtspunkten“ zu prüfen. Weiterhin prüft die übergeordnete Instanz, ob die Ermittlungen den Dortmundern entzogen und einer Schwerpunktstaatsanwaltschaft übergeben werden.

Kasachstan-Connection unbekannt

Warum die Kasachstan-Connection der Staatsanwaltschaft unbekannt, der Bezirksregierung aber geläufig war – das erklärte Holznagel so: „Arnsberg hat uns die gesamten Envio-Akten auf DVD zur Verfügung gestellt. Da waren auch die Lieferungen drauf. Nur war das Material noch nicht vollständig ausgewertet.“ Ein großes Versäumnis sei das nicht, denn: „Für uns sind Lieferbeziehungen nachrangig, Zeugenvernehmungen vorrangig.“

Auch den Vorwurf, wichtige Papiere im Mai nicht angetastet zu haben, kontert Holznagel. „Damals haben wir beschlagnahmt, was durch den Durchsuchungsbeschluss gedeckt war. Nur bestimmte Dokumente durften mitgenommen werden.“ Abgesehen davon wäre ein großer Schlag auch „taktisch falsch“ gewesen. „Es führt zu nichts, sich planlos mit Unterlagen einzudecken“, meint Holznagel. Und: „Was wirklich geschehen ist, sagen uns nur die Zeugen, nicht die Akten.“