Ganz Dortmund ist jetzt Sperrbezirk

DerWesten
Am Morgen des 16.05.2011 gegen 7 Uhr begannen die Abbrucharbeiten an den sogenannten Verrichtungsboxen an der Ravensberger Straße, dem seit diesem Tag gesperrten Straßenstrich in Dortmund.
Am Morgen des 16.05.2011 gegen 7 Uhr begannen die Abbrucharbeiten an den sogenannten Verrichtungsboxen an der Ravensberger Straße, dem seit diesem Tag gesperrten Straßenstrich in Dortmund.
Foto: WNM WAZFotoPool

Dortmund. Ganz Dortmund ist seit Montag, 0 Uhr, Sperrbezirk. Straßenprostitution ist nicht mehr erlaubt, in den frühen Morgenstunden wurden die Verrichtungsboxen an der Ravensberger Straße abgebaut.

Montag, 16. Mai, 7 Uhr. An der Ravensberger Straße in der Dortmunder Nordstadt rücken Bagger an und reißen die 2006 aufgebauten Verrichtungsboxen am Straßenstrich ein. Am ehemaligen Straßenstrich, genauer gesagt, denn seit Mitternacht ist ganz Dortmund Sperrbezirk. Auf der Linienstraße dürfen Freier auch auf der Straße angesprochen werden, der eigentliche Akt findet dann aber in den Bordellen statt.

Somit gilt jetzt das Verbot, das der Rat der Stadt Dortmund gefordert hatte und das von der Bezirksregierung Arnsberg mit der Begründung, der Jugendschutz in der Nordstadt könne mit der ausufernden Straßenprostitution nicht gewahrt bleiben, bestätigt wurde.

Die Stadt Dortmund hat es eilig. Trotz Meisterfeier in der Nacht zuvor ist am Montag schon vor 8.00 Uhr der Großteil der sogenannten Verrichtungsboxen des Straßenstrichs an der Ravensberger Straße mit Kreissäge und Spitzhacke zerlegt und entsorgt.


"Ab sofort ist die Straßenprostitution in ganz Dortmund verboten, und das werden wir auch kontrollieren", sagt Wilhelm Steitz. Der Ordnungsdezernent der Kommune ist höchstpersönlich zur Ravensberger Straße gekommen: "Der Anreiz, wegen der Verdienstmöglichkeiten auf dem gigantischen Strich nach Dortmund zu ziehen, ist beseitigt."


Seit der Öffnung der Grenzen nach Osteuropa 2007 ist die Zahl der Prostituierten in der Dortmunder Nordstadt von 50 auf 700 gestiegen, wie Ingo Moldenhauer, der Chef des Dortmunder Ordnungsamtes, berichtet. Anfang des Jahres ist er nach Bulgarien gereist. Staatliche Stellen erklärten ihm dort, es würden noch mehr Frauen nach Dortmund kommen, um dort als Prostituierte zu arbeiten. Weiterer Zuzug, davon sind Steitz und Moldenhauer überzeugt, wäre für die ohnehin problembeladene Nordstadt nicht zu verkraften gewesen.


In einem Container neben dem Strich hat bisher Kober ("Kommunikations- und Beratungsstelle für Prostituierte"), eine Einrichtung des Sozialdienstes Katholischer Frauen, den an der Ravensberger Straße tätigen Frauen von der Wohnungssuche über die Aids-Prävention bis zur beruflichen Reintegration Hilfe angeboten. Deren Leiterin Elke Rehpöhler hat im März eine Demonstration von Prostituierten gegen die Schließung des Straßenstrichs unterstützt. Sie berichtet vom immensen wirtschaftlichem Druck, der diskriminierte Roma-Familien in Südosteuropa dazu zwinge, ihre Töchter nach Deutschland zum Anschaffen zu schicken.


Dass das Konzept der Stadt aufgehen wird, glaubt Rehpöhler nicht. "Die Unterbindung der Straßenprostitution ist noch nie gelungen. Die nächsten Wochen werden wegen der Kontrollen ruhiger sein, aber das wird nicht von Dauer sein. Die Frauen werden Mittel und Wege finden, weiter auf der Straße ihrer Arbeit nachzugehen."


Rehpöhler hält die Entscheidung der Stadt für sehr problematisch. Die Arbeit der Frauen werde jetzt um vieles riskanter. "Bisher konnten sich die Frauen die Kunden genauer angucken und erst einmal mit ihnen reden." Durch die Boxen, die mit einer Alarmvorrichtung versehen waren, sei die Gewalt gegen die Frauen stark zurückgegangen. Durch die neue Sperrbezirksverordnung müssten sie nun irgendwo zu den Freiern ins Auto steigen und mit ihnen wegfahren. Auch mit verstärkter Zuhälterei, die bisher keine Rolle gespielt habe, sei zu rechnen, denn: "Es ist immer so gewesen, dass in der Illegalität die Kriminalität zunimmt", sagt Rehpöhler. "Unsere Arbeit wird zunehmen und schwieriger werden", ist sich die Sozialarbeiterin sicher.


Bei aller Kritik am Vorgehen der Stadt ist jedoch auch Rehpöhler davon überzeugt, dass etwas für die Nordstadt getan werden muss und eine Regulierung des Zuzugs von Frauen aus Bulgarien oder Rumänien notwendig ist. Die Schließung des Straßenstrichs sei aber der falsche Weg. Besser sei es, "den Aufenthalt in Deutschland zum Beispiel mit der Auflage zu verbinden, dass jede Frau eine Krankenversicherung hat".


Derweil schauen die Behörden der Nachbarstädte argwöhnisch auf die Entwicklung. Bochum fürchtet etwa, die Straßenprostitution, die es hier bisher nicht gibt, könne sich unter dem Druck der neuen Dortmunder Sperrbezirksverordnung auf Bochumer Gebiet verlagern. Dann hätte Dortmund sein Problem nicht nur auf Kosten der Prostituierten, sondern auch der Nachbarstädte gelöst. (mit dapd)