Für BVB-Fans war Lwiw Stadt mit zwei Gesichtern

Das Stadion in Lemberg glich einem Hexenkessel, in dem Borussia Dortmund aber sein erstes Gruppenspiel in der Europa League nach hochdramatischem Verlauf 4:3 gewann. Fotos: Stefan Reinke/DerWesten
Das Stadion in Lemberg glich einem Hexenkessel, in dem Borussia Dortmund aber sein erstes Gruppenspiel in der Europa League nach hochdramatischem Verlauf 4:3 gewann. Fotos: Stefan Reinke/DerWesten
Foto: Stefan Reinke

Lemberg.. Phantastischer Fußball, eine wunderschöne Altstadt, aber auch Armut und sinnlose Gewalt: Die BVB-Fans, die Borussia Dortmund zum Europa-League-Spiel ins ukrainische Lwiw begleiteten, stießen von einem Extrem ins andere.

Im Beatles-Song „Back in the USSR“ schwärmt Paul McCartney von den ukrainischen Mädchen. BVB-Fans werden das Lied jetzt mit anderen Ohren hören. Die Anmut der Bewohnerinnen Lwiws (oder Lembergs in der deutschen Version) verzückte so manchen weitgereisten Borussen. Etwa den älteren Edel-Fan, der sich auf dem Rathausplatz zu der Klage hinreißen ließ: „Warum bin ich bloß verheiratet?“ – während seine Gattin grinsend und nickend daneben stand. Oder den Fan, der im Vorbeigehen fragte, warum in dieser Stadt Schönheit so unglaublich ungerecht zwischen den Geschlechtern verteilt sei.

Lemberg ist überraschend schön. Wer, wie die siebenköpfige Crew im Bulli des Dortmunder Fan-Projekts, schon am Tag vor dem Spiel angekommen war, verfiel schnell ihrem Charme. Die Stadt versprüht mediterranes Flair, gemischt mit K.u.K.-Ambiente. Auch die Stimmung gegenüber den Fans aus Deutschland war durchweg freundlich.

Prachtbauten und Armut

Abseits der Prachtbauten in der Altstadt zeigte Lwiw aber auch sein anderes Gesicht, etwa in Gestalt der alten Frau, die in einer Markthalle ein Schälchen mit sechs Eiern an den Mann bringen wollte. Verzweiflung, mitten im Einkaufstrubel.

Als am Spieltag der Großteil der rund 600 BVB-Fans in der Stadt eintraf, änderte das an der positiven Atmosphäre Lwiws nichts – im Gegenteil. Schalträger wurden gegrüßt und in radebrechendem Englisch auf das Spiel angesprochen.

Doch das sollte sich ändern.

Die meisten Dortmunder hatten sich in einer Kneipe am Opernplatz versammelt und sich schon früh und weitestgehend friedlich in Stimmung gesungen. Nervosität kam auf, als Gerüchte die Runde machten, die „Banderstadt Ultras“ aus Lwiw hätten ihren Treffpunkt in der Nähe und seien auf dem Weg – was dann auch so war. Am Abend sahen sich rund 300 bis 400 BVB-Fans in der Innenstadt einer Übermacht aus etwa 1200 Ukrainern gegenüber und wurden mit Leuchtraketen beschossen.

Zwei Dortmunder leicht verletzt

Zwei Dortmunder wurden leicht verletzt. Die Polizei konnte die Lemberger Ultras nur mit gezogener Waffe stoppen, so dass glücklicherweise nicht noch mehr passierte. „Es kann nicht sein, dass die Polizei, die Lemberger Ultras ungehindert dort aufmarschieren lässt“, so ein Augenzeuge. Es sei ein beängstigender Anblick gewesen, wie sich immer mehr Lemberger auf der Straße sammelten und anschließend zum Angriff übergingen. Eine Frage tauchte in allen Köpfen auf: „Wie wollen die in zwei Jahren eine Europameisterschaft ausrichten?“

Auch in der Stadt war es zu kleineren Übergriffen gekommen. Ein Dortmunder wurde dabei am Auge verletzt und musste von BVB-Mannschaftsarzt Dr. Markus Braun mit zwei Stichen genäht werden. Zuvor irrte der Fan aber mit einer blutenden Platzwunde durch die Stadt.

Was folgte, war ein organisatorisches Chaos. Weder Verein, Polizei noch Stadt waren offenbar auf 600 Gästefans eingestellt. Die Polizei zeigte sich konzeptlos, hatte keine Idee, wie sie die Fans geschützt vor weiteren Übergriffen zum Stadion bringen sollte. Erst auf Drängen der Fanbetreuung wurde ein Bustransport organisiert. Unterdessen fuhren die Fangruppen, die mit eigenen Reisebussen vor Ort waren, zu einem unbeleuchteten Parkplatz in Stadionnähe. Eine gespenstische Szenerie, denn in den Büschen und Wäldchen um den Parkplatz lauerten Lemberger Schläger und warteten auf die Gelegenheit zum Angriff.

Die Polizei reagierte auch hier erst, als sie von Dortmunder Seite darauf aufmerksam gemacht wurde. Verstärkung kam und geleitete die Borussen über einen unbeleuchteten Weg zum Stadioneingang. Auch hier befanden sich in den Büschen angriffsbereite Lemberger Ultras. Die Dortmunder wurden schließlich in kleinen Gruppen, jeweils mit Polizeieskorte zum Gästeblock gebracht.

Dem aufregenden Spiel folgte der zweite Teil des Lemberger Polizei-Chaos. Die Dortmunder weigerten sich, zu Fuß zu ihren Bussen zu gehen. Immerhin ließ die Behörde die Busse daraufhin zum Stadion karren, die Fans konnten unmittelbar am Gästeeingang einsteigen. Erschwert wurde alles durch sprachliche Probleme, denn kaum ein Polizist konnte Englisch, sodass die Fans aus eigener Tasche einen Dolmetscher bezahlten, der von da an die Kommunikation mit den Beamten kanalisierte.

„Die Dortmunder haben sich fast vorbildlich verhalten“, sagte ein Mitarbeiter des BVB-Fanprojekts. „Vor allem auch im Stadion und beim Warten auf die Busse.“

Als die Reisebusse bestiegen waren, blieb noch das kleine Grüppchen vom Fan-Projekt, das nach wie vor zu seinem Bulli auf dem stockdunklen Parkplatz musste. Es gelang, die Polizei zu überzeugen, Geleitschutz zu geben. Um kurz vor zwei Uhr in der Nacht setzte sich dann der Bus-Konvoi in Bewegung. Vorne weg fuhr ein Polizeifahrzeug und wies den Weg zur Grenze. Geschafft!

 
 

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