"Gewalt ist kein Fußball-Phänomen"

Stefan Reinke
Foto: Bodo Goeke

Dortmund. Die BVB-Fanabteilung wählt am Montag den vierten Vorsitzenden seit ihrer Gründung im Jahr 2004. DerWesten sprach mit dem scheidenden Abteilungsleiter über die Abteilung selbst, über das Derby gegen Schalke und über Gewalt im Fußball.

Seit 2004 ist Borussia Dortmund um eine Abteilung reicher: die Fanabteilung, die sich um das Wohl der Fans und um das Vereinsleben kümmert. Am Montag wählt die Abteilung einen neuen Vorstand. DerWesten sprach mit dem scheidenen Leiter Dr. Götz Vollmann.

Herr Vollmann, wie lautet Ihr Fazit nach zwei Jahren als Fanabteilungs-Leiter?

Götz Vollmann: Das hängt davon ab, woran man sich misst. Wir haben vor zwei Jahren unsere Ziele formuliert und zum Download ins Internet gestellt. Die haben wir eigentlich ganz gut erreicht. Besser machen kann man natürlich immer was.

Welche Ziele waren das?

Vollmann: Das waren einerseits strukturelle Verbesserungen innerhalb der Abteilung, andererseits aber auch das große Projekt „Unser BVB – dafür stehen wir“. Und im vergangenen Jahr stand natürlich vor allem anderen das Jubiläum im Vordergrund. Parallel mussten wir allerdings auch innerhalb der Abteilung wieder Vertrauen in den Gremien gegenüber dem Vorstand aufbauen – da gab es aus den vorangegangenen Jahren einiges aufzuarbeiten.

Die Fanabteilung wurde 2004 gegründet und hat bis heute drei Vorsitzende verschlissen. Wann kehrt Kontinuität ein?

Vollmann: Kontinuität ist definitiv schon da. Drei von fünf Leuten aus dem jetzigen Vorstand bleiben ja voraussichtlich erhalten. Der Vorstand der Abteilung ist zudem ein Team, und damit mehr als nur der Vorsitzende, den wir intern eh nur als Sprecher des Vorstandes gesehen haben, ohne „Richtlinienkompetenz“ oder ähnlichen Blödsinn. Davon ab ist die Arbeit als Vorstand schon sehr zeitraubend. Letztlich sind es dann oft berufliche Gründe, wegen denen man dann nicht erneut antritt, wie jetzt auch bei mir oder damals bei Reinhard Beck.

Was muss ein Abteilungsleiter mitbringen, um ähnlich langjährig die Abteilung leiten zu können wie die Leiter der Abteilungen Handball oder Tischtennis?

Vollmann: Ich kann gar nicht einschätzen, wie sich die Ämter des Leiters der Handballabteilung und der Fanabteilung gleichen oder unterscheiden. Ich kann nur für mich sprechen. Und in den letzten zwei Jahren war die Arbeit eben sehr zeitintensiv. Viele Termine finden ja tagsüber statt, weil fast alle Gesprächspartner, mit denen man zu tun hat, hauptberuflich rund um Borussia oder den Fußball im Allgemeinen arbeiten. Ich hingegen musste mir grundsätzlich für jeden Termin frei nehmen, weil ich ehrenamtlich tätig bin und noch einer normalen Arbeit nachgehe. Man muss also solche Termine irgendwie im normalen Tagesablauf unterbringen.

Wo steht die Fanabteilung? Ist es eine gesunde Abteilung?

Vollmann: Die Abteilung ist jung, hat ein enormes Potenzial und ist in zweierlei Hinsicht gesund. Finanziell auf jeden Fall - wir sind schließlich die einzige Abteilung im BVB, die regelmäßig Gewinn erwirtschaftet. Wir erarbeiten uns das übrigens alles selber und schaffen es bis heute, dabei immer kostendeckend zu arbeiten und nicht einen Cent des Hauptvereins aufzubrauchen.

Andererseits sind wir aber auch strukturell gesund. Man muss beachten, wo die Fanabteilung hergekommen ist. Sie wurde gegründet, als der BVB – es gibt ja immer dieses schöne Bild – im Vorraum der Pathologie lag. Da waren so viele Probleme offensichtlich, um die sich die Abteilung kümmern musste, dass sich ein normales Tagesgeschäft gar nicht etablieren konnte. Das war bis vor ungefähr zwei Jahren so, zumindest haben wir die Nachwehen bis dahin gespürt. Als wir dann als Vorstandsteam angetreten sind, hatten wir von unseren Mitgliedern zwei ganz klare Aufträge: Wir sollten darauf verzichten uns von Sponsoren finanzieren zu lassen – das haben wir gemacht - und wir sollten uns in der Öffentlichkeit bescheidener positionieren und uns aus sportlichen und finanziellen Belangen von Verein und KGaA heraushalten. Auch das haben wir getan.

Als die Abteilung gegründet wurde, sollte sie dabei helfen, das Vereinsleben zu fördern. Wie wirkt die Fanabteilung in dieser Hinsicht?

Vollmann: Die Fanabteilung muss viele Dinge gleichzeitig machen. Das ist manchmal die Quadratur des Kreises. Sie muss zum einen als Dienstleister fungieren und zum Beispiel Sonderzüge zu den Auswärtsspielen organisieren. Dann muss sie die Infrastruktur für die Fans rund um Borussia, die - euphemistisch gesagt – vor 2004 nicht gut war, stetig verbessern helfen. Und dann muss sie den Mitgliedern und auch den Dauerkarteninhabern das Gefühl geben, im Verein, in der Familie Borussia zu Hause zu sein. Parallel ist die Abteilung allerdings auch eine Interessenvertretung für Fans und deren Belange, sei es im Verhältnis zur KGaA oder im Umgang mit externen Organisationen, wie beispielsweise auch der Polizei. Da eckt man dann unter Umständen beispielsweise schon mal mit der KGaA an, die sich ja nicht nur anhand von Faninteressen orientiert, und muss hernach einen Konsens finden, ohne allerdings Porzellan zu zerschlagen. Die Fanabteilung muss also nach dem Motto „Tue Gutes und rede darüber“ vorgehen, ohne sich dabei zu produzieren und ohne andere vor den Kopf zu stoßen. Das gerät zuweilen zum Drahtseilakt.

Was sind die wichtigsten Projekte, die jetzt vor der Abteilung liegen?

Vollmann: Da ist die Beendung des Projektes „Unser BVB – Dafür stehen wir“ und dessen Ergebnisdarstellung. Das Projekt war uns im Vorstand und auch mir persönlich ein großes Anliegen. Auf den Punkt gebracht geht es darum: Wenn du auf der Süd zehn Leute fragst, was der BVB für sie bedeutet, bekommst du 15 Antworten. Es muss mehr sein, als nur die Farben schwarz und gelb. Es muss mehr sein als nur ins Stadion zu rennen. Wo ist der Grundkonsens? Was sind die Dinge, die ein BVB-Fan auf jeden Fall tut? Gibt es eine Art ungeschriebenen Verhaltenskodex? Das Projekt läuft noch. Wir hoffen, dass wir mit den Ergebnissen dazu beitragen können, dass die Fanszene mehr zusammenwächst.

Die Fanabteilung hat sich bei den Planungen des Jubiläums sehr stark engagiert, um auch immer auf die Fanbelange aufmerksam zu machen. Das war auch wichtig, weil wir gesehen haben, dass es unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, was Fans wünschen. Da muss die Abteilung dran bleiben und darauf achten, dass wir weiterhin nicht nur noch von „Kunden“ reden, sondern dieses enorme Potential, das der BVB mit seinen treuen Fans hat, vernünftig aktivieren. Die Struktur der Abteilung und ihrer Gremien sind zudem weiter zu verbessern und natürlich mehr Leute von der Mitgliederseite für die Arbeit in der Abteilung zu aktivieren.

Wie ist die Mitgliederstruktur der Fanabteilung?

Vollmann: Wir haben vom Ingenieur, Arzt, Rechtsanwalt über Lehrer und Schlosser bis zum Arbeitssuchenden alles. Auch in der Altersstruktur sind wir sehr bunt. Wir sind zwar jünger als der Hauptverein, aber auch wir haben Leute jenseits der 70. Und wir haben sehr viele ganz junge Mitglieder, weil viele Eltern – ich auch – ihre Kinder sofort in der Fanabteilung anmelden. Insgesamt stellt die FA derzeit mehr als 10% der Mitglieder des BVB. Das finde ich mehr als beachtlich.

Wie kann die Fanabteilung auf negative Entwicklungen in der Fanszene einwirken, vor allem beim Rechtsradikalismus? Da hört man recht wenig von der Abteilung. Ist das verpasst worden?

Vollmann: Nein, auf keinen Fall. Man muss aber auch beachten, dass Gewalt und Radikalisierung keine fußballspezifischen Phänomene sind. Das wird natürlich gerne in den Medien so dargestellt, entspricht aber nicht der Realität. Ein Beispiel: Wenn irgendwelche Leute den Mannschaftsbus vom VfB Stuttgart anhalten, geht das durch alle Medien. Wenn sich am Wochenende auf einer Kirmes allerdings zwei Leute den Schädel einschlagen, dann ist das Tradition und taucht höchstens irgendwo im Lokalteil auf. Das soll die vorhandenen Probleme nicht klein reden oder relativieren, aber beim Fußball wird so etwas viel stärker in den Fokus gerückt und verliert schnell jeden vernünftigen Beurteilungsmaßstab. Es geht letztlich um ein gesamtgesellschaftliches Problem, das der Fußball nicht alleine lösen kann, welches man ihm aber gern exklusiv andichtet.

Wir arbeiten auf jeden Fall auch an dieser Thematik, auch im Bereich des Rechtsradikalismus. Das Problem ist aber auch: Wenn du speziell letzteres immer wieder thematisierst, schalten die Leute leider irgendwann ab. Aber es gibt zum Beispiel bei uns die AG Zivilcourage, die sich mit solchen Dingen befasst. Dann gibt es das persönliche Engagement der Mitglieder oder so simple Sachen, wie zum Beispiel, zu verhindern, dass bestimmte Gruppen Flugblätter im Stadion verteilen. Der Vorstand der Fanabteilung engagiert sich für den Erinnerungstag des deutschen Fußballs am 27. Januar, wenn der deutsche Fußball alljährlich an den Holocaust erinnert. All das sind Beispiele für Bereiche, in denen die FA sich mit dem Thema auseinandersetzt.

Mit ihren rund 4.000 Mitgliedern dürfte die Fanabteilung eine der größten gesellschaftlichen Gruppierungen in Dortmund sein, größer als so mancher Verein. Wäre es da nicht notwendig, viel offensiver Gesicht zu zeigen, etwa bei Anti-Nazi-Demos? Die Mitglieder der Abteilung haben ja offenbar Bedarf, sich auch abseits des Fußballs zu engagieren.

Vollmann: Das ist sicherlich richtig. Natürlich wäre es schön, wenn man an jeder Veranstaltung in diesem Bereich teilnehmen könnte. Wir versuchen das auch. Das Problem ist: Wir haben eine Mitgliederzahl von mehr als 4.000…

… Davon setzen sich 40 ein?

Vollmann: Ja, ein paar mehr sind es schon, aber letztlich eigentlich doch zu wenig. Wenn du im Jahr so viele Veranstaltungen hast, an jedem Spieltag die Infostände besetzen musst, Fantreffes auch außerhalb von Dortmund organisierst, dann stößt du personell irgendwann an deine ehrenamtlichen Grenzen. Das ist immer schade und manchmal auch bitter, wenn dann Leute aus Unmut die verbale Keule schwingen. Es ist immer leicht, Kritik zu üben. Aber ich habe in den vergangenen zwei Jahren nur wenige erlebt, die von der Position des Kritikers in die des aktiv Handelnden übergewechselt sind. Da würde ich mir mehr Engagement und Mut wünschen. Ich weiß, dass es da eine gefühlte Hürde gibt, weil viele das direkte Umfeld der FA als eingeschworene Gruppe wahrnehmen, aber wir sind kein geschlossener Zirkel. Jeder ist willkommen.

Über Gewalt haben wir schon gesprochen. Wie passt da ins Bild, dass die Fanabteilung aus den Sicherheitsbesprechungen mit Schalke 04 ausgestiegen ist? Sind die so unwichtig?

Vollmann: Provokante Frage. Eigentlich war es aber eine ganz pragmatische Entscheidung, da auszusteigen. Aber von Anfang an: Die Sicherheitsbesprechungen gab es ja schon vor der Fanabteilung. Damals allerdings ohne Beteiligung der Fan-Organisationen der Vereine, sondern nur mit den Fanprojekte aus beiden Städten. Durch die Fanabteilung ist die Fan-Komponente auf Dortmunder Seite stärker geworden, verbunden mit dem Wunsch, hier Missstände zu beseitigen. Oftmals ist es einfach so, dass die Leute, die bei den Vereinen auf der Handlungsebene sitzen, die Belange der Fans gar nicht in allen Einzelheiten kennen, woher auch. Wir sind dann zu der Sicherheitsbesprechung hinzugekommen und haben darum gebeten, dass auch die Schalker Fanvertretern auf breiterer Basis hinzunehmen.

Dass wir jetzt ausgestiegen sind, war letztlich dann ein Stück Frustration darüber, dass diese Besprechungen zumeist vertane Zeit waren. Man hat in den Besprechungen über gewisse Dinge - so habe ich das zumindest wahrgenommen - einen Konsens gefunden. Dann lese ich ein Interview mit Herrn Fürderer (Sicherheitsbeauftragter des FC Schalke 04, Anm. d. Redaktion), dass das alles offenbar nicht so war, es gar keinen Konsens gab. Zum Beispiel der Derbymarsch beim letzten Derby in der Hinrunde. Das Thema wurde in der dem Spiel vorauseilenden Besprechung ganz klar angesprochen, vor allem von der Dortmunder Polizei, und alle auf Schalker Seite sagten, dass es keinen Marsch geben werde. Auch mit dem Konzept der Polizei, die Fans geschlossen per Entlastungszug zum Bahnhof am Stadion zu bringen, war man meiner Wahrnehmung nach soweit einverstanden. Nun kann es ja sein, dass die Schalker damit dann doch nicht einverstanden waren. Sollte dem allerdings so sein, so haben die Herren ihren Widerspruch derart leise und zurückhaltend formuliert, dass es schlicht keiner am Tisch mitbekommen hat und der Einspruch deswegen auch keinen Weg in das allen Beteiligten zugesandte Gesprächsprotokoll fand. Das sieht Herr Andres, der Einsatzleiter der Dortmunder Polizei, übrigens genauso.

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich will hier nichts auf schwarz-gelber Seite beschönigen und nur mit dem Finger nach Westen zeigen. Ich weiß, dass nicht alle in Schwarz-Gelb Lämmlein sind und alle in Blau-Weiß Vollidioten. Vollhonks gibt es auf beiden Seiten, genauso wie absolut schlaue und intelligente Köpfe, mit denen man vernünftig reden kann, voraussichtlich in je gleicher Anzahl auf beiden Seiten. Unsere Kritik richtete sich auch nicht pauschal gegen alle Vertreter in den Gesprächsrunden oder Herrn Fürderer im Speziellen. Wir hätten uns allerdings im Sinne der Deeskalation gewünscht, dass man von Schalker Seite diese Geschichte mit dem Derbymarsch nicht krampfhaft zu einer Art Selbstschutz umgedeutet hätte, um das Ganze irgendwie zu legitimieren, und damit die Leute noch weiter die Palme hochtreibt. Das war einfach tragisch und überflüssig und vom rein logischen Standpunkt her auch etwas widersinnig. Denn warum sollte ich freiwillig rund 4 km mehr Fußmarsch in Kauf nehmen, wenn ich solche Angst vor einer Konfrontation und mangelndem polizeilichem Schutz auf einer Wegstrecke von rund 700 m habe? Aber wie auch immer: Ich hoffe einfach, dass sich beide Seiten besinnen und man irgendwann auch dieses Spiel, bei aller Rivalität die ein Derby braucht und die es ausmacht, relativ entspannt im Stadion ansehen, weil man eben diesen Reiz des Derbys auf dem Feld miteinander ausmacht und nicht vor oder auf dem Weg zum Stadion.

Zum nächsten Derby in Gelsenkirchen setzt die Fanabteilung nun Busse ein. Warum?

Vollmann: Eines ist ganz klar: Unsere Busse werden nicht dazu beitragen, dass diejenigen, die beim Derby Stunk machen wollen, dies nicht können. So schlimm und unbegreiflich das auch ist, aber die, die sich treffen wollen, werden das tun. Ich werde das zwar nie verstehen, aber bitte. Die Busse sollen aber dem Schutz unserer Leute dienen und die Anreise angenehmer gestalten. Die Anreise mit den Entlastungszügen ist ja vollkommener Irrsinn und ebenso die Zustände vor dem Stadion. Den Einlass am Stadion wird man nicht verändern können, ist er auch noch so übel. Ich bin von Hause aus Ingenieur und musste mich schon mehrfach schwer wundern, dass eine Situation wie am Gästeeingang der Arena überhaupt zulässig ist. Wenn dort von hinten ein Panikschub kommt, werden die Leute an den spitzen Wellenbrechern dort zerquetscht oder zumindest schwer verletzt. Das ist grotesk.

Was aber vollkommen unmenschlich ist und durch uns direkt beeinflusst werden kann, ist der Transport mit den Bussen vom Hauptbahnhof zum Stadion. Die fahren ja nicht sofort los, wenn sie voll sind. Die Leute quetschen sich in die Busse bzw. werden in die Busse gequetscht und dann stehen sie erst einmal, und stehen und stehen, Sommers wie Winters, ob Leute Druck auf der Blase haben oder nicht, ob draußen 30 Grad im Schatten sind oder Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt. Bösartig könnte man sagen, dass dort Bürgerrechte temporär außer Kraft gesetzt werden, da ein Aussteigen ja ebenfalls nicht möglich ist.

Mit unseren Bussen wollen wir das entzerren. Wir fahren von unserem Stadion zur Arena. Die Einlassituation wird dadurch zwar nicht besser, aber wir können zumindest diesen Verschiebebahnhof entzerren und während der Anreise unsere Leute schützen. Man redet ja leider mittlerweile gar nicht mehr darüber, dass die Busse unserer Fans auf den Parkplätzen attackiert werden. Wenn wir nun mit einer gewissen Anzahl Busse anreisen, wird die Polizei hoffentlich auch dementsprechend reagieren.