Dortmunds „Maskenball“ tanzt auf der Mottenkiste

Ein Maskenball (Un ballo in maschera), neu inszeniert am Opernhaus Dortmund.
Ein Maskenball (Un ballo in maschera), neu inszeniert am Opernhaus Dortmund.
Foto: thomas m. jauk
Auf den ersten Blick sieht die Koproduktion eines gewöhnlichen Stadttheaters mit dem berühmten königlichen Opernhaus von Covent Garden nach einem Ritterschlag aus. Aber der „Maskenball“, der Samstag in Dortmund Premiere hat, zeigt: Man muss sich ziemlich brav bücken, um die Lizenz für London zu kriegen.

Dortmund.. Triumphe, in denen Niederlagen lauern, kennen wir seit der Antike. „Noch so ein Sieg - und wir sind verloren“, soll Pyrrhus gesagt haben. Nach der Premiere von Verdis „Maskenball“ in Dortmund verstehen wir ihn besser denn je.

So vollmundig die Westfalenoper mit ihrem internationalen Kooperationspartner wirbt und so ehrenwert es scheint, mit dem „Royal Opera House“ von Covent Garden in einem Atemzug genannt zu werden: Das Ergebnis ist eine Dienstleistung für London, rückständig bis lächerlich. Denn Covent Garden ist ein Star-Theater und starres Theater dazu. Wer die Netrebkos und Garancas, die Grigolos und Callejas nahezu täglich zu Gast hat, dazu das Haus vielfach voller Touristen, der geht kein Risiko ein.

Der Spielzeitauftakt ist ein Weg zurück

So ist Dortmunds Spielzeitauftakt ein Weg zurück. Rutschen Sie nicht auf den Mottenkugeln aus, verehrtes Publikum! Möglich, dass Menschen sich freuen an Kostümschinken und Rampengesang, an lächerlichem Fangenspielen zwischen Gräbern unter dem Motto „Hasch mich, ich bin der zweite Frühling“. Für das, was Intendant Herzog proklamiert, steht der altbackene Abend in keiner Minute.

Verdis Meister-Oper ernstzunehmen – Chef (Graf Riccardo) liebt Frau (Amelia) seines besten Mitarbeiters, was immer ein Risiko ist – wäre ein erster Schritt gewesen. Regisseurin Katharina Thoma aber irrlichtert zwischen Mätzchen und Hohlraum. Mal krabbelt der Graf (es ist etwa Juni 1914) so neckisch unter die Fransendecke einer spiritistischen Sitzung bei Frau Ulrica, dass man das Auftreten von Millowitschs „Etappenhasen“ nur für eine Frage der Zeit hält. Mal kitscht Thoma in einer Weise vor sich hin, die man kaum für möglich hält. Da werden steinerne Grabstatuen märchenhaft lebendig, tanzen am Ende gar. Wie diese große Tragödie, wie Menschen im Zustand der Verzweiflung hier ins oberflächlich Dekorative ab- und weggestempelt werden, ist mehr als betrüblich.

Bühnenbild fürs ganze Repertoire

Soutra Gilmours Bühnenbild (draußen abgewrackter Palazzo, drinnen Mobiliar des frühen 20. Jahrhunderts), dürfte die Fantasie von Sparfüchsen anregen. Zwischen Obelisk und Blumen-Diwan könnte man bei minimalen Veränderungen von „Rigoletto“ bis „My Fair Lady“ eigentlich das ganze Repertoire durchnudeln.

Erster Weltkrieg am Horizont

Aber Samstag war nun mal „Maskenball“. Der spielt, wie derzeit ungefähr 189 andere Kunstprojekte, am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Am Ende stirbt der gute Riccardo gar in der Gesellschaft von Handlangern, die der schwarzbehüteten Entourage aus den Schicksalstagen von Sarajewo verblüffend ähnlich sehen: ein bemühter Griff, kein Deut einer Deutung.

Musikalisch gibt es bessere Nachrichten. Mit Stefano La Colla (Riccardo) hat Dortmund einen Verdi-Tenor fast aus dem Bilderbuch zu Gast: stilvoll, geschmeidig, ohne Manierismen, nur gelegentlich leicht intonationsgetrübt. Susanne Braunsteffers Amelia ist achtbar, das fließend-schöne Martyrium ihrer „Carlos“-Elisabeth erreicht sie nicht ganz. Erst klingt die balsamische Noblesse von Sangmin Lees gedämpft, im „Eri tu“ aktiviert er endlich die nötige virile Durchschlagskraft. Anja Jungs „Ulrica“: etwas unstet, aber mit starken Charakterfarben. Den Chor feiert das Publikum mit lautem Jubel wie alle musikalischen Beteiligten, wenn auch im Falle des Dirigats Einschränkungen erlaubt sein mögen. Die ans Apathische grenzende Langsamkeit, mit der Gabriel Feltz Dortmunds Philharmoniker leitet, fördert zwar kammermusikalische Perlen zutage, den dramatischen Atem stützt sie zu selten.

Oper lebt? Opa lebt!

Ausgerechnet mit dieser Retro-Veranstaltung geht Dortmund in eine Saison, die das Motto „Oper lebt“ schmückt. „Opa lebt“ wäre korrekter. Für Opa ist das eine gute Nachricht.

 
 

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