Ein Stück Selbstständigkeit „erfahren“

Foto: Ralf Rottmann
Frank radelt unbedarft drauf los, dreht seine Runden. Guckt nicht links, nicht rechts. Bis ihn die Polizei aus dem Verkehr zieht. Die heißt in diesem Fall Marita Hüttemann, ist heute Franks persönliche Trainerin und der Verkehr auf dem Übungsplatz im Fredenbaumpark ist glücklicherweise überschaubar.

Dortmund. Frank radelt unbedarft drauf los, dreht seine Runden. Guckt nicht links, nicht rechts. Bis ihn die Polizei aus dem Verkehr zieht. Die heißt in diesem Fall Marita Hüttemann, ist heute Franks persönliche Trainerin und der Verkehr auf dem Übungsplatz im Fredenbaumpark ist glücklicherweise überschaubar.

Sie sind zu fünft: Michael, René, Petra, Udo und Frank. Fünf Menschen mit geistiger Behinderung, die hier ein weiteres Stück Selbstständigkeit „erfahren“ wollen. Denn die meisten von ihnen leben eigenständig in Wohnungen, sind in Werkstätten beschäftigt. Gehen also wie viele andere auch morgens aus dem Haus, kommen abends wieder, führen ein fast normales Leben. Und sind durchaus auch mit dem Rad in der Großstadt unterwegs. „Verkehrstechnisch allerdings“, gibt Peter Staudinger zu, „sind sie schlecht aufgestellt“.

Als Kind nur auf dem Hof geradelt

Er kommt vom Caritasverband Dortmund und aus dem Bereich des ambulant betreuten Wohnens für Menschen mit geistiger Behinderung. Ist also einer der Ansprechpartner für Menschen wie Frank und Petra. „Wir strukturieren ihren Alltag.“ Angefangen bei Ämtern bis hin zum Arztbesuch, bei Haushalt bis Hygiene.

Dass es in Sachen (Verkehrs-) Regeln manchmal einfach Schwierigkeiten gibt? War vor allem bei der gemeinsamen Ferienfreizeit aufgefallen. Und daraus war letztlich die Initiative zum Fahrradtraining entstanden – das jetzt an vier Tagen in Kooperation mit der Polizei Dortmund stattfindet.

Mit der Sicherheit geht es los

Neuland auch für Marita Hüttemann, Verkehrsunfallprävention und Opferschutz. Sie fängt schlicht ganz vorne an: Bei der Sicherheit auf dem Kopf. Als alle mit Helm und Rad ausgestattet sind, geht’s auf den Parcours. Immer rechts stehen, weil links der Verkehr fließt. Von rechts aufsteigen. Vorher die Pedale richten. Nach links, nach rechts gucken. René weiß das alles. In der Theorie jedenfalls. Dann schiebt er los – und vergisst, sich umzuschauen. „Und jetzt kommt der Bus“, scherzt Staudinger. Er weiß: Es hängt letztlich auch vom Grad des Handicaps ab, ob die Übungen tatsächlich hängen bleiben. Bei Petra macht er sich da weniger Gedanken.

Sie macht vorbildlich mit. Ist wissbegierig. „Als Kind“, sagt die 33-Jährige, „durfte ich ja nur auf dem Hof fahren“. Und gibt offen zu: „Verkehrsregeln kenne ich nicht, das habe ich nicht gelernt“ – abgesehen von der Ampel vielleicht. Dass sie da „manchmal schon Angst“ hat, wenn sie auf der Straße unterwesg ist? Kein Wunder. Ganz davon abgesehen, dass sie auch auf Rücksicht anderer Verkehrsteilnehmer angewiesen ist.

„Wir wollen Integration – mit allen Konsequenzen“

Das sei, sagt Staudinger, oft das Problem: dass Kinder mit Handicap schon von den Eltern eher geschont als gefordert würden. Ein Schutzmechanismus. Wie im Kinderreim: „Messer, Gabel, Schere, Licht...“ – für geistig eingeschränkte Kinder eben erst recht nicht. Das wiederum mache es später den Erwachsenen umso schwerer, tatsächlich selbstständig zu werden. Der Ansatz der Caritas sei ein anderer: „Wir wollen Integration – mit allen Konsequenzen“. Das Wachsen gehört dazu. Petra jedenfalls ist am Ende diesen Tages einen – aufgeregt roten – Kopf größer...

 
 

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