Ermittlungspanne nach Mord an drei Dortmunder Polizisten

Tobias Großekemper
Der Tatort am Unteren Graffweg wenige Minuten nach der Tat. Hier starb am 14. Juni 2000 ein Polizist, eine Kollegin wurde schwer verletzt.
Der Tatort am Unteren Graffweg wenige Minuten nach der Tat. Hier starb am 14. Juni 2000 ein Polizist, eine Kollegin wurde schwer verletzt.
Foto: Nils Foltynowicz
Bei den Ermittlungen zu den Dortmunder Polizisten-Morden gab es eine Panne. Die Folge: Der NSU-Untersuchungsausschuss hat eine falsche Zeugin geladen.

Dortmund. 16 Jahre nach dem dreifachen Polizistenmord durch den Dortmunder Michael Berger ist eher zufällig eine Ermittlungspanne entdeckt worden. Bergers letzte Partnerin ist offenbar nie vernommen worden. Das wäre auch schwer geworden. Denn in den Akten steht ein falscher Name.

Die Panne wurde jetzt bei Vorbereitungen zu Zeugenbefragungen im NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags NRW offensichtlich. Die Frau, die in entsprechenden Ermittlungsakten aus dem Jahr 2000 als Partnerin gelistet worden war, hatte eine Einladung zu einer Zeugenbefragung erhalten und daraufhin vehement abgestritten, Berger überhaupt gekannt zu haben.

Die Taten Michael Bergers gehören zu den dunkelsten Stunden der deutschen Polizei. Am 14. Juni 2000 erschoss der damals 31 Jahre alte Berger in Dortmund und Waltrop drei Polizisten, verletzte eine weitere Polizistin schwer und nahm sich mit einem Kopfschuss in seinem Wagen in Olfen am gleichen Tag das Leben.

Tat gilt nicht als politisch motiviert

Die Tat gilt bis heute als nicht politisch motiviert. Eine Einschätzung, die aufgrund der heute bekannten Fakten nicht unumstritten ist. So beschäftigt sich auch der NSU-Untersuchungsausschuss (PUA) des Landtags NRW in den kommenden Wochen mit den Taten Bergers. Schon im Vorfeld der Untersuchungen zeichnet sich jetzt ab, dass die Ermittlungen der Polizei nach der Tat unvollständig waren.

Es gehört zu den polizeilichen Standards nach einem derart schwerwiegenden Gewaltverbrechen, das persönliche Umfeld des Täters unter die Lupe zu nehmen. Man will so ein möglichst vollständiges Bild des Täters gewinnen und so ein mögliches Tatmotiv herausarbeiten. Befragt werden dazu in der Regel Verwandte und Freunde, Beziehungspartner, eventuell auch Arbeitskollegen.

Verhängnisvoller Buchstaben-Dreher

Nach der Tat befragten die Polizeibeamten auch den Vater und die Stiefmutter Bergers in ihrem Haus in Selm-Bork, dort hatten die Ermittler unter anderem ein russisches Sturmgewehr, eine Kalaschnikow, gefunden. Zu dessen Herkunft konnten die Eltern nichts sagen, dafür hatten sie eine andere Information. Wenige Tage vor der Tat hatte sich eine Partnerin telefonisch im Elternhaus gemeldet.

Seit dieser Befragung steht ein Name einer Freundin in den Akten, aber ein falscher - offenbar kam es bei der Aufnahme oder der Übertragung des Frauennamens zu einem Buchstabendreher. Im richtigen Namen wurde ein -e durch ein -a ausgetauscht, ein kleiner Fehlern mit nicht unerheblichen Folgen. Die Frau, die in den Akten steht, war keine Partnerin des Dreifach-Mörders. Und sie wurde nie befragt.

"Falsche" Frau für NSU-Untersuchungsausschuss geladen

Offensichtlich wurde dieser Umstand erst jetzt bei den Vorbereitungen des PUA zu Zeugenbefragungen. Der Ausschuss setzt sich mit verschiedenen rechtsradikalen Taten des NSU und anderen, möglicherweise rechtsradikalen Taten in NRW auseinander. Im Kern geht es darum, Antworten auf offene Fragen und mögliche Unterstützer des NSU in NRW zu finden. Dazu werden seit 2015 unter anderem Polizeibeamte, Staatsanwälte, Sachverständige oder wichtige Zeugen nach Düsseldorf geladen.

Im kommenden Monat steht der Berger-Komplex auf der Agenda, also wurde auch die Frau geladen, die in den Akten als Freundin Bergers stand. Diese Frau erhielt Post aus Düsseldorf und reagierte erstaunlich: Weder kenne sie einen Michael Berger, auch sei sie erst vor wenigen Jahren und damit lange nach der Tat zum ersten Mal in NRW gewesen.

Anfänglich hielt man die Haltung der Frau im Landtag potenziell für eine Finte, um eine Aussage vor dem Untersuchungsausschuss zu vermeiden. Inzwischen ist man überzeugt, dass sie die Wahrheit sagt. Aktuell läuft die Suche nach der richtigen Freundin. Viel Zeit bleibt nicht mehr, Mitte April sollte die eigentlich in Düsseldorf befragt werden.

Polizei ging von psychisch krankem Einzeltäter aus

Wieso diese Panne nicht nachgebessert wurde, kann heute, rund 16 Jahre nach der Tat, nur vermutet werden: Eventuell reichte es bereits, dass der Täter bekannt und tot war, vielleicht wollte man nicht mehr wissen. Möglicherweise schloss man sich auch der damals vorherrschenden Meinung an, dass es sich bei Berger um einen psychisch kranken Einzeltäter handelte, der aus Angst vor dem Verlust seines Führerscheins zum Amokläufer wurde.

Berger war am 14. Juni 2000 zwei Streifenbeamten aufgefallen, da er unangeschnallt in seinem BMW unterwegs war. Berger flüchtete in seinem Wagen, wurde am Unteren Gaffweg gestellt und eröffnete dann unvermittelt das Feuer. Ein Beamter starb, eine Beamtin wurde verletzt. In Waltrop tötete Berger zwei weitere Polizisten und später auf einem Feldweg in Olfen sich selbst.

Handgranatenteile gehörten zu Bergers Waffenarsenal

Zweifel an der Theorie, dass der Autonarr Berger aus Angst vor einem Führerscheinverlust Amok lief, sind berechtigt: Er war bereits 1995, 1999 und im April 2000 wegen Fahrens ohne Führerschein verurteilt worden. Und die Frau, die das Verhalten Bergers eventuell hätte erläutern können, da sie ihn am besten gekannt haben dürfte, wird jetzt, 16 Jahre nach der Tat, gesucht.

Unklar ist in dem Komplex rund um Michael Berger, wie er an sein umfangreiches Waffenarsenal gekommen war: Neben der Kalaschnikow und der Tatwaffe hatte Berger noch diverse weitere Handfeuerwaffen und Handgranatenteile in seinem Besitz.