Erstaufnahme in Dortmund stößt an ihre Grenzen

Die Erstaufnahme für Asylbewerber in Dortmund ist eigentlich auf 300 Bewohner ausgelegt. Zurzeit kommen bis zu 1000 Menschen pro Tag hier an.
Die Erstaufnahme für Asylbewerber in Dortmund ist eigentlich auf 300 Bewohner ausgelegt. Zurzeit kommen bis zu 1000 Menschen pro Tag hier an.
Foto: Tim Schulze / FUNKE Foto Services
Die Flüchtlings-Erstaufnahme in Dortmund ist klein, nimmt aber bundesweit die meisten Asylbewerber auf. Fast 1000 Flüchtlinge kommen - am Tag. Leiter Murat Sivri hält diese Dimension für "verrückt".

Dortmund. Murat Sivri ist der Typ lockerer Manager, der auch mal lächelt. Sein Job legt das nicht unbedingt nahe. Der 41-Jährige ist der Leiter der Flüchtlings-Erstaufnahme in Dortmund. Hier kommen bundesweit die meisten Flüchtlinge an - bis zu 1000 pro Tag. Es geht zu wie am Bahnhof.

Während des ersten schnellen Händedrucks spricht Sivri am Handy mit einem Kollegen und versucht einen albanisch sprechenden Hausmeister im Tausch gegen einen Sozialarbeiter zu organisieren. Der Mann soll in einem neuen Haus für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge an der Hohensyburg in Dortmund eingesetzt werden. "Den jungen Leuten muss ja gezeigt werden, wie alles funktioniert."

Erstaufnahme für Flüchtlinge in Dortmund erlebt harte Monate

Hintergrund Dem 41 Jahre alten Gastarbeitersohn sieht man nicht an, dass er die härtesten Monate und den härtesten Montag überhaupt hinter sich hat. "Was ich hier mache ist Krisenmanagement. Wir bewegen uns in Dimensionen - das ist verrückt." Seit Monaten kommen immer mehr Flüchtlinge in die Erstaufnahme nach Dortmund. Am Montag war die Zahl 1000 fast geknackt. 997 Menschen standen im Tagesverlauf an der Schranke, um Asyl zu beantragen. Die Anlage ist für 300 Menschen ausgelegt und bietet noch 50 Notplätze.

"Der große Widerspruch ist: Wir sind die kleinste Erstaufnahme, haben aber den größten Zulauf", sagt Sivri. Der Grund ist das Ruhrgebiet. Hier leben viele Ausländer. Die neuen Flüchtlinge bekommen Informationen von Freunden, Verwandten und Netzwerken, wohin sie gehen sollen. Manche werden gleich mit dem Wagen bis zum Pförtner in die Glückaufsegenstraße in Dortmund-Hacheney gebracht. Die Erstaufnahme ist die einzige weit und breit.

Als die Erstaufnahme innerhalb Dortmunds an ihren jetzigen Standort im Stadtteil Hacheney umsiedelte, ging es noch beschaulich zu. "Anfang 2012 waren es maximal 20 Zugänge am Tag, montags vielleicht 60 bis 70", sagt Sivri. "Wir kannten damals die Namen der Menschen und ihren Weg."

Manager arbeitete schon als Hilfskraft in Erstaufnahme

Der Industriemechaniker hatte während seines sozialwissenschaftlichen Studiums zunächst nachts als studentische Hilfskraft in der Erstaufnahme gearbeitet. Später wurde es in Hacheney ein Vollzeitjob. Als die Leiterin in die Elternzeit ging, bot man dem gebürtigen Bochumer den Job an. Er ist Bochumer, weil sein Vater in den 60er Jahren als früher Gastarbeiter nach Salzgitter kam, dort am Hochofen stand und später ins Revier zog.

Schade findet Sivri, dass "über die Flüchtlingsarbeit viel Unwissenheit in der Bevölkerung" herrsche. Zum Beispiel, weil Flüchtlinge manchmal mit dem Taxi vorfahren und ein Handy haben. Aus Syrien zum Beispiel kämen keine Wirtschaftsflüchtlinge. "Die Syrer kommen eher aus gehobenen Schichten." Die Familien würden alles auf eine Karte setzen und beispielsweise den Vater auf die Flucht nach Deutschland schicken. Dazu brauche man Geld, unter anderem für Fluchthelfer.

Flüchtlinge in Deutschland Sivri kennt den Fall eines Syrers, der mit der Familie in den Libanon floh und von dort die Reise über Brasilien nach Deutschland organisierte. "In Deutschland hoffen sie dann so schnell wie möglich anerkannt zu werden, um die Familien nachholen zu können."

Für Roma aus Balkanländern wie Serbien hält er die Bezeichnung Wirtschaftsflüchtlinge auch für falsch. Sie würden in einigen Ländern ausgegrenzt und hätten keine Möglichkeit zu arbeiten. "Sie landen in der Armutsfalle. Genaugenommen sind sie aufgrund ihrer Herkunft verarmt." (dpa)

 
 

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