"Es gibt keinen Weg zurück"

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New York/Essen. Die mediale Welt ist im Wandel - durch ihre Digitalisierung schneller als jemals zuvor. John V. Pavlik, Professor an der Rutgers Universität, spricht im Interview über die Zukunft des Journalismus.

Die mediale Welt ist im Wandel - durch ihre Digitalisierung schneller als jemals zuvor. Dabei entstehen in kurzer Zeit immer neue Möglichkeiten der Nachrichtenbeschaffung, -produktion und Übermittlung. Doch was bedeuten diese entscheidenden Veränderungen für den Journalismus? Welchen Veränderungen wurde und wird dieser auch in naher Zukunft unterzogen? Prof. Dr. John V. Pavlik, Professor an der Rutgers Universität, beschäftigt sich seit Jahren mit diesen Fragestellungen. Im Interview schaut er mit einen kritischen Blick in die Redaktionen und wagt einige Prognosen für die Zukunft der Medienschaffenden.

Welche Entwicklungen die digitale Medien derzeit zu bieten haben, sind für Sie die besten?

John V. Pavlik: Das ist schwierig zu sagen und ehrlich, ich denke, das Beste wird erst noch kommen. Allerdings, einige der besten Entwicklungen, die den Journalismus heute verändern sind erstens: Digitales Video und digitale Fotografie. Sie ermöglichen es Bürgerjournalisten, an jedem Ort Nachrichten zu erfassen. Zweitens: Mobile Medien, die Journalisten und Bürgern erlauben, den ganzen Tag über an jedem Ort wichtige Nachrichten zu erhalten. Und drittens: Google Earth, das für alle Nachrichtenorganisationen und Bürger frei zugänglich ist und zeigt, wie wir Nachrichten visualisieren und verorten können.

Verwenden europäische Medienkonzerne bereits alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der digitalen Medien?

Nein, nirgends gibt es Medienkonzepte, die vollständig die Möglichkeiten der digitalen Technologie in Anspruch nehmen. Es gibt verschiedene interessante Unterschiede, und sie beinhalten das Ausmaß, in dem sich neue Formen der digitalen Geschichtserzählung entwickelt haben – wie vergrößerte Wirklichkeitsdarstellungen (durch Geotagging von Inhalten) und 3D-Abbildungen. Auch die ökonomischen Modelle digitaler Medien haben sich in verschiedenen Stufen entwickelt.

Wie sollten Journalisten und Medienkonzerne mit dem raschen Wandel des Medienkonsums umgehen?

Sie sollten in zwei Stufen vorgehen. Die erste Stufe sollte auf das fokussiert sein, was heute weit verbreitet und relativ einfach anzuwenden ist, wie das Bereitstellen von Inhalten für mobile Geräte in einem konventionellen Format (u.a. optimierte Websites für Mobilgeräte, Twitter etc.). Eine zweite Stufe sollte sich auf das Experimentieren konzentrieren, die Gelegenheiten zu nutzen, bis an die Grenzen zu gehen. Hier können sich einige Versuche als gut herausstellen und einige können schief gehen. Die Kosten dieses Experimentierens können allerdings sehr gering sein, denn das Ausprobieren digitaler Technologien ist nicht teuer. Zum Beispiel würde es ein sehr interessantes Experiment sein, mehr Geschichten durch Geotagging zu erzählen.

Wenn Mediennutzer nicht mehr länger passive Empfänger, sondern aktive Teilhaber an der Nachrichtenproduktion sind, indem sie Berichte auf den Webseiten von Zeitungen kommentieren, bloggen oder podcasten, wird der professionelle Journalismus trotzdem zukünftig weiterhin von großer Wichtigkeit sein?

Der professionelle Journalist wird mehr denn je von großer Bedeutung sein. Er wird ein Lenker oder Sinnstifter sein, wenn es darum geht, wichtige Ereignisse wiederzugeben. Der professionelle Journalist wird in der Lage sein, besondere Perspektiven aufzuzeigen, die objektiv sind, und er wird Trends und Entwicklungen durchschauen, die Bürgern schwerer ersichtlich sein könnten.

Was macht die digitale Medienwelt besser als die “alte Form” des Journalismus?

Nicht alles Digitale ist besser als die analoge Welt, aber es gibt keinen Weg zurück. Damit ist gemeint, eine der großen Leistungen ist es, dass es eine größere Einflussnahme der Bürger auf ihre Medienerfahrung gibt. Dies zeigen auch elektronische Bücher. Konsumenten können einfach zu jeder Zeit, an jedem Ort jedes Buch in eBook-Form erhalten, und dies gewöhnlich für einen sehr viel günstigeren Preis (manchmal sogar kostenlos). Sie können in den eBooks nach Schlüsselwörtern suchen, sie mit Anmerkungen versehen, Lesezeichen hinzufügen etc. eBooks haben auch Nachteile, aber das ist eine andere Sache.

In welcher Art und Weise können oder werden klassische Medienformen wie Radio, Fernsehen und Zeitungen überleben?

Sie werden überleben und sogar florieren, indem sie sich den Kompetenzen anpassen, die im digitalen Bereich einmalig sind. So wird zum Beispiel das Fernsehen weiterhin durch 3D- und HD-Formate florieren. Zeitungen müssen mehr tun, um flexibler zu sein.

Mit einem Blick auf “virtuelle Newsrooms” stellt sich die Frage: Werden Redaktionen in der Zukunft weiterhin existieren?

Redaktionen werden auch weiterhin existieren. Aber sie werden reduziert werden und effizienter arbeiten, weniger Kosten verursachen.

In Ihrem Buch “Media in the Digital Age” beschreiben Sie neue Wege, lokale Nachrichten zu veröffentlichen wie „ChicagoCrimes“ und “Red Bank Green”. Betrachtet man dieses: Werden Zeitungen eine kommerzielle Chance haben, nachdem sie ihre lokale Exklusivität verloren haben?

Ja, sie können kommerziell überleben, wenn sie drei Dinge unternehmen. Erstens müssen sie für den digitalen Bereich wesentlich ihre Content-Formate und Übertragungsmethoden überarbeiten. Zweitens müssen sie alternative Wirtschaftsmodelle wie Mikrozahlungen auf Verlangen und kundenspezifische Inhalte entwickeln. Und drittens müssen sie die Effizienz ihrer Arbeitsabläufe stark intensivieren und durch dieses Kosten reduzieren.

Wie werden die Mediennutzer in 20 Jahren sein?

Die Mediennutzer in 20 Jahren werden hochgradig in ihrem Medium eingebunden sein, sowohl als Produzent als auch als Nutzer. Mobile und tragbare Medien werden allgegenwärtig sein und eindringliche Medienerfahrungen alltäglich werden.

In diesem Monat wird die zweite Auflage ihres Buches “Converging Media: A New Introduction to Mass Communication” veröffentlicht. Können Sie uns ein darüber erzählen?

Es ist der erste Text, der vollständig der Prämisse folgt, dass das Mediensystem in der Produktion, der Lieferung und dem Konsum vollkommen digitalisiert wird. Es bringt die Medienindustrie, -kultur und –technologie zusammen in konvergente Systeme. Es betrachtet soziale Medien als einen zentralen Teil des Mediensystems des 21. Jahrhunderts.

 
 

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