Dortmunderin (69) lebt seit 15 Jahren ohne Geld

Experiment: Heidemarie Schwermer (69) aus Dortmund lebt seit 15 Jahren ohne Geld
Experiment: Heidemarie Schwermer (69) aus Dortmund lebt seit 15 Jahren ohne Geld
Foto: WR Dortmund/Knut Vahlensieck
Anfangs sollte es nur ein Experiment für maximal ein Jahr sein. Mittlerweile ist es 15 Jahre her, dass Heidemarie Schwermer sich entschloss, ohne Geld zu leben. Sie tut es bis heute.

Dortmund. Am Anfang sollte es nur ein Experiment sein und maximal ein Jahr dauern. Mittlerweile ist es 15 Jahre her, dass Heidemarie Schwermer sich entschloss, ohne Geld zu leben. Sie tut es bis heute.

Die gebürtige Ostpreußin ist Jahrgang 1942, schon im Kleinkindalter lernte sie auf der Flucht nach Süddeutschland, was es heißt, ohne Besitz zu leben. „Plötzlich waren wir nichts mehr wert, weil wir keinen Besitz mehr hatten“, erinnert sie sich. Schließlich fand die Familie Unterschlupf auf einem Bauernhof. „Zu Ostern durften wir Eier suchen und ein paar Wochen lang gab es für alle reichlich zu essen.

Mutter und Großmutter halfen den Gastgebern bei der täglichen Arbeit. Es war ein Tauschen und Teilen, Geben und Nehmen in freundlicher Atmosphäre, und fast hätte ich darüber das Leid der vergangenen Monate vergessen.“, schreibt Schwermer in ihrem Buch „Das Sterntalerexperiment: Mein Leben ohne Geld“.

Nach Kriegsende blieb ihr Leben geprägt von den Gedanken um Werte, Würde und der Frage nach dem Wie.

Tauschen statt kaufen

Als junge Frau ließ sie sich von ihrem Beruf als Lehrerin beurlauben und ging nach Südamerika. Heirat und zwei Kinder folgten.

Zurück in Deutschland ließ sie sich als Motopädin und Psychotherapeutin ausbilden, 1986 eröffnete sie mit einer Freundin eine eigene Praxis in Dortmund. Es folgte die Gründung des Tauschrings „Gib und Nimm“. Heidemarie Schwermer wandte sich immer mehr ab von der Konsumgesellschaft: „Ich habe so viele Sachen getauscht, dass ich mir irgendwann gedacht habe: ‘Du musst ja eigentlich gar nichts mehr kaufen!’“

Freundeskreis war entsetzt

Im Mai 1996 dann der große Schnitt. Girokonto, eigene Wohnung, Krankenversicherung, von all diesen Dingen trennte sich die mittlerweile 69-Jährige „erst einmal für ein Jahr. Ich hätte nie gedacht, dass man so leben kann.“ Genauso dachten auch ihre Freunde und die zwei Kinder: „Die haben mich für verrückt erklärt. Eine Freundin hat sogar geweint, weil sie dachte, dass ich total abstürzen würde.“

Sie hatte mit Hürden gerechnet auf dem Weg in die Selbstständigkeit der anderen Art. Doch weder Krankenkasse noch Einwohnermeldeamt legten ihr Steine in den Weg.

Keine Sorgen um die Zukunft

Mit dem Blick auf das Heute gerichtet geht Heidemarie Schwermer seitdem durch ihr Leben. Sorgen macht sie sich keine, jedenfalls nicht um die Zukunft: „Ich lebe im Hier“, wischt sie Fragen nach ihrer Altersvorsorge vom Tisch. Krankheit, Alter, mal ein Besuch beim Zahnarzt? Darüber macht sie sich Gedanken, wenn es soweit ist. Seit 15 Jahren war sie nicht mehr beim Arzt, es war einfach nicht nötig. „Ich habe mittlerweile großes Selbstvertrauen“, sagt sie gelassen, „Was soll einem denn passieren?“

Jetzt lebt sie bei Freunden auf der ganzen Welt, hütet Häuser, hilft hier einem Freund, hält dort einen Vortrag oder gibt eine psychotherapeutische Beratung. Im Tausch erhält sie alles, was sie zum Leben braucht. „Ich bin immer im Bewegung, alles ist im Fluss“, beantwortet Schwermer die Frage nach ihrer Heimat.

Rente wird verschenkt

Seit vier Jahren ist sie wieder Mitglied in einer Krankenkasse, bezieht eine Rente, die sie komplett verschenkt. Genau wie die Einnahmen aus ihrem ersten Buch. Zwar hätte sie auf die Rente verzichten können. „Aber mit diesem Geld kann ich viele Menschen glücklich machen“, sagt sie lächelnd. „Ich kriege schon raus, wer was braucht.“

Die anfänglichen Existenzängste hat sie schnell überwunden. Dafür fühlt sie sich jetzt unabhängiger, freier, zwangloser. „Ich lebe mehr im Augenblick. Es gibt für alles eine Lösung.“

 
 

EURE FAVORITEN