FH Dortmund plant Studiengang "Armut und Migration"

Katrin Figge
Immer mehr Südosteuropäer zieht es in deutsche Großstädte - viele davon sind Menschen, die in ihrer Heimat unter prekären Bedingungen leben.
Immer mehr Südosteuropäer zieht es in deutsche Großstädte - viele davon sind Menschen, die in ihrer Heimat unter prekären Bedingungen leben.
Foto: Ralf Rottmann
Wie geht man mit Flüchtlingen aus Rumänien oder Bulgarien um? Die Frage drängt in Großstädten wie Dortmund oder Duisburg. Ein neuer Studiengang der FH Dortmund soll Sozialarbeiter dafür fit machen — und Job-Center, Ämter und Hilfsorganisationen sind brennend an einer Zusammenarbeit interessiert.

Dortmund. Armutsflüchtlinge aus Südosteuropa stellen Großstädte wie Dortmund oder Duisburg vor riesige Probleme. Die Fachhochschule Dortmund plant deshalb den neuen Studiengang "Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Armut und Migration". Kooperationspartner ist die Stadt.

2007 traten Bulgarien und Rumänien der EU bei. Seitdem ziehen dank der Arbeitnehmerfreizügigkeit immer mehr Südosteuropäer in deutsche Großstädte — viele davon sind Menschen, die in ihrer Heimat unter prekären Bedingungen leben. Die problematischen Folgen: Viele Zuwanderer sprechen kein Deutsch, sind nicht krankenversichert, können Behörden-Formulare nicht ausfüllen und scheuen sich Hilfe anzunehmen.

Um den Migranten zu helfen und sie zu integrieren braucht es gut ausgebildete Sozialarbeiter — und die will der Fachbereich "Angewandte Sozialwissenschaften" der FH an der Sonnenstraße mit dem neuen Studiengang ausbilden.

Los geht's im Wintersemester 2014/15 mit wahrscheinlich 35 Studienplätzen. Das Bachelor-Studium soll vier Jahre dauern und ist dual — die Studenten wechseln also zwischen Hörsaal und Arbeitsplatz. Wir haben mit Prof. Esther Klees gesprochen und beantworten die wichtigsten Fragen rund um den neuen Studiengang!

Ist das Thema nicht zu frisch, um es zu lehren?

Zugegeben — in den nächsten Jahren wird sich noch sehr viel tun. "Es ist nicht vorauszusehen, wie sich das Thema entwickelt", erklärt Prof. Esther Klees. Sie baut den Studiengang mit auf und weiß: "Es begegnet einem so viel Panik. Aber wird überhaupt eine Welle von Armutsflüchtlingen über Deutschland schwappen?". Man weiß es nicht. Die Inhalte werden sich daher flexibel den Bedingungen anpassen.

Aber das Studium soll auch Grundlagen schaffen. Zwar wurde schon eifrig auf dem Gebiet der Armutsmigration geforscht, aber im Studium geht die Forschung weiter. Zum Beispiel schreiben die Studenten ihre Hausarbeiten aus der Praxis heraus — beschreiben also die Arbeitsweise ihrer Einrichtung oder den Umgang mit den Klienten.

Neben Forschungsergebnissen sind auch Erfahrungen aus der Praxis ins Curriculum des neuen Studienganges eingeflossen. Prof. Klees und ihre Mitstreiter haben sich mit Fachkräften getroffen, die schon lange mit Armutsflüchtlingen arbeiten. Welche Erfahrungen können sie beisteuern? Welche Erwartungen haben sie an den Studiengang? Was müssen die Studenten können?

Und komplett neu ist der Studiengang ohnehin nicht. Der Schwerpunkt "Armut und Migration" ist zwar deutschlandweit einzigartig. Aber das Studium baut auf dem bestehenden Bachelor-Studiengang "Soziale Arbeit" auf.

Viele Inhalte sind also gleich. Aber eben nicht alle: Zum Beispiel lernen alle Studenten rechtliche Grundlagen der Sozialarbeit, aber die "Migrations"-Studenten setzen mit Aufenthaltsbestimmungsrecht, Sozialleistungsansprüchen für Migranten und anderen Details noch einen drauf. Wichtig ist nur, dass Absolventen des neuen Schwerpunkt-Studiengangs auch in allen anderen Bereichen arbeiten können.

Was macht den Umgang mit Flüchtlingen aus Rumänien und Bulgarien so "anders"?

Klar, Sozialarbeiter müssen sensibel auf ihre Klienten eingehen können. Aber Armutsflüchtlinge haben spezielle Bedürfnisse: Sie sprechen kein Deutsch, kennen keine Krankenversicherung, kämpfen gegen Vorurteile. Sie wurden in ihrer Heimat ausgegrenzt und werden es in ihrer neuen Heimat auch. Das reißt Wunden.

Den Studenten muss also bewusst sein: Wieso verlassen Menschen ihre Heimat? Wurden und werden die Migranten diskriminiert? Welche Voruteile haben die Deutschen und die Studenten selbst? Wie offen ist unsere "Willkommenskultur"? Was sind die Ursachen von Armut? Wie überwinde ich die Scheu der Menschen, sich helfen zu lassen? Wie lassen sich Talente nutzen und ins Bildungssystem integrieren? Und was ist mit den Kindern?

Neben Fakten-Wissen über Migrationsbewegungen in der EU, rechtliche Rahmenbedingungen oder Hilfsangebote müssen die Studenten also auch hinter die Fassade der Menschen blicken und deren Vertrauen in ein System aufbauen, das sie nicht kennen.

Was ist die Aufgabe der Stadt als Kooperations-Partner?

Inhaltlich funkt die Stadt Dortmund der FH nicht dazwischen. Wohl aber organisatorisch: Die Stadt hat einen Antrag auf Fördermittel aus dem EU-Sozialfonds gestellt. Die Zusage sei zwar noch nicht da, erklärt Prof. Klees, aber die Förderung gilt als sicher.

Dadurch würden 30 der 35 Studienplätze gefördert. Hintergrund: Vielen vor allem kleineren Trägern fehlt schlichtweg das Geld, um einen "dualen Studenten" anzustellen und angemessen zu bezahlen — aber gut ausgebildete Experten sind dringend nötig.

An wen richtet sich der neue Studiengang?

An alle Studenten, die sich zum Sozialarbeiter ausbilden lassen wollen. Geplant ist, ab diesem Wintersemester 35 Studienplätze anzubieten. Die FH möchte vor allem Studenten mit Migrationshintergrund ansprechen, aber auch Studenten mit speziellen Sprachkenntnissen.

Da es aber ein duales Studium ist, brauchen die Studenten einen Träger — also einen Arbeitgeber, bei dem sie die Hälfte der Zeit arbeiten. Bislang haben schon viele Einrichtungen Interesse an einer Zusammenarbeit gezeigt. Darunter sind JobCenter, Jugend-, Gesundheits- oder Sozialämter, Hilfsorganisationen, Integrationsagenturen, Beratungsstellen für Prostituierte oder auch Bildungsträger, die Fortbildungen für Migranten anbieten.