„Du fragst Dich, wohin mit dem Schmerz“

Melanie Pothmann
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Dortmund. Zweieinhalb Monate liegt es zurück, dass der Dortmunder SPD-Bundestagsabgeordnete Marco Bülow in einem Blogeintrag sein Schicksal öffentlich machte: Er schildert darin, wie er Vater von Zwillingen wurde.

Sein Sohn Liam starb kurz nach der Geburt, seine Tochter Kaya schwebte wochenlang in Lebensgefahr. Mit der Westfälischen Rundschau spricht Bülow nun erstmals öffentlich über die schwerste Zeit seines Lebens, über das neue Familienleben mit Kaya und darüber, wie die Ereignisse seinen Blick auf die Politik verändert haben.

Seit dem Wochenende ist Kaya zuhause. Mehr als drei Monate haben Marco Bülow und seine Frau nach einer dramatischen Geburt auf diesen Tag warten müssen. „Es ist ein wunderschönes Gefühl, sie jetzt bei uns zu haben, es ist ungewohnt und aufregend – und wir haben seither sehr wenig geschlafen“, sagt Bülow. Der eigentliche Geburtstermin der Zwillinge wäre der 16. Februar gewesen, aufgrund von Komplikationen mussten die Kinder aber schon am 6. November in einer Notoperation zur Welt gebracht werden. Nur drei Stunden nach der Geburt starb Liam. „Es tröstet uns ein wenig, dass er in unseren Armen sterben durfte, dennoch wissen wir manchmal nicht wohin mit unserem Schmerz“, sagt Bülow. Auch Kaya ging es zunächst sehr schlecht. Sie wog bei der Geburt nur 640 Gramm – hinzu kamen eine schwere Gehirnblutung und zwei Infektionen. „Mehrere Wochen lang schwebte unsere Tochter in Lebensgefahr, mittlerweile ist ihr Zustand aber stabil. Sie ist eine richtige Kämpferin.“ Bülow ist ein nachdenklicher, überlegter und ruhiger Erzähler. Aber wenn er von seiner Kämpferin spricht, wenn er schildert, wie Kaya sich eines Tages im Krankenhaus selbst den Beatmungsschlauch aus dem Mund gezogen hat – und dann tatsächlich auch selbstständig atmete - dann klingt da ein väterlicher Stolz in seiner Stimme, der all seine Gefühle für seine Tochter offenbart.

Ich war wie weggebeamt

Bülow fällt es nicht schwer über Kaya zu reden. Über seine Frau möchte er nicht sprechen, er hat es ihr versprochen. Und über sich selbst sagt der 39-Jährige: „Ich kann schlecht beschreiben, wie sich das anfühlt. Seit dem Tod von Liam ist Kaya unser Lebensinhalt. Alle Kraft, die wir haben, geben wir ihr. Natürlich kommt trotzdem immer wieder Trauer hoch, aber ein Stück weit rettet Kaya uns auch.“

Kayas Herzfrequenz und die Sauerstoffsättigung müssen auch zuhause per Elektroden und Sensoren mit einem Monitor überwacht werden. Noch immer muss Kaya regelmäßig in die Klinik, zum Hausarzt, zum Ultraschall, zur Krankengymnastik. Mehrfach die Woche wird ein Pflegedienst zu den Bülows kommen, denn fest steht, dass die Hirnblutung motorische Probleme der Beine verursacht. Wie stark diese Probleme später sein werden, und wie sich Kaya generell weiter entwickelt, ist nicht absehbar. „Einerseits ist da das Glück, dass Kaya lebt und sich einige Dinge besser entwickelt haben, als es uns die Ärzte vorhergesagt haben. Aber natürlich ist da auch jede Menge Angst. Es gibt mit Kaya noch immer Tage, die ganz schwierig sind – und von ihrem Zustand hängt der unsere ab.“

Er hat abgenommen in den letzten Wochen. Bülow ist sowieso ein schlanker Typ, jetzt wirkt er in seinem hellgrauen Anzug noch ein wenig schmaler als zuvor. Als im November die Welt über ihm einstürzte, da dachte er an nichts mehr – außer an seine Familie. „Ich war wie weggebeamt. Da hätte schon ein Atomkraftwerk in die Luft fliegen müssen, damit ich was merke“, sagt Bülow. Er fehlte im Bundestag, er musste Veranstaltungen und Treffen absagen. Sein Arzt schrieb ihn wegen des traumatischen Erlebnisses und dessen Folgen krank. „Irgendwann fragte mich mein Büro: Was sollen wir den Leuten sagen?“

Für die Wahrheit

Bülow entschied sich für die Wahrheit. Er informierte Bundestag, seine Partei, die Fraktion. Er schrieb seinen Blogeintrag. „Eigentlich galt in meiner Familie immer die Absprache, dass Privates privat bleibt. Aber in diesem Fall konnten wir es nicht trennen. Natürlich hätte ich irgendeine Krankheit vorgeben können – das machen viele Politiker und Wirtschaftsbosse, und ich kann jeden verstehen , der es anders macht als ich es gemacht habe. Aber mein Weg war der offene.“ Bülow hat erst mit der Zeit erfahren, dass es nicht der leichteste war. Denn neben über 100 Briefen und Mails von teilweise wildfremden Menschen, die ihm und seiner Familie Mut machen wollten, gab es auch negative Reaktionen. Es gab Menschen, die ihm vorwarfen, dass er sich als Politiker offenbar eine Sonderbehandlung herausnehme, wenn er nicht bei der Arbeit erscheine. Ihm wurde vorgeworfen, dass er faul sei und sich hinter seinem Schicksal nur verstecke, um nicht arbeiten gehen zu müssen. „Ich kann wirklich einiges ab und bin als Abgeordneter auch Schläge unter der Gürtellinie gewohnt, aber damit hatte ich nicht gerechnet. In einem Brief wurde meine gesamte Familie verhöhnt, das war eine ganz andere Kategorie als alles, was ich bis dahin kannte.“

Er ist ein Kämpfer - wie seine Tochter

Mittlerweile ist Bülow nach eigener Einschätzung wieder bei einem Arbeitspensum von 80 bis 90 Prozent. „Ich versuche wichtige Debatten und Abstimmungen mit Arztterminen abzustimmen. Der wohl größte Unterschied zu früher ist der: Wenn irgendetwas mit Kaya ist, dann hat das Priorität.“ Bülow schrieb schon in seinem allerersten Blogeintrag zu dem Thema, dass er auf schmerzhafte Weise erfahren musste, dass ihm seine Familie wichtiger sei als sein politisches Engagement. Er ist ehrlich genug einzugestehen, dass er ohne Kinder vielleicht irgendwann Gefahr gelaufen wäre, die Balance zwischen Beruf und Privatleben zu verlieren. „Politikern wird ja gerne vorgeworfen, dass sie faul sind – aber bei allen Anschuldigungen, die man gegen sie vorbringen kann und von denen bestimmt auch einige richtig sind, ist das die ungerechteste. Viele hängen sich so rein, dass kein Platz für etwas anderes bleibt. Die Karriere wird so wichtig, dass die Familie aus dem Blickfeld gerät. Die Gefahr ist sehr groß – deshalb scheitern auch so viele Politiker-Ehen“, sagt Bülow.

Er muss jetzt los. Beim Wahlkreistreffen wird er natürlich auch über sich und seine Familie sprechen – „aber in erster Linie geht es da um die nächsten Projekte und um Energiepolitik“, sagt Bülow. Er leitet einen Arbeitskreis zum Thema Leiharbeit und Mindestlohn, er entwickelt mit der Fraktion an einem Lobbyisten-Register für mehr Transparenz. Er wird das mit aller Leidenschaft tun – während all seine Liebe bei seiner Familie ist. Bülow will es schaffen, ein guter Familienvater und ein guter Politiker zu sein. Die Chancen stehen gut für ihn. Er ist ein Kämpfer – wie seine Tochter.