Ein Nordstadt-Gebäudekomplex kommt unter den Hammer

Wieder einmal ist ein Haus in der Nordstadt zwangsversteigert worden. Am Montagmorgen haben sich dazu Rechtspfleger und Bieter im Amtsgericht eingefunden. Wir erklären, wie eine Zwangsversteigerung abläuft.

Dortmund. Klaus Graniki, Geschäftsführer der städtischen Wohnungsgesellschaft Dogewo21, hofft auf ein Schnäppchen. Er nimmt im Saal 3301 im Amtsgericht Platz. Wieder einmal wird ein Haus in der Nordstadt zwangsversteigert: der Gebäude-Komplex Alsenstraße 76 / Schleswiger Straße 19. Mitten im Brennpunkt.

Es ist Montagmorgen, 9.45 Uhr, als der Rechtspfleger hinter der leicht erhöhten Richterbank den Versteigerungstermin eröffnet. Er trägt keine schwarze Robe, sondern ein weißes Hemd.

Eigentümer kann Raten nicht zahlen

In den fünf Stuhlreihen ihm gegenüber sitzen Graniki sowie acht weitere Männer und eine Frau. Wie viele tatsächlich ein Sonderangebot ergattern oder nur bei der Versteigerung zuschauen wollen, ist auf den ersten Blick nicht auszumachen.

Die meisten sind zu zweit gekommen, die Hälfte mit Migrationshintergrund. "Das geht heute noch", flüstert der Dogewo-Geschäftsführer.

Zwischen dem Rechtspfleger und den Bietern sitzen die Gläubiger an zwei Tischen: Horst Drees für die Stadtkasse Dortmund und eine Dame mit Perlenkette von der Commerzbank. Die bisherige Eigentümerin, eine Gesellschaft, kann die Raten für die Bank nicht mehr bedienen und hat auch noch Rechnungen bei der Stadt Dortmund offen.

Routinierter Ablauf

Es ist heiß, das Fenster steht offen. Die potenziellen Bieter schwitzen. Zwei T-Shirt-Träger haben ihre dunklen Sonnenbrillen über die Stirn geschoben. Der Rechtspfleger erläutert routiniert den Ablauf des staatlich organisierten Immobilien-Verkaufs und stellt den zu versteigernden Gebäude-Komplex vor.

Die beiden Häuser mit Wohnungen und Ladenlokalen sind eine wirtschaftliche Einheit. Sie zählen nicht zu den Problemhäusern in der Nordstadt. Gesamteindruck laut gerichtlich bestelltem Gutachter: befriedigend bis ausreichend. Verkehrswert: 725 000 Euro.

Die Dogewo würde dort gern eine karitative Einrichtung unterbringen. "Das würde Beruhigung in die Sozialstruktur bringen", flüstert der Geschäftsführer. 15 Problemhäuser hat die Dogewo in der Nordstadt bereits erworben, um sie zu sanieren - ein Beitrag zur Stadtentwicklung.

Für die Immobilie Alsenstraße / Schleswiger Straße rechnet sich Graniki keine großen Chancen aus. Es sei denn, heute wird noch kein Zuschlag erteilt. Beim nächsten Termin fällt das Mindestgebot - die Hälfte des Verkehrswerts - weg. "Dann wird‘s für uns attraktiv", sagt Graniki.

Erstes Gebot nach zwölf Minuten

Punkt 10 Uhr fragt der Rechtspfleger nach dem ersten Gebot. Die Bieter haben 30 Minuten Zeit. "Es geht hier nicht zu wie bei Ebay", sagt der Rechtspfleger. In dem nüchternen Saal herrscht eine angespannte Stille. Die Anwesenden warten wie in der Kirche vor dem Gottesdienst auf den Pfarrer. Niemand regt sich. Ab und zu ein Räuspern.

Nach zwölf langen Minuten endlich das erste Gebot. Es kommt von einer noch ganz jungen Immobiliengesellschaft aus Düsseldorf. Der Geschäftsführer, 35 Jahre, in Jeans und Freizeithemd, tritt nach vorn zur Richterbank, legt seinen Ausweis vor und bietet die Hälfte des Verkehrswertes: 362 500 Euro.

Dann ist wieder Schweigen im Walde. Der Rechtspfleger klickt mit seinem Kuli, die Perlenkette von der Commerzbank liest Spiegel. Horst Drees von der Stadtkasse schaut bewegungslos vor sich hin. Die beiden Sonnenbrillen-Träger spielen mit ihrem Smartphone. "Ein komisches Geschäft", kommentiert Graniki leise.

"Wenn noch jemand bieten möchte, sollten Sie die Gelegenheit nutzen", ermuntert der Rechtspfleger um 10.25 Uhr. Zwei Männer in Turnschuhen - sie sind im schwarzen Porsche Cayenne gekommen - treten an seinen Tisch.

Früher haben sie das Haus Schleswiger Straße 19 für ihren Gastronomie-Großhandel benutzt. Einer der beiden kommt aus Huckarde. Er spricht nicht so gut Deutsch, verstehe es aber, versichert er dem Rechtspfleger. Sie erhöhen auf 365 000 Euro.

Aus den Stuhlreihen gibt sich der Makler der Commerzbank (dunkles Jackett, Jeans, weißes Hemd) zu erkennen und geht mit der Perlenkette vor die Tür. Es wird getuschelt. Dann spricht der Makler mit dem Erstbietenden aus Düsseldorf.

Schneller Zuschlag

"Wenn Sie noch bieten wollen, sollten Sie das jetzt tun", mahnt der Rechtspfleger. Um 10.34 Uhr bietet der Düsseldorfer 550 000 Euro. Horst Drees von der Stadtkasse verlangt zur Sicherheit einen Scheck mit dem Zehntel der Kaufsumme. Bargeld ist als Sicherheitsleistung bei der Gerichtskasse nicht mehr erlaubt. So steht’s an der Tür.

"550 000 Euro, zum Ersten. Zum Zweiten. Zum Dritten", sagt der Rechtspfleger. Ganz ohne Hammer. Um 10.38 Uhr ist das Objekt weg.

Und Klaus Graniki gedanklich schon beim nächsten. "Im November wird wieder ein Nordstadt-Haus versteigert. Für 40 000 Euro Verkehrswert. Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Das gehe ich mir gleich mal angucken."

Ladenlokale frisch gemietet

  • Das versteigerte Gebäude liegt direkt am Schleswiger Platz, der als Treffpunkt der Trinker- und Drogenszene gilt.
  • Das früher als Supermarkt genutzte große Ladenlokal an der Schleswiger Straße ist nach rund einem Jahr Leerstand frisch vermietet. Hier will in Kürze ein Getränkemarkt eröffnen.
  • Im Gebäudeteil an der Alsenstraße hat vor rund zwei Monaten das Restaurant Stari Grad mit bosnischen Spezialitäten eröffnet.
Von Gaby Kolle