Dortmunder Brüder belasten Terrorverdächtige Beate Zschäpe

Die Brüder Dominik (l.) und Benjamin Reding. Sie sagen, die NSU-Terroristen hätten sie 1996 im Hauptbahnhof Erfurt beschossen.
Die Brüder Dominik (l.) und Benjamin Reding. Sie sagen, die NSU-Terroristen hätten sie 1996 im Hauptbahnhof Erfurt beschossen.
Foto: privat
Am 6. Mai beginnt der Prozess gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe, aktuell laufen zeitgleich Ermittlungen in Erfurt gegen sie. Sie soll beteiligt gewesen sein, als Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos auf dem Erfurter Hauptbahnhof auf zwei gebürtige Dortmunder schossen.

Dortmund. Dominik Reding ist sich sicher: Die Frau damals auf dem Erfurter Hauptbahnhof war Zschäpe, die beiden Männer waren Mundlos und Bönhardt. Reding war zusammen mit seinem Bruder Benjamin, sie sind die Söhne des Schriftstellers Josef Reding, auf dem Weg nach Ilmenau.

Es war der Silvesterabend 1996 gegen 20.30 Uhr, als die Brüder zusammen mit einem Mitreisenden das damals noch existente Mitropa-Restaurant betraten. "Draußen waren es minus 12 Grad, wir betraten den großen Raum und mittig saßen zwei Männer und eine Frau, Neonazis. Sie sahen uns, wir sahen sie und wussten sofort, es gibt Ärger."

Brüder sind um ihr Leben gelaufen

Die Reding-Brüder, heute erfolgreiche Filmemacher in Berlin, waren damals Punks, Dominik hatte einen Irokesenschnitt, sein Bruder hatte bunte Haare und "man sah sofort, das fanden die scheiße". Reding erinnert sich besonders an Zschäpe, sie habe lange braune und verwirrte Haare gehabt, alle drei seien ruhig und gesetzt gewesen, nicht laut oder betrunken. Nach einem kurzen Gespräch mit ihnen hätten die Redings und die bis heute unbekannte Reisebekanntschaft das Lokal verlassen. "Wir waren ein paar Meter gelaufen, da hörten wir die Tür wieder aufgehen". Mundlos und Böhnhardt seien ihnen gefolgt, Zschäpe sei stehen geblieben.

Dominik Reding: "Ich bin erst noch langsam gegangen, dann rief mein Bruder 'Lauf, lauf, der hat eine Knarre'." Sie seien gerannt, dann fielen Schüsse, drei bis fünf seien es gewesen, "es schlug Metall auf Metall, das war keine Gaspistole. Wir liefen um unser Leben."

Aus Angst vor den Tätern haben sie keine Anzeige erstattet

Letztlich hätten sie den Zug erreicht, unglaublich glücklich seien sie gewesen und hätten der Schaffnerin noch zugerufen, dass sie die Tür schließen solle. Die Schaffnerin, offenbar alarmiert durch die Schüsse, habe sofort reagiert und die Tür verriegelt. "Ich bin ihr heute noch sehr, sehr dankbar."
Draußen, vor dem Fenster, habe Böhnhardt mit der Knarre rumgefuchtelt, Mundlos versuchte wohl, ihn zu beruhigen, dann sei der Zug angefahren. Die Reding-Brüder erstatteten keine Anzeige.

"Das waren Menschen, die waren irre, sie waren bereit, Morde in der Öffentlichkeit zu begehen. Was waren die bereit, aufzugeben? Für zwei kleine Punks?" Hätten sie damals eine Anzeige erstattet, wären ihre Namen aktenkundig geworden, die Anwälte der Täter hätten gewusst, wer sie sind. "Wir haben überhaupt nichts gemacht."

Das änderte sich im Herbst 2012, die Brüder hatten das Trio in Medienberichten erkannt, immer wieder hieß es dort, dass die Ermittler so gut wie nichts über die NSU im Zeitraum 1996 und 1997 wussten. Sie riefen beim BKA an, als die Beamten einen Hinweis auf Schüsse am Erfurter Bahnhof fanden, wurden sie intensiv befragt.

Dominik fünf, sein Bruder drei Stunden lang. Befragt zu einer unfassbaren Geschichte, die für Dominik Reding heute im Vergleich zu den zehn Morden, die der NSU vorgeworfen werden, nur ein kleines Erlebnis ist.

Angriff in Erfurt soll keine Rolle im NSU-Prozess spielen

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Erfurt werden nach derzeitigem Stand keine Rolle beim NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe spielen. Nach Problemen bei der Akkreditierung ausländischer Medien wurde der Prozessbeginn am OLG München auf den 6. Mai verschoben.

Von Tobias Großekemper