Frostige Stimmung im „Hannibal“ in Dortmund nach Zwangsversteigerung

Der „Hannibal“ in Dortmund-Dorstfeld wurde am Mittwoch für bemerkenswert sieben Millionen Euro ersteigert. Die Mieter in dem stark renovierungsbedürftigen Wohnkoloss machen sich Sorgen. Foto: Franz Luthe
Der „Hannibal“ in Dortmund-Dorstfeld wurde am Mittwoch für bemerkenswert sieben Millionen Euro ersteigert. Die Mieter in dem stark renovierungsbedürftigen Wohnkoloss machen sich Sorgen. Foto: Franz Luthe
Foto: WR/Franz Luthe
Kaum jemand weiß, wie er von innen aussieht: der Hannibal in Dortmund. Nach der Zwangsversteigerung, bei der eine Firma für 7 Millionen Euro (Verkehrswert 3,7 Mio.) den Zuschlag für den Wohnkoloss in Dorstfeld erhielt, erklärt ein dort wohnendes Paar die Sorgen der Mieter. Ein Betonklotz am Abgrund.

Dortmund.. Das Problem ist, dass nichts passiert. Gar nichts. Nie. Es kümmert sich einfach niemand. Fast jedes Wochenende ist der Fahrstuhl kaputt, die Heizung sowieso, Dinge werden beschmutzt, zerstört und gestohlen, nachts schleichen unheimliche Gestalten über die Flure, so dass die Bewohner sich kaum noch blicken lassen und nur noch im Notfall einen Fuß vor ihre Tür setzen. So langsam geht der Dorstfelder Wohnkoloss Hannibal den Bach runter. Denn allmählich fressen sich die Probleme durch den Beton wie eine unaufhaltbare, ätzende Säure.

Eigentlich sind die Wohnungen ein Traum. Jede geht sozusagen über zwei Etagen, geräumig und gemütlich, kaum zu glauben, wenn man nur die Außenansicht kennt. Dieser amerikanisch wirkende Schnitt mache viele Besucher oft neidisch, sagt Tanja Born.

Zusammen mit ihrem Mann wohnt sie seit sechs Jahren im Hannibal. Seit einiger Zeit ist Tanja Born arbeitsunfähig, ihr Mann hat den Job aufgegeben um sich um sie zu kümmern. Beide sind nun vom Jobcenter abhängig, zahlen knapp 500 Euro Warmmiete für ihre 76 Quadratmeter große Wohnung.

Wunderbarer Beginn

„Anfangs war es auch wunderbar hier“, sagt Tanja Born. Doch spätestens seit Janssen & Helbing pleite gingen, häuften sich auch die Probleme im Hannibal.

Die Sicherheitsleute verschwanden vom einen Tag auf den anderen, die Überwachungskameras wurden ausgeschaltet, die Reparaturmaßnahmen auf das absolute Minimum heruntergeschraubt. Ein Beispiel: 2007. Der Orkan Kyrill hatte einen Wasserschaden in der Küche der Borns verursacht. Ein halbes Jahr warteten die beiden vergeblich auf die Reparaturen, und die kamen auch dann erst nach mehrfacher Androhung von Mietkürzungen. Solche Vorfälle sind mittlerweile Alltag. Der Fahrstuhl etwa fällt fast jedes Wochenende aus, dann müssen die Borns zu Fuß in ihre Wohnung – in den elften Stock.

Frostige Stimmung

„Hier wird mittlerweile auch jeder rein gelassen“, sagt Tanja Born. „Wer eine Wohnung will, bekommt auch eine.“ Die Stimmung unter den Mietern ist dementsprechend frostig, die meisten tauchen ab in der Anonymität des Betonklotzes. Die jetzige Zwangsversteigerung des Gebäudes hat die Stimmung nicht verbessert, im Gegenteil. Die Mieter haben Angst, dass alles so bleibt, wie es ist – oder sogar noch schlechter wird. Dennoch geben die Borns die Hoffnung nicht auf. „Vielleicht kommen ja jetzt endlich mal die Guten“, sagt Tanja Born.

Immer wieder bahnen sich Gerüchte durch den Hannibal, etwa dass der Koloss leergeräumt werden solle. Offiziell heißt es aber, die Mieter hätten nichts zu befürchten. Die Borns hoffen, dass das auch so bleibt. Denn eigentlich finden sie es ziemlich schön hier. Die Lage ist gut, die Wohnung gefällt ihnen, und zu vielen ihrer Nachbarn haben sie ein gutes Verhältnis. Eigentlich könnte man hier durchaus gut leben. Eigentlich.

 
 

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