Erbärmliche Verhältnisse in Dortmunder Problemhaus

Antje Mosebach
Bei einer Razzia Anfang der Woche wurden in der Flensburger Straße 15 mehr Menschen angetroffen als im Einwohnermelderegister verzeichnet.
Bei einer Razzia Anfang der Woche wurden in der Flensburger Straße 15 mehr Menschen angetroffen als im Einwohnermelderegister verzeichnet.
Foto: Ralf Rottmann/WAZ FotoPool
Sieben Menschen leben laut Einwohnermeldeamt in der Flensburger Straße 15 in der Nordstadt. Doch bei einer Razzia Anfang dieser Woche wurden mehr Leute angetroffen. Schon die Mülltonnen vor dem Haus reichen für 80 Menschen. Und die quellen mal über, mal sind sie leer. Die Ursache ist unklar.

Dortmund. „100 Menschen in Sechs-Familienhaus gemeldet“ – da hält man beim Lesen erst einmal inne. Und fängt an zu rechnen. Geht man von kinderfreundlichen Familien aus, kommt man auf, naja, um die 30 bis 36 Köpfe. Wieviele Menschen nun tatsächlich in der Flensburger Straße 15 leben, weiß keiner so genau.

Bei der Razzia Anfang dieser Woche wurden mehr Leute angetroffen als offiziell gemeldet. Laut Einwohnermelderegister leben hier nur sieben Menschen, Müllbehälter aber gibt es für mindestens 80 Bewohner.

"Problemhaus" seit 2008

Das Haus ist Polizei, Ordnungs- und Jugendamt kein unbekanntes. Schon seit 2008 gilt es als „Problemhaus“, bestätigt Tobias Marx vom Nordstadtbüro des Ordnungsamtes. Immer wieder werden Menschen angetroffen, die dort nicht gemeldet sind. Das ist einfach, so die Bürgerdienste, man braucht zur Ummeldung nämlich keine Bestätigung vom Vermieter mehr, keinen Mietvertrag vorzuweisen.

Noch im August waren es 14 offiziell gemeldete Personen, von denen nur vier anzutreffen waren, dafür aber acht nicht registrierte Menschen. Die hohe Fluktuation sei symptomatisch für die Problemhäuser.

Schlüssel- und Wohnungstausch

„Kann sein, dass hier immer wieder Schlüssel und Wohnungen getauscht werden“, vermutet Marx. Man treffe das eine oder andere Gesicht dann in anderen Häusern wieder. Die Mietverhältnisse werden undurchsichtig.

Die nach der Razzia in den Medien kursierende Zahl von über 100 gemeldeten Bewohnern, so Polizeisprecherin Amanda Vorderderfler, beziehe sich auf die An- und Abmeldungen eines ganzen Jahres. Davon einige „von Amts wegen abgemeldet“.

Das funktioniere so, erklärt Tobias Marx: Trifft man die Person nicht mehr an der gemeldeten Adresse an und gibt es kein Anzeichen – Klingel- oder Briefkastenschild – dafür, dass sie hier lebt, wird die Person offiziell abgemeldet. Kein Seltenheitsfall.

Müll aus dem Fester geworfen 

Wie die Verhältnisse nun vor Ort in der Flensburger Straße 15 aussehen, ist nicht klar. Irgendwann wurde vom Ordnungsamt veranlasst, dass mehr und größere Mülltonnen im Sechs-Parteien-Haus aufgestellt werden – für 80 Bewohner.

Das reiche aber manchmal nicht, so EDG-Sprecher Matthias Kienitz. „Wir wissen nicht genau, was da los ist“, manchmal sei alles vermüllt und manchmal seien die Tonnen fast leer, aber dann stapele sich der Müll im Hinterhof. Tatsächlich einfach aus dem Fenster geworfen.

Erbärmliche Wohnverhältnisse

Bilder, die spätestens aus dem letzten Tatort bekannt sind. Als Erklärung fällt in den Gesprächen mehrfach „die andere Mentalität“, viele der anzutreffenden Rumänen und Bulgaren würden es von zu Hause nicht anders kennen.

Auch wenn das Ordnungsamt offiziell konstatiert: „kein Anlass zum sofortigen ordnungsbehördlichen Einschreiten“ und das Jugendamt: „keine Kindeswohlgefährdung“ – die Wohnverhältnisse sind erbärmlich. Mitte Oktober hatte der Eigentümer die DEW21 gebeten, Wasser und Strom zu sperren, „wegen widerrechtlicher Bewohnung und illegaler Verkabelung“.

Hausen statt Wohnen

Mittlerweile fließt das Wasser wieder, aber mit dem Strom wird es noch einige Zeit dauern – bis ein Elektriker die Hausinstallation wieder auf Vordermann gebracht hat: Durch die Frickelei an der Verkabelung bestehe nämlich jetzt Leib- und Lebensgefahr, so DEW-Sprecherin Gabi Dobovisek.

Die Abklemmung hat auch Folgen für die Heizung: Die Nachtspeicherheizungen laufen über Strom – und daher zur Zeit gar nicht. Den Job übernehmen meist kleine Gasöfen, weiß Tobias Marx. Zustände, die mehr von Hausen, als von Wohnen zeugen, bestätigt Marx.

Razzia nicht die letzte Kontrolle

Das Haus an der Flensburger Straße 15 steht weiterhin im Blick, der Polizei, die weiter ermittelt, und der Ämter. Die Razzia, so ein Stadtsprecher, „wird nicht die letzte Kontrolle dieser Art bleiben“. Welchen Einfluss das auf die undurchsichtigen Bewohnerzahlen haben wird, bleibt abzuwarten. Auch, was der Eigentümer zu tun gedenkt.