Erste Muttermilchbank in NRW versorgt Frühchen

Die Muttermilch muss in der Bank kühl gelagert werden.
Die Muttermilch muss in der Bank kühl gelagert werden.
Foto: Volker Hartmann
Die einen haben zuviel, die anderen zuwenig: An den Städtischen Kliniken Dortmund helfen Mütter von Frühchen nun einander mit Milchspenden.

Dortmund. Größe liegt im Auge des Betrachters. In der Dortmunder Kinderklinik beugt sich Nadine Böke über die Wiege ihres Sohnes Johan, hält seine Hand. „Ach, das kleine Händchen“, entzückt sich eine Besucherin, da blickt die Mutter empört auf: „Das ist doch schon groß!“ Johan kam als extreme Frühgeburt mit 740 Gramm zur Welt. Morgen geht’s nach Hause mit 2300 Gramm. So relativ ist das.

Aber eines bleibt von den beiden: Nadine Böke ist die erste Frau, die Muttermilch gespendet hat für andere Frühchen hier im Klinikum. Das hat jetzt nämlich eine Muttermilch-Bank, die erste in Nordrhein-Westfalen: Sie soll Frühgeborene im Hause, deren Mütter nicht genug eigene Milch haben, versorgen mit der Milch anderer Frühchen-Mütter, die zuviel haben.

48 Frühgeborene auf zwei Stationen

Denn sie sei noch mal anders als die Muttermilch für Kinder, die in etwa zum errechneten Zeitpunkt kommen: „Mehr Antikörper, mehr Enzyme, besondere Eiweiße, sie schützt noch mehr vor Infektionen und Komplikationen und ernährt optimal“, sagt Professor Dominik Schneider, der Direktor der Klinik. Sie ist eine der größten in Deutschland für Frühgeborene: Allein in dieser Woche liegen 22 auf der Intensivstation und 26 auf der Frühgeborenenstation.

Bisher hatte die Kinderklinik etwa 20 Liter Muttermilch im Jahr bei der Bank in Leipzig gekauft und ansonsten die Kinder mit industrieller Frühgeborenenmilch gefüttert: „Das sind exzellente Produkte. Aber Muttermilch ist noch besser.“ Nun hofft Schneider, mit eigenen Spenderinnen den Bedarf von 100 bis 200 Litern jährlich decken zu können. Ihre Milch wird dann untersucht, haltbar gemacht und gefroren gelagert; und künftig soll anonym bleiben, wer spendet und wer annimmt.

„Sie können nicht sagen: Brust, gib Milch!“

Der Bedarf entsteht, weil nicht alle Mütter nach einer so frühen Geburt schon Milch produzieren. Oft ist die Brust noch nicht so weit, dazu kommt der hemmende Stress durch die Frühgeburt. „Sie können nicht sagen: Brust, gib Milch!“

Mit Böke und Schneider hatten sich zwei getroffen, die dachten ähnlich. Hier die 36-jährige Physiotherapeutin, die ihre überschüssige Milch zuhause einfror, bis alles voll stand: „Ich konnte aber meine Milch nicht einfach wegschütten.“ Dort der 48-jährige Arzt, der übrig gebliebene Milch wegschütten ließ, wenn eine Mutter und ihr Kind heimgingen: „Aber wir haben das immer als Frevel empfunden.“ Die Muttermilchbank kostet eine vierstellige Summe für die Untersuchung und die Dokumentation. Und die zuständige Behörde ist das Veterinäramt: Stichwort Produktion von Lebensmitteln.

Muttermilchbanken sind in Ostdeutschland mehr verbreitet als im Westen, wo es bisher nur eine gab, in München. In der damaligen DDR sollten sie dazu beitragen, dass junge Mütter früh wieder zur Arbeit gingen und ihre Kinder doch das beste Nahrungsmittel bekamen.

 
 

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