Es begann mit einem Märchen

Foto: Knut Vahlensieck

Dortmund. Konzerthaus, 2. Etage, Büro des Geschäftsführers. „Meine erste Platte?" Benedikt Stampa lehnt sich zurück. Weiter, als es der schwarze Ledersessel ermöglicht. Zurück in seine Kindheit.

„Die Allererste hab ich gar nicht mehr. Eine Märchenplatte war das, vom Karussell-Verlag." 2,04 Meter misst der Konzerthaus-Chef. Aber jetzt ist er wieder klein. „So ein rotes Logo, mit Schirmchenmuster. Aschenputtel." Gereimte Erinnerungen: „Rucke di gu, rucke di gu, Blut ist im Schuh." Und die Kutschfahrt zum Schloss, „mit dieser Musik von Händel - da-dapp-dapp-dapp-dapp, da-dapp-dapp-dapp-dapp… Die Wassermusik, nicht wahr?" Achselzucken beim Gast. „Oder die Feuerwerksmusik?" Die Nachfrage bei der Sekretärin ergibt: Eher die Feuerwerksmusik.

Große Ouvertüre! Jetzt ist der 43-Jährige in seinem Element. Er hört Musik nicht. Er lebt sie. Erlebt sie. Auch wenn er nur drüber spricht. Seit frühester Kindheit begleiten ihn Klänge. Hausmusik haben sie gemacht, die Stampas. Blockflöte, Klavier, Gitarre, Mundharmonika. „Das war meine musikalische Sozialisation". Sie führt ihn zur Klassik.

Der alte Beethoven

Die älteste Platte, die er hat, ist bis heute eine seiner liebsten: Beethoven, das Klavierkonzert Nr. 3 in c-Moll, Rondo für Klavier und Orchester, gespielt von dem russischen Pianisten Svjatoslav Richter und den Wiener Symphonikern unter Kurt Sanderling. Eine Aufnahme der Deutschen Grammophon von 1962. „100 000 Mal gehört", schwärmt Stampa. Schon deshalb nicht mehr ganz frisch und ohne Kratzer, aber mit ungeheurem Ausdruck.

Seit jeher fasziniert ihn das Klavier. „Der Sound hat mich immer begeistert. Die Sinnlichkeit des Instruments. Seine Möglichkeiten." Erfahrungen jenseits der Klassik sind rar, aber es gibt sie. Benedikt ist 17, sein Bruder Damian 18.

„Wenn wir sturmfreie Bude hatten, trafen wir uns an der elterlichen Anlage im Eichenschrank, hörten Pink Floyd, Status Quo und Alan Parsons." Die ersten Textzeilen von „The Raven" hat Stampa heute noch drauf.

Klassische Momente

Aber die wirklich großen Momente sind klassische. Letztens hat er sich Tosca gegönnt. „Die legendäre EMI-Aufnahme der Callas mit Tullio Serafin." Die CD läuft im Auto, als Stampa - mit Frau und Schwiegermutter - in den Nordseeurlaub fährt. Die Dinge spitzen sich zu. Schließlich ist das Reiseziel längst erreicht, aber der Intendant bleibt im Auto sitzen. „Letzter Akt. Da singt die Callas um ihr Leben. Da kann man nicht einfach aussteigen." Musik hat dann mehr Gewicht als ein Tagesablauf. „Sowas fühlt sich an, als ob du in Verona sitzt." Dabei ist es nur ein alter Saab.

Für den Intendanten spielt die Musik meist im Auto. Schon berufsbedingt. Unterwegs sondiert Stampa mögliche Verpflichtungen fürs Konzerthaus. Privat läuft zurzeit Othello. Manchmal auch WDR 3 oder Deutschlandfunk. „Und wenn mein Sohn mit dabei ist, auch schon mal was Modernes." Nur ein Sender ist tabu: „WDR 4 geht gar nicht."

 
 

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