Dortmund

Dortmund: Wissenschaftler mit deutlicher Aussage – das sind die muslimischen „Macho-Macher“

Prof. Dr. Ahmet Toprak von der Fachhochschule Dortmund erklärt in seinem erschienen Buch „Muslimisch, männlich, desintegriert“ warum die Erziehung viele muslimische Jungen zum macho macht. (Symbolbild)
Prof. Dr. Ahmet Toprak von der Fachhochschule Dortmund erklärt in seinem erschienen Buch „Muslimisch, männlich, desintegriert“ warum die Erziehung viele muslimische Jungen zum macho macht. (Symbolbild)
Foto: imago images / Winfried Rothermel

Dortmund. Die Statistiken zeigen ein krasses Bild: Muslimische Jungen sind abgehängt. Sie brechen häufiger die Schule ab, werden häufiger arbeitslos und sind nationalistischen sowie salafistischen Bestrebungen gegenüber anfälliger. Woran liegt das?

Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak von der Fachhochschule Dortmund hat sich in seinem Buch „Muslimisch, männlich, desintegriert“ mit genau dieser Frage beschäftigt. Dabei handele es sich nicht nur um eine verfehlte Integrationspolitik. Häufig seien die Eltern selbst die „Macho Macher“.

Im Interview mit DER WESTEN verrät der Wissenschaftler aus Dortmund, was bei der Erziehung in muslimischen Familien falsch läuft.

Herr Toprak, was hat Sie dazu veranlasst, sich mit dem Thema muslimische Erziehung auseinander zu setzen?

Die Pisa Studie aus dem Jahr 2015/16 hat herausgefunden, dass junge, muslimische Männer aus der Großstadt die neuen Bildungsverlierer sind. Dieser Dreiklang war vor 40 Jahren noch anders. Die Bildungsverlierer waren damals weiblich, katholisch und vom Land.

Und weil nicht muslimische Mädchen genannt werden, sondern muslimische Jungs, hatte ich den starken Verdacht: Es könnte an dem Erziehungskonzept der Eltern liegen.

Sie nennen muslimische Eltern „Macho-Macher“ – wie kommen Sie zu dem Urteil?

Die Mutter zieht sich ab einem bestimmten Alter in Bezug auf die Geschlechterrollen aus der Erziehung zurück. Der Junge soll sich am Vater orientieren und Rolle anhand von Imitation übernehmen.

+++ Tochter von „Hartz 4“-Empfängerin klagt: „Es macht kaum Sinn, arbeiten zu gehen“ +++

Die Mutter ist einerseits die Versorgerin, schützt auf der anderen Seite den Sohn vor Ungerechtigkeiten. Die Mutter macht den Jungen unbewusst zum Macho, indem sie ihm gegenüber der Außenwelt, Vater, Lehrkräfte oder Sozialarbeiter, in Schutz nimmt. Meine These ist: Das schützt den Jungen nicht, sondern schadet ihm. Klare Ansagen und Vorstellungen können hingegen dazu beitragen, dass der Junge besser in der Schule ist.

Wo liegt denn der Unterschied zu den Mädchen in der Familie?

Das Mädchen soll später eine gute Mutter und Hausfrau sein und sich an ihrer Mutter orientierten. Wenn es Dinge falsch macht, werden sie nicht dem Mädchen angelastet, sondern der Mutter. Es wird deswegen bei jeder Kleinigkeit reglementiert. Sie soll schnell, ordentlich, zielgerichtet und termingerecht arbeiten – alles Dinge, die auch im Schulalltag verlangt werden.

+++ Herne: Nach Ausschreitungen bei Kurden-Demo – Polizei greift durch +++

Wie muss das Umfeld denn gestaltet sein, um muslimische Jungen gut auf den Schulalltag vorzubereiten?

Wir empfehlen den Eltern, ihren Kindern auf Augenhöhe zu begegnen und ihre Erziehungsmethoden zu reflektieren. Außerdem müssen andere Erziehungsmethoden aufgezeigt werden. Im Prinzip geht es darum, den Eltern die Augen zu öffnen. Mit Schuldzuweisungen und Verurteilungen werden wir nicht weiter kommen.

In ihrem Buch sagen sie zudem, dass muslimische Jungen anfälliger für nationalistische und salafistische Bestrebungen sind. Wie kann man das verhindern?

Wir müssen die jungen Männer mit ihren Familien als Gesellschaft in die Mehrheitsgesellschaft integrieren. Beim Rechtsradikalismus ist es ähnlich. Darum appelliere ich, dass wir gemeinsam als Gesellschaft und Eltern diesen jungen Männern Perspektiven aufzeigen, damit sie eben nicht anfällig sind für solche Bestrebungen.

+++ Essen: Frau in Park vergewaltigt – Polizei sucht Mann mit auffälliger Tätowierung +++

Wir müssen dem von Salafisten und Nationalisten vermittelten einfachen Weltbild entgegentreten. Das müssen wir entkräften und Alternativen bieten. Den Jugendlichen eingestehen, dass die Komplexität einen auch als Erwachsenen überfordern kann und man trotzdem gut zu Recht kommt, ist wichtig. Das zu artikulieren ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.

Hilft der schulische Erfolg, den Mädchen sich von konservativ-muslimischen Werten zu lösen und einen neuen Horizont zu bekommen?

Die Mädchen profitieren in zweierlei Hinsicht. Durch die strenge Erziehung kommen sie ungewollt besser in der Schule zurecht. Und da die Mädchen weniger Freiheiten haben, investieren sie umso mehr in Bildungsabschlüsse. Und über den Bildungsaufstieg schaffen sie sich wiederum mehr Freiheiten. So erlauben Eltern den Mädchen, zwecks eines Studiums in eine andere Stadt zu ziehen. Sie kommen dann über die Universitäten in einen andern Kontext.

+++ Alleinerziehende Mutter aus NRW: „Mama, hast du geweint?“ +++

Sie kommen selbst aus einem zentralanatolischem Dorf: Welche biografischen Erfahrungen sind in ihr Buch geflossen?

Das Buch ist stark biografisch angehaucht. Unsere Familie war nicht religiös, aber traditionell. Ich wollte zeigen: Es ist möglich, sich zu ändern. Das habe ich am Beispiel meiner Eltern dargestellt. Und ich wollte Mut machen, diese Veränderungen anzustoßen. Am Beispiel meiner beiden Brüder. Und mir habe ich zudem gezeigt, dass, wenn sich die Eltern verändern, akademischer Erfolg möglich ist.

Es geht, wenn man sich bemüht und sich öffnet. (dav)

 
 

EURE FAVORITEN