Engel verdrängt doch wieder Ball auf Dortmunds Riesentanne

Peter Ring
Traditioneller Weihnachtsmarkt: Wie üblich wird wieder ein Engel auf Dortmunds Riesentanne thronen. Foto: Franz Luthe
Traditioneller Weihnachtsmarkt: Wie üblich wird wieder ein Engel auf Dortmunds Riesentanne thronen. Foto: Franz Luthe
Foto: WR/Franz Luthe
Nach vielfachem Protest haben sich die Verantwortlichen des Dortmunder Weihnachtsmarkts dazu entschieden, doch keinen Ball auf der Riesentanne zu platzieren. Stattdessen soll traditionell wieder ein Engel auf der Spitze thronen.

Dortmund. Der Riesenball auf der Riesentanne wird zum Riesenreinfall. Er sollte die Zukunft werden - nun ist er schon wieder Geschichte. Seit Freitvormittag ist klar: Die Veranstalter in Dortmund haben sich mit der Idee, einen Ball statt des Engels mit Posaune auf die Spitze des größten Weihnachtsbaums der Welt zu setzen, verkalkuliert. Der plötzliche Gegenwind aus der Bevölkerung und von hochrangigen Stadtvertretern von Superintendent Paul-Gerhard Stamm bis zu OB Ullrich Sierau hat den Ball von der Tanne gefegt. Die Absage des für Freitag geplanten Richtfestes und eine spontane Pressekonferenz des Oberbürgermsietrs sind der vorläufige Höhepunkt einer Achterbahnfahrt der Gefühle, wie sie selbst hartgesottene Schausteller nicht alle Tage erleben dürften.

Die Absage des Richtfestes kam am Freitagmorgen per Fax. Um 13 Uhr sollte der Ball installiert werden. Vorher aber liefen bei Baumkonstrukteur und Gerüstbauer Thomas Weise die Telefone heiß. Schon am Donnerstagabend habe er mit dem Superintendenten telefoniert. Auch den Oberbürgermeister hat er an der Strippe gehabt. Der Schlusspfiff für die Idee dürfte spätestens mit dem Anruf von Udo Mager gekommen sein. Der rief Weise nicht in seiner Funktion als Wirtschaftsförderer der Stadt, sondern als Vorsitzender des Weihnachtsbaumvereins an und riet dringend ab.

Nach dem ungewollten Rückzieher zeigte sich Thomas Weise zerknirscht: „Wenn das Volk das so will, soll das Volk das so haben. Schade, der Ball wäre eine schöne Werbung gewesen. Aber er ist zerredet worden“, ist sich Weise sicher. „Das tut mir weh“, sagt er, zumal er ja nicht etwa eine Werbung für Bier oder Cola habe platzieren wollen.

Engel aus dem Container holen

Und wie geht es jetzt weiter? „Der Engel kommt am Donnerstag wieder an die Spitze.“ Einziger Haken: Er muss wieder aus einem Container geholt, zusammengebaut und mit neuen Lichterketten bestückt werden. Teile des Engel seien abgebrochen. „Wir haben ihn an die Steckdose angeschlossen“, ergänzt Bruder Carsten Weise. Doch der Engel wollte nicht wirklich in altem Glanz erstrahlen. Am 17. November wird er gegen Mittag auf die Spitze des Weihnachtsbaums auf dem Hansaplatz gesetzt.

Wie es zu dem Missverständnis mit den Kirchen kam? Er habe mit „zwei Pfarrern“ gesprochen, sagt Weise. Die hätten offenbar keine Bedenken an die Kirchenspitze gefunkt. Überhaupt scheint die Kommunikation im Vorfeld nicht rund gelaufen zu sein - wie die Proteste der letzten Tage nahelegen.

„Dann werden wir den Ball halt flacher halten..."

Die Zukunft der kugelrunden Spezialanfertigung aus Südfrankreich steht noch in den Sternen. Weise konnte sich zwar am Freitag halbernst vorstellen, den Ball den Bayern anzubieten - „vielleicht sind die ja mutiger“ - vorerst hält er denn Ball aber flach.

Wirtschaftsförderer und Weihnachtsvereinsvorsitzender Udo Mager hat Weise empfohlen, die Absicht und den Ball fallenzulassen. Zwar könne auch er sich vorstellen, „dass das Herz des Fußballfans sich in so eine Idee verlieben könnte“, schließlich verkaufe der BVB auch Weihnachtskugeln. Das Problem sei aber, dass man für ein solches Projekt, den Rückhalt aus der Bürgerschaft brauche und religiöse Gefühle nicht verletzen dürfe. Der Verein habe Weise zwar freie Hand gelassen - „aber die breite Akzeptanz für das Accessoire war Voraussetzung.“

Sierau mischt sich ein

Der Schlusspunkt unter dem Ausrufezeichen kam dann von OB Ullrich Sierau. Der berief am Freitag in der Pause des Europäischen Städtekongresses spontan eine Pressekonferenz ein und verkündete: „Ich habe heute Vormittag mit Thomas Weise telefoniert. Wir waren uns einig, dass die Idee des Balls der großen Fußballbegeisterung in unserer Stadt geschuldet ist, den weltgrößten Weihnachtsbaum aber der Engel zieren sollte, der in den letzten Jahren große Akzeptanz gefunden hat.“ Und der bekennende Fußballfan träumt schon: „Den Fußball heben wir auf. Er könnte bei der nächsten Meisterfeier zum Einsatz kommen und danach vielleicht seinen Platz im DFB Fußballmuseum finden.

Die Kosten

Die Finanzierung der Weihnachtsbaunmkonstruktion wird geschultert von der Stadt Dortmund mit 84.000 Euro und den Schaustellern um Hans-Peter Arens mit 160.000. Die Stadt hat mit den Kosten für den Ball nichts zu tun, so Udo Mager. Sie blieben an Thomas Weise und „seinem privaten, unternehmerischen Engagement hängen.“ Übrigens: Weise sieht die Kostenfrage eher locker: „Im Baubereich wird eben manchmal Geld in den Sand gesetzt.“

Erst im Dezember 2010 hatte sich der Weihnachtsbaumverein gegründet. Im Vorstand: Namhafte Vertreter des Juweliers Rüschenbeck, des Wirtschaftsprüfers Audalis und Wirtschaftsförderer Udo Mager. Aufgabe des Vereins sei es, den Rahmen für einen rechtlich einwandfreien Umgang mit Spenden zu bilden. Konkret geht es dem Verein darum, Sponsoren und Spendergelder für den Baumschmuck zu finden.

Das Fax

Um 9.57 Uhr war am am Freitagmorgen ein Fax in der Dortmunder Lokalredaktion eingetrudelt. Überschrift: „Dortmunder Weihnachtsmarkt 2011: Größter Weihnachtsbaum doch ohne Fußball (daher heute kein Richtfest).“ Unterzeichnet vom Markthandel- und Schausteller-Verband Westfalen (Bezirksstelle Dortmund) und vom Schaustellerverein Rote Erde aus Dortmunds Hansastraße.

In dem Schreiben nimmt Verfasser Thomas Winkler als Pressesprecher des Dortmunder Weihnachtsmarks Bezug auf die Diskussion, die die geplante Platzierung eines großen Fußballs anstelle eines Engels auf der Spitze der Riesentanne ausgelöst hat. Zuletzt hatten sich u.a. Dortmunds Superintendent und die Grünen gegen diese Aktion ausgesprochen.

„Wunsch der Menschen“

Wörtlich: „Der Veranstalter hat sich daher dazu entschlossen, dem Wunsch der Menschen Rechnung zu tragen und den Ball nicht zu installieren, sondern stattdessen wieder den liebgewordenen Engel, der derzeit allerdings noch in Stand gesetzt werden muss. Der Erbauer des Baumes, die Firma C. O. Weise, arbeitet mit Hochdruck daran, den Engel in den nächsten Tagen aufzusetzen.“

Das für den heutigen Freitag um 13 Uhr angesetzte Richtfest für die Ball-Installation fällt logischerweise aus.