Erkrankungen wegen PCB-Belastungen nicht nachweisbar

Sein Envio-Gutachten brachte Prof. Albert Rettenmeier einige Kritik und einen Untersuchungsauftrag ein.
Sein Envio-Gutachten brachte Prof. Albert Rettenmeier einige Kritik und einen Untersuchungsauftrag ein.
Foto: Knut Vahlensieck
Das zweite Gutachten zum Giftmüll-Skandal bei Envio wurde dem Dortmunder Landgericht vorgelegt. Das Ergebnis: Zwar weisen fast alle der mit PCB belasteten Ex-Envio-Arbeiter Auffälligkeiten oder Krankheitssymptome auf. Ob diese aber eine direkte Folge des Giftes sind, ist nicht nachweisbar.

Dortmund. Vor fast genau zwei Jahren erstattete der Arbeitsmediziner Prof. Albert Rettenmeier sein erstes Gutachten im Envio-Prozess. Am Donnerstag hatte er seinen zweiten großen Auftritt am Dortmunder Landgericht. Jedoch war dasErgebnis seiner Analysen im Grunde dasselbe.

Nach dem ersten Gutachten im Juli 2012 hatte das Gericht angeordnet, dass Rettenmeier nach Möglichkeit alle 310 infrage kommenden Ex-Envio-Arbeiter und deren Angehörige noch einmal einer weiteren, eingehenderen Untersuchung unterzieht.

Außerdem sollten die Krankengeschichten der Betroffenen anhand früherer Arzt-Unterlagen rekonstruiert werden. Auffällig: Gerade einmal 29 Betroffene haben sich auf diese neuen Untersuchungen eingelassen.

Kein Zusammenhang zu erkennen

Die Diagnosen hat Prof. Rettenmeier in mehrere Kategorien eingeteilt. Er hat die Augen der Betroffenen ebenso untersucht wie die Haut, die Schilddrüse, die Psyche und beispielsweise auch das Immunsystem und die Sexualhormone. Das Fazit des Gutachtens: Viele der Betroffenen haben etwa einzelne Pusteln oder Aknesymptome.

Eine klassische Chlorakne - anerkannte Folge einer zu hohen PCB-Belastung - hat indes keiner ausgebildet. "Deshalb ist es schwierig, hier einen eindeutigen Zusammenhang zu erkennen", sagte der Gutachter. Hautveränderungen, wie sie bei den 29 Untersuchten zu erkennen gewesen seien, seien extrem häufig und würden auch in der übrigen Bevölkerung regelmäßig auftreten.

Verteidiger reagieren wenig überrascht

Zu dem gleichen Ergebnis kommt Prof. Rettenmeier auch in allen übrigen Bereichen. Zwar sei es auffällig, dass tatsächlich einige der Betroffenen heute psychische Probleme beklagten und depressive Tendenzen zeigten. Der Sachverständige: "Doch da muss man sich die Frage stellen, woher diese kommen. Wurden sie vom PCB im Blut verursacht oder sind sie nachträglich aufgetreten?" Natürlich könnten psychische Probleme auch aus Angst und Sorge über die Zukunft entstehen.

Die Verteidiger der drei verbliebenen Angeklagten um Ex-Envio-Chef Dirk Neupert nahmen das Gutachten wenig überrascht zur Kenntnis: "Das haben wir so schon von Anfang an gesagt."

 
 

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