Dortmunds entwidmete Kirchen — und was aus ihnen wurde

Die katholische Kirche St. Albertus Magnus in der Nordstadt sollte zur Waldorfschule werden.
Die katholische Kirche St. Albertus Magnus in der Nordstadt sollte zur Waldorfschule werden.
Weniger Gläubige — weniger Kirchen. Das ist auch in Dortmund so. Aber was geschieht mit den leeren, meist baufälligen Kirchengebäuden? Wir haben neun evangelische und katholische Kirchen gefunden, die in den letzten Jahren aufgegeben wurden. Und haben Licht und Schatten entdeckt.

Dortmund.. Die Rechnung ist einfach: Weniger Schüler, weniger Schulen. Weniger Briefe, weniger Briefkästen. Und weniger Gläubige, weniger Kirchen. In den vergangenen Jahren haben sich Dortmunds Gemeinden von so manchem Gotteshaus trennen müssen.

Meist fehlt den Gemeinden das Geld für die Sanierung der Kirchengebäude. Viele Gotteshäuser stammen aus der Zeit vor dem Krieg, einige sind auch direkt nach dem Krieg gebaut. Heiß im Klartext: Sie sind baufällig.

Aber weil sich ein Umbau wegen der sinkenden Zahl der Gemeindemitglieder ohnehin nicht mehr lohnt, muss eine andere Lösung her. Eine kleinere. Oder eine gemeinsame — in der sich Gemeinden zum Verbund zusammenschließen und sich weniger Kirchen teilen.

Bei Gemeindehäusern ist die Umnutzung meist einfacher. Aber was geschieht mit den alten Kirchen? Oft dauert es Jah re, bis sich eine Lösung ergibt.

Wir haben neun profanierte (also entwidmete) Kirchen aus Dortmund zusammengestellt — vier katholische und fünf protestantische. Um ein Fazit vorwegzunehmen: Es gibt (wie immer im Leben) Licht und Schatten. Vom Umbau zum Stadtteilzentrum mit Luxus-Restaurant bis zum jahrelangen Leerstand ist alles dabei.

Entwidmete katholische Kirchen in Dortmund

Christus unsere Hoffnung (kath.)

  • Arndtstr. 22, Kaiserstraßenviertel
  • Franziskus-Gemeinde
  • gebaut 1948/1976
  • entwidmet 2004

Die Geschichte der Kirche an der Arndtstraße und vor allem ihrer Gemeinde ist ein wenig wirr. Als sie noch Herz-Jesu-Gemeinde hieß, stand ihre Kirche neben dem Josefinenstift an der Bornstraße. Im Krieg wurden das Gebäude komplett zerstört. 20 Jahre lang bestand die versprengte Gemeinde nur noch auf dem Papier. Das Gebäude wurde nicht wieder aufgebaut.

Erst 1965 kam die Gelegenheit, wieder als Gemeinde Fuß zu fassen: Die Jesuiten verließen Dortmund und zogen ihr Kolleg im Christkönighaus an der Arndtstraße leer. Das Gebäude im Kaiserviertel war 1949 zu einem Kloster mit Hallenkirche wieder aufgebaut worden. Hier gründete sich die Herz-Jesu-Gemeinde neu und nutzte das Haus als Gemeindehaus mit integrierter Kirche.

Um den Namen "Herz-Jesu" und "Christkönighaus" zusammenzufassen, nannte sich die Gemeinde 1975 in "Christus unsere Hoffnung" um.

Als Kirchenbau war das Gebäude von außen kaum zu erkennen: Von der Arndtstraße her sah es aus wie ein schlichtes, graues Mehrfamilienhaus. Erst der seitliche Eingang mit seiner großen Doppeltreppe und den sakral anmutenden hohen Fenstern deutete auf ein Gotteshaus hin.

2004 schloss sich die Christus-Gemeinde der Franziskus-Gemeinde an, die die Kirche aber noch bis 2007 als Filialkirche nutzte. Dann wurde der Bau profaniert.

Die Gemeinnützige Wohnungsgenossenschaft Dortmund kaufte das Gelände in gefragter Innenstadtlage und riss das alte Gebäude ab. Bis 2011 entstand dort ein Mehrfamilienhaus mit 30 Mietwohnungen.

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St. Albertus Magnus (kath.)

  • Enscheder Str. 15, Nordstadt
  • 1943 gebaut — 2007 entwidmet
  • Denkmalschutz

Die Planungen von 2010 klangen außergewöhnlich: Eine Elterninitiative wollte in der leerstehenden Albertus-Magnus-Kirche in der Nordstadt eine Waldorfschule eröffnen. Der "Förderverein Interkulturelle Waldorfschule Ruhrgebiet" sah großen Bedarf. Schließlich sei das Quartier rund um den Borsigplatz eins der kinderreichsten Viertel der Stadt. Aus der Schule wurde nichts — übrigens auch nicht am anderen geplanten Standort an der Mallinckrodtstr. 64, wo vorerst nur ein Familienhaus entstand.

So steht die Kirche in einer Parallelstraße zum Borsigplatz auch weiterhin leer. Wie seit langen Jahren schon. Bis 2006 wurde das Gotteshaus noch von der Katholischen Kroatischen Mission genutzt, die dann in die Apostolische Kirche ins Hafenviertel umzog.

Konkrete Planungen gibt es laut Aussage der Katholischen Stadtkirche derzeit nicht. Bei der Stadt steht allerdings noch eine Entscheidung darüber aus, ob das Gebäude als Stadtteilzentrum genutzt werden soll. Die Kirche hat dafür schon grünes Licht gegeben.

Ein Abriss ist schwierig, weil das Gebäude dank seiner außergewöhnlichen Architektur und Lage (lückenlos eingepasst in die Häuserzeile der Enscheder Straße) unter Denkmalschutz steht.

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Bonifatius-Kirche (kath.)

  • Adelenstr., Schüren
  • Pastoralverbund Dortmund-Aplerbeck
  • gebaut 1961
  • entwidmet 2008
  • abgerissen 2009

Die alte Pfarrkirche an der Adelenstraße ist längst abgerissen — das Gelände wird gerade verkauft. Das Gebäude war ohnehin baufällig, aber eine Sanierung hätte sich aufgrund der rapide sinkenden Mitgliederzahlen nicht mehr gelohnt. Auf den Grundstück entsteht Wohnbebauung.

Die Notkirche gegenüber, die schon 1922 entstand und nach dem Kirchenbau 1963 als Gemeindehaus diente, brannte am 23. Dezember 2005 ab. Gegründet wurde die Gemeinde übrigens 1906 im Hinterhof eines Gutshofes.

Seit 2008 finden die Gottesdienste im umgebauten Bonifatiushaus an der Gevelsbergstraße statt — eine Kombination aus Gemeindehaus und Kirche. Neben Gemeinderäumen gibt es dort auch einen geweihten Kirchraum mit Altar.

Die Bonifatius-Gemeinde musste wegen des dramatischen Mitgliederschwundes dem Pastoralverbund Dortmund-Aplerbeck beitreten. Bis 2015 sollen die vier Gemeinden zur Gesamtpfarrei werden.

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Liebfrauenkirche (kath.)

  • Amalienstr. 21, Mitte
  • Propstei-Gemeinde
  • gebaut 1883 — teilentwidmet 2009
  • Denkmalschutz

Im Erzbistum Paderborn war es ein Novum: Als erste Kirche wurde die Liebfrauenkirche für Grabeskirche umgebaut. In NRW war das bis dahin nur in Aachen und Marl geschehen.

Zuvor hatte sich die Innenstadt-Gemeinde entscheiden müssen: Soll der marode Kirchturm aufwändig saniert werden, obwohl die schrumpfende Gemeinde auf der Kippe steht? Oder soll der unsanierte Turm auf Jahre eingerüstet werden?

Die Lösung lag in der Mitte: Die Kirche wurde komplett saniert und gleichzeitig zur Urnenkirche umgebaut — für 5 Millionen Euro. Die Kirchgänger konnten sich (wie alle Gemeinden) zwar nur schwer von ihrem Gotteshaus mitten im Klinikviertel trennen, aber Diskussion über die Nachnutzung als Kolumbarium gab es kaum.

Heute gehört die Liebfrauenkirche zur Probsteigemeinde. Die Probsteikirche St. Johannes Baptist ist nur 300 Meter entfernt.

Entwidmete evangelische Kirchen in Dortmund

Johanneskirche (ev.)

  • Jägerstr./Bornstr., Nordstadt
  • Friedenskirche-Gemeinde
  • gebaut 1910 — entwidmet 2006
  • Denkmalschutz (Turm)

Die Johanneskirche in der Nordstadt ist längst Geschichte. Nach dem Krieg stand nur noch der Turm. Kirchenschiff und Gemeindehaus wurden im Krieg zerstört und in den 60ern wieder aufgebaut — als Gemeindezentrum mit Kirchensaal. Sogar eine Suppenküche gab es.

Das Kirchenzentrum musste 2006 schließen. Auslöser: Um neue Brandschutzbestimmungen zu erfüllen, hätte die Gemeinde 100.000 Euro investieren müssen. Dazu war der Kirchenkreis nicht bereit. 2007 fusionierte die Johannesgemeinde dann mit Luther- und Lukasgemeinde zur Friedenskirche.

Das Gebäude aus den 60er Jahren steht leer. Eine Nachnutzung oder einen Investor für des Gelände gibt es noch nicht. Auch der denkmalgeschützte, weinberankte Turm steht noch an der Ecke Jägerstraße/Bornstraße, einer vielbefahrenen Kreuzung in der Nordstadt. Der Kontrast zu "kleinem Hannibal" und Dogewo-Hochhaus gegenüber könnte größer nicht sein.

Hinter dem markanten Turm steht an der Jägerstraße übrigens das "Haus der evangelischen Kirche", das aus Finanzgründen aber auch schon mal auf der Kippe stand. Dort sind zum Beispiel VKK-Verwaltung, Diakonie, Schulungsräume und Hospizdienst untergebracht.

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Adventkirche (ev.)

  • Steinkühlerweg 80, Hörde
  • gebaut 1953 — entwidmet 2008
  • ev. Kirchengemeinde Hörde

Bei den Plänen rund um die marode Adventkirche ging es lange hin und her. Erst war ein Umbau geplant, aber dann wurde die evangelische Kirche doch profaniert und verkauft. bi 2013 baute dort ein Investor Seniorenwohnungen. Das Besondere an dem Bauprojekt: Der alte Kirchturm ist ins neue Gebäude integriert.

Zuvor hatte sich die Gemeinde schon vom Adventkindergarten getrennt. Das baufällige (und viel zu kleine) Gebäude wurde zusammen mit dem Gemeindezentrum abgerissen — Fabido baute nebenan eine neue Kita neu. Auch hier kam es zu ärgerlichen Verzögerungen.

Aber der erhaltene Turm ist nicht das einzige Relikt, das an die abgerissene Kirche erinnert: Zwei Adventkirchen-Glocken stehen jetzt vor der Lutherkirche — die dritte Glocke wurde an eine arme Gemeinde in Südamerika verschenkt. Kanzel und wertvolle Christus-Figur stehen jetzt in der Friedhofs-Kapelle. Der Altar ist eingelagert.

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Gustav-Adolf-Kirche (ev.)

  • Deusener Straße 215, Deusen
  • 1927 gebaut
  • 2007 entwidmet

In Deusen hat sich gezeigt, was bürgerschaftliches Engagement bewirken kann: Als die Gemeinde entschied, die Kirche aufzugeben, nahmen die Deusener das Heft in die Hand — und gründeten 2005 den Förderverein "Wir lassen die Kirche im Dorf".

Die Kirche verkaufte dem Verein das Gebäude für einen symbolischen Euro und überließ ihm das Grundstück auf Erbbaurechts-Basis. Nach der Entwidmung 2007 bauten die Deusener das kleine Kirchengebäude mit viel Eigenleistung zum Stadtteilzentrum um. Viel Geld für den Umbau kam vom Land, aber rund ein Drittel warb der Verein als Spenden ein.

Seit 2010 wird das weißgetünchte Gebäude als Veranstaltungsort für Events, Theater, Ausstellungen, Seminare, Vereins- und Familienfeiern genutzt. Im angrenzenden Neubau hat 2011 sogar ein Restaurant eröffnet: das Luxus-Steakhouse "Hohoffs 800°".

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Kirche Dorstfeld (ev.)

  • Hochstr. 10, Dorstfeld
  • Elias-Gemeinde
  • gebaut 1904
  • entwidmet 2013
  • Denkmalschutz

Die evangelische Kirche in Dorstfeld ist eine der neuesten Verluste in Dortmund: Die Kirche wurde erst Ende 2013 entwidmet.

Die Nachnutzung ist bislang noch völlig unklar. Aber laut VKK gab es schon viele Ideen für das denkmalgeschützte Gebäude, das Bahnreisende schon bei der Einfahrt nach Dortmund begrüßt: Im Gespräch waren Wohnungen, ein Orgelmuseum, eine Grabeskirche wie in Liebfrauen, eine Nutzung für die TU, der Umbau zum Archiv für Architektur- und Ingenieurbaukunst NRW oder auch ein Schaudepot für das Museum für Kunst und Kulturgeschichte.

Das alles sei aber verworfen worden. Man wird also abwarten müssen.

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Kirche Lindenhorst (ev.)

  • Segensgemeinde
  • Alte Ellinghauser Str. 7, Lindenhorst
  • gebaut vermutlich um 1214 (Turm)
  • 2013 entwidmet
  • Denkmalschutz

Es hat sich lange abgezeichnet — Ende 2013 meldete die Gemeinde dann Vollzug: Die evangelische Kirche in Lindenhorst ist entwidmet. Der Turm des vergleichsweise kleinen Gotteshauses ist schon seit Jahren eingerüstet und mit Planen verdeckt. Das Mauerwerk ist marode. Eine Sanierung lohnte nicht mehr.

Der uralte Turm (urkundlich erstmals 1214 erwähnt) war zuletzt in den 60ern saniert worden. Dabei lief aber einiges schief: Der Mörtel wurde angegriffen, das Mauerwerk wurde porös.

Anders als bei der evangelischen Kirche Dorstfeld, die etwa zur selben Zeit aufgegeben wurde, sind die Pläne für die Umnutzung sehr konkret: Ein heimischer Investor will ein Senioren- und Pflegeheim bauen. Wie in der Adventkirche in Hörde soll nach ersten Plänen die Kirche in den Neubau einbezogen werden — möglicherweise auch das Gemeindehaus. Verkauft ist das Gelände allerdings noch nicht.

 
 

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