Flüchtlinge in Dortmund sind nicht mittendrin – und nicht dabei

Esmatullah Scherzad in seinem Zimmer in der ZKU. Foto: Knut Vahlensieck
Esmatullah Scherzad in seinem Zimmer in der ZKU. Foto: Knut Vahlensieck
Foto: Knut Vahlensieck

Dortmund. „I love Dortmund“ verkündet die Postkarte am Schrank von Esmatullah Scherzad und seinem Mitbewohner. Auf die Tapete haben Vormieter Bilder von zwei hübschen Frauen mit großen, dunklen Augen gezeichnet. Viel mehr gibt es im Zimmer der beiden jungen Männer in der Zentralen Kommunalen Unterbringungseinrichtung (ZKU) am Westfalendamm aber nicht zu sehen: die abgewetzte Ledercouch sieht etwas bequemer aus als die Metallbetten, der bunte Teppich verdeckt zumindest zum Teil den zerschlissenen PVC-Boden.

Seit November wohnt der 16-jährige Afghane hier. Es ist ein Dach über dem Kopf. Eine Übergangslösung. Für Esmatullah ist das Zimmer aber zunächst sein Zuhause.

Noch wohnt der junge Afghane mit 129 anderen in der ZKU am Westfalendamm, bis zum Umzug – voraussichtlich Ende März. „Zum Glück“, findet nicht nur Tina Kleßen, die für den Betreiber European Homecare die Einrichtung leitet. Aus allen Ämtern und Behörden, die für die Flüchtlinge zuständig sind, erklingen erleichterte Stimmen deswegen. Ein Blick in die alte Kaserne macht sehr deutlich, warum.

Kalt und grau

Kalt und grau sind die Räume. Vergilbt die Wände, zersplittert das Holz an den Türen, die Böden überall dort abgewetzt, wo statt der grün-gelblichen Fliesen Holz- oder PVC liegt. Einzig die Bilder im Flur in der ersten Etage sorgen für einen sonderbaren Gegensatz. In dieser Etage ist die Erstaufnahme. Hier kommen die Flüchtlinge an.

Heute sitzt eine Familie aus dem Kosovo auf den grauen Stühlen, ihre Halbseligkeiten in Plastiktaschen. Eine andere Familie kommt aus Tschetschenien. Eine Frau aus dem Iran sitzt alleine auf dem Flur. Sie alle müssen zuerst Formulare ausfüllen, in 33 Sprachen liegen sie im Aufnahmebüro. Hier empfängt Wahed Kabir die Menschen.

„Viele haben Angst“

Der gebürtige Afghane kann erahnen, wie sich die Menschen fühlen, die in Deutschland angekommen sind und sich nun Fragebögen und Fotoapparaten stellen müssen. Kabir ist selbst 1989 als Asylbewerber nach Deutschland gekommen. „Viele haben Angst, sie wissen nicht, was sie erwartet“, sagt Kabir. Das Kasernengelände tut sein übriges dafür, dass sich die Menschen nicht allzu wohlfühlen.

Mit den ausgefüllten Papieren geht’s dann einen Raum weiter – zur Zentralen Ausländerbehörde, wo die Flüchtlinge registriert werden und erfahren, welcher Kommune sie zugeteilt werden. Wer während seines Verfahrens in Dortmund bleibt, landet in der kommunalen Einrichtung in den oberen Etagen der Kaserne – so wie Esmatullah Scherzad. Ausnahme sind die Minderjährigen, die direkt in eine Jugendhilfeeinrichtung kommen. Der 16-jährige Afghane wurde aber als ausreichend selbstständig eingestuft, um dort zu wohnen.

Umzug nach Grevendicks Feld

Wie etwa 50 andere Minderjährige auch, alles Jungs, die auf einer Etage in Zwei-, Drei- oder Vierbettzimmern leben. Hier sieht’s genauso aus, wie eine Etage tiefer. In einem mit alten Kochplatten bestückten Raum wird gekocht. Das Badezimmer ist auch auf dem Flur: Zehn Duschen und zehn Toiletten teilen sich 70 Bewohner – eine kleine Wasserlache hat sich unter dem Waschbecken gebildet, wo die Kacheln zersprungen sind.

„Für ein paar Tage kann man viel ertragen“, meint Kleßen. Aber manche Flüchtlinge blieben Jahre dort. Deshalb verspricht sich die Einrichtungsleiterin viel von dem Umzug. Auch wenn noch gar nicht klar ist, ob European Homecare auch in Zukunft für die Einrichtungen zuständig sein wird. In Grevendicks Feld in Lütgendortmund – dort, wo die Verwaltung vorschlägt hinzuziehen – gibt es richtige Wohnungen. „Eine gigantische qualitative Verbesserung“, betont Jörg Süshardt, stellvertretender Sozialamtsleiter. Der klassische 60er Jahre Siedlungsbau hält Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen vor, jede mit Bad und Küche. Wohnungen, die in einem richtigen Wohngebiet sind – mit Grünflächen rundherum. Vielleicht passt die Postkarte von Esmatullah hier besser hinein.

 
 

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