Ein Muslim in der CDU wird von Rechten bei Facebook bedroht

Cihan Sügür ist wie ein Apfel im Birnenkorb. Aber nur auf den ersten Blick. Er ist Muslim - und in der CDU. Der 26-Jährige aus Nette ist Sprecher der Midu, des bundesweiten Bündnisses "Muslime in der Union", das er Anfang Juli in Köln mitgegründet hat. Seitdem wird bei Facebook bedroht.

Dortmund.. Immer wieder muss er erklären, wie der Islam in das christliche C der Union passt. Und das macht der Sohn türkischer Einwanderer sehr eloquent, löst dieses Spannungsfeld im Handumdrehen auf: "Wir wollen die CDU nicht islamisieren." Christdemokratisch und türkisch/muslimisch, das sei kein Widerspruch, sagt er. "Die CDU verlangt kein Glaubensbekenntnis zum Christentum und der Dreifaltigkeit, sondern das Bekenntnis zur demokratischen Grundordnung." Die habe er im Mark wie seine christlichen Freunde.

Cihan Sügür ist ein Musterbeispiel für gelungene Integration: sehr reif für sein Alter, abgeklärt, weltoffen, Social- Media-Aktivist mit eigener Homepage, ein bisschen Nerd mit seiner großen dunklen Brille - und konservativ. In Dortmund aufgewachsen und in Nette zu Hause, hat der studierte Betriebswirt bereits in zehn Städten auf drei Kontinenten gelebt. Zurzeit arbeitet der stellvertretende Ortsunionsvorsitzende von Nette bei der Deutschen Bahn in Frankfurt.

Werte wie Religion und Familie

"Christdemokrat zu sein, bedeutet für mich, Werte wie Religion und Familie in einer demokratischen Grundordnung leben zu können." Das "C" hat er als Einladung verstanden, als er vor zweieinhalb Jahren in die CDU eingetreten ist. Ob man Christ oder Muslim ist, sei egal, sagt er. Im Glauben an Gott habe man eine gemeinsame Grundlage für eine wertegeleitete Politik.

30 CDU-Mitglieder waren bei der Gründung von Midu dabei. Inzwischen sind 40 weitere Muslime dem Arbeitskreis beigetreten, dem mediale Aufmerksamkeit gewiss ist. Dabei gebe es schon lange muslimische Arbeitskreise bei der SPD und den Grünen, sagt Sügür. Das habe niemand bemerkenswert gefunden. Zudem gebe es in der Union auch einen katholischen und evangelischen Arbeitskreis. "Da ist ein Arbeitskreis ,Muslime in der Union‘ eine logische Konsequenz."

1000 muslimische Mitglieder

Die CDU zählt 1000 muslimische Mitglieder. Nicht viel. Doch es leben vier Millionen Muslime in Deutschland, einschließlich der Flüchtlinge knapp fünf Millionen, rechnet Sügür vor. Die vier Millionen, die könnten bei einer Wahl schon das Zünglein an der Waage sein. "Wollen wir sie als konservative Partei ausschließen?"

Unterm Strich, sagt der Midu-Sprecher, sei die Gründung des Bündnisses in der CDU gut aufgenommen worden. Allerdings hat Sügür auch Kritiker. Manche in der CDU bezeichnen ihn gar als Wichtigtuer, werfen ihm eine zu große Nähe zum türkischen Präsidenten vor, fürchten eine Unterwanderung ihrer Partei mit Erdogan-Anhängern. Das weist Cihan Sügür zurück.

"Muslime in der Union heißt nicht Türken in der Union"

"Muslime in der Union heißt nicht, Türken in der Union." Türkeipolitik sei kein Ratgeber für das muslimische Leben in Deutschland. "Dafür gibt es genug andere Verbände." Natürlich habe er eine persönliche Meinung zur Erdogan-Politik, sagt Sügür. Inhaftierungen ohne Gerichtsverhandlungen seien "höchst kritisch zu betrachten." Doch statt sich immer weiter von der Türkei zu entfernen, solle die EU die Nähe zur ihr suchen.

Statt sich von aktuellen Debatten treiben zu lassen, fokussiere sich Midu auf andere Problemfelder, wolle eine positive Gegenöffentlichkeit schaffen zu emotionalen Debatten über Importislame, Kopftuch und Radikalismus. Jede Gemeinde wolle einen Imam, der hier sozialisiert ist und die theologische Grundausbildung hat, versichert Sügür. Aber Importimame verbieten? "Wo wart ihr die letzten Jahrzehnte, in denen das System reibungslos funktioniert hat", erwidert er auf solche Forderungen. Erst seit wenigen Jahren gebe es an den Hochschulen entsprechende Lehrstühle. Und die bildeten Islamwissenschaftler aus, keine Imame.

Die Leistungen der Imame

Viele würden die Leistungen der Imame verkennen. Unter den 700 IS-Ausreisenden aus Deutschland, die der Verfassungsschutz aufgelistet habe, habe niemand eine islamische Erziehung in einer Koranschule genossen. "Die ist ein Bollwerk, ein Schutzschild gegen Radikalisierung. Und Imame haben diese Bollwerk-Arbeit geleistet."

Gegen die Radikalisierung durch islamistische Prediger müsse der Staat mit der gebotenen Härte vorgehen, fordert Sügür. "Wenn nicht die Muslime in Deutschland eine klare Haltung zur Radikalisierung haben, wer denn dann?" Er werde nicht müde, das zu betonen. "Wir müssen Schulter an Schulter stehen als gemeinsam Betroffene." Um nicht stigmatisiert zu werden, müssten Muslime aktiv werden. Ob in Politik, Wirtschaft oder Verwaltung, - bislang sei die muslimische Teilhabe in Deutschland eher "suboptimal", so der Midu-Sprecher.

Versteckt in Hinterhöfen

Seit 60 Jahren mit Beginn der Gastarbeitergeneration, gebe es muslimisches Leben in Deutschland. Anfangs wurden die Freitagsgebete in Kirchen abgehalten, dann Räume angemietet, versteckt in Hinterhöfen. Mittlerweile gebe es 3000 Moscheen in Deutschland, alle privat finanziert.

Seine Heimatmoschee in Mengede habe sein Großvater mitaufgebaut. Das lief geräuschlos über Jahrzehnte. Erst mit der Islamdebatte begann die Diskussion. Am Ende des Tages, sagt Sügür, seien immer die Radikalen laut, die breite muslimische Mitte werde verkannt.

"Wollen wir die Moscheen weiter im Hinterhof behalten, wollen wir eine Gesellschaft, der knapp fünf Millionen Menschen den Rücken zukehren, oder die gesellschaftliche Öffnung, mit allen Konsequenzen", fragt er. Für ihn eine rhetorische Frage.

Selbstbewusste, studierte Frauen mit Kopftuch

Muslimisch zu sein, dürfe kein Ausschlusskriterium sein, frommer Muslim nicht gleichgesetzt werden mit nicht verfassungstreu. Dazu gehöre auch die Realität, dass selbstbewusste, studierte Frauen ein Kopftuch tragen. "Das soll ganz allein ihre Entscheidung sein." Das Ergebnis der Debatte werde die künftige Bundesrepublik prägen.

Seit der Gründung von Midu sieht sich Sügür nicht nur Kritik in den eigenen Reihen ausgesetzt, sondern auch der Hetzerei von Rechtsradikalen. Bereits nach einer Woche fand er die ersten Google-Benachrichtungen. Einschlägige Plattformen wie Preußische Allgemeine, Kompakt online, PI News, auch eine ungarische Zeitung diffamierten ihn als Muslim, der die CDU unterwandern wolle. "CDU bald IDU?", heißt es da, noch eher harmlos.

Drohungen auf Facebook

Doch schon eine Woche später folgten persönliche Drohungen auf Facebook: "Junger Mann, bald ist Schluss mit dir, du bist schon auf der Liste". Und: "Wir wissen, wo deine Verlobte wohnt und deine Eltern. Wenn du nicht aufhörst, ist Schluss."

Derart zur Zielscheibe geworden, hat er erst mal schlucken müssen. Er hat Anzeige erstattet und vertraut auf den Rechtsstaat nach den Ankündigungen von Justizminister Heiko Maas, solche Hetzschriften in den sozialen Netzwerken zu verfolgen. "Das ist Psychoterror. Aber ich bin nicht jemand, der sagt, okay, dann höre ich auf. Diese Rechten können mir nicht argumentativ entgegentreten, sondern nur affektiv."

"Deutschland", sagt er, " ist genauso mein Land, ich kämpfe für gesellschaftliche Ordnung, sozialen Frieden und Freiheit." Dabei betreibt er Politik nicht als Beruf, sondern als Hobby. "Es ist das Schöne, dass man zur Zukunft dieses Landes beitragen kann." Auch wenn er immer wieder erklären muss, warum er kein Handballer im Fußballverein ist.

Als Social-Media-Aktivist und Politiker und Experte befasst sich Cihan Sügür mit Einwanderung und Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft. Er hat ein Duales Studium der Betriebswirtschaftslehre in Stuttgart, Santa Barbara (USA) und Istanbul (Türkei) bei IBM Deutschland absolviert. Aktuell arbeitet Sügür an Themen der Digitalisierung, Internationalisierung und Governance bei DB Cargo.

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