Dortmund

Dortmund: Frau fotografiert Babys, die bei der Geburt sterben – „Nichts ist schlimmer als...“

Fotografin Paula Janka Meisel aus Dortmund macht Fotos von verstorbenen Babys. Insgesamt 27 Sternenkinder hat sie 2019 aufgenommen.
Fotografin Paula Janka Meisel aus Dortmund macht Fotos von verstorbenen Babys. Insgesamt 27 Sternenkinder hat sie 2019 aufgenommen.
Foto: dpa

Dortmund. „Der Alarm geht jeden Tag“, sagt Paula Janka Meisel (38) bedächtig. Die dokumentarische Fotografin aus Dortmund ist ehrenamtlich als Sternenkind-Fotografin tätig. Sie sprintet ins Krankenhaus, wenn Babys vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind.

Was eigentlich der glücklichste Tag im Leben werdender Eltern sein soll, wird manchmal zum absoluten Albtraum. Denn wenn das eigene Kind verstirbt, ist das wohl die schlimmste Erfahrung, die Eltern durchmachen müssen.

Dortmund: Sternenkind-Fotografin macht Bilder toter Babys

Oft bleiben nur Fotos als Erinnerung. Und dann kommt Paula Janka Meisel ins Spiel.

2.877 Mal wurden Fotografen bundesweit gerufen, weil sie diesen traurigen Moment festhalten sollten. DER WESTEN hat mit der 38-Jährigen aus Dortmund über ihre Erfahrungen als Sternenkind-Fotografin gesprochen.

Fotografin aus Dortmund hat vor ihrer Arbeit nie eine Leiche gesehen

„Ich habe nie zuvor eine Leiche gesehen“, gibt die Mutter zweier Söhne offen im Gespräch zu. „Im Vorfeld wusste ich auch nicht, was der Umgang mit toten Babys mit mir machen würde und ob ich die Erlebnisse gut verarbeiten kann.“

Und dennoch hat sie die Arbeit gereizt, die Vorstellung gar fasziniert. „Wenn man von der Trauer und dem Verlust absieht, bin ich diejenige, die den Eltern Erinnerung schenkt, ich schenke etwas, was zur Verarbeitung beiträgt. Das ist im Gegensatz zu Ärzten, die über den Tod informieren müssen, gewissermaßen ein schöner Teil“, erklärt sie.

Interesse an Sternenkind-Fotografie enorm gestiegen

Und so ist Paula Janka Meisel eine von rund 600 Fotografen der Organisation „Dein Sternenkind“, die in ganz Deutschland ehrenamtlich meist in Krankenhäuser fahren, um letzte Fotos von toten Säuglingen zu machen.

Ab der 14. Schwangerschaftswoche werden Fotos von Sternenkindern gemacht, erklärt Pressesprecher Oliver Wendlandt. Seit der Gründung 2013 sei das Interesse „exorbitant“ gestiegen. Wurden 2016 noch 380 Kinder im Jahr von der Organisation als Sternenkind fotografiert, waren es 2019 schon 2.833.

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Das ist die Organisation Sternenkind:

  • Die Organisation Sternenkind wurde 2013 vom Fotografen Kai Gebel gegründet
  • Rund 600 Fotografen sind ehrenamtlich im Einsatz, um Bilder von Sternenkindern zu machen
  • Sie erhalten im Forum der Organisation einen Alarm, können dann Termine in der Nähe annehmen
  • Im Schnitt dauert es 13 Minuten, bis sich ein Fotograf im Krankenhaus meldet und den Auftrag annimmt
  • 2.877 Einsätze gab es bundesweit (inklusive Österreich) im vergangenen Jahr
  • Seit 2016 wird jeder Foto-Wunsch bundesweit umgesetzt
  • So werden laut der Initiative etwa zwei Drittel aller Totgeburten als Erinnerung festgehalten
  • Hier gibt es mehr Informationen zur Initiative „Dein Sternenkind“

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„Es gibt nichts Schlimmeres, als die Vorstellung, das Baby in einer kalten Nierenschale fotografieren zu müssen“, sagt sie. Das sei so natürlich noch nie vorgekommen.

Dank ehrenamtlicher Nähgruppen sind Fotografen und Krankenhäuser gut ausgestattet. Deshalb habe sie immer bunte Decken, Teddys, Strampler, Engelchen oder Ähnliches dabei, um ästhetische Fotos zu machen - mal Nahaufnahmen von Händchen oder Füßchen, mal das Gesamtbild samt Eltern.

„Zuvor wusste ich auch nicht, dass sich die tote Babyhaut schnell ablösen kann. Da muss man sehr vorsichtig sein“, beschreibt sie ihre Arbeit eindrücklich.

Jedes Mal ist etwas Besonderes

Jede Situation ist anders, jeder Termin verschieden - seit zweieinhalb Jahren ist sie im Fotografen-Pool und hat schon viele emotionale Momente erlebt. „Es kommt zwar Routine rein, aber jedes Mal ist etwas Besonderes“, stellt Meisel klar.

„Manchmal gibt es Mütter, die wollen ihr totes Baby nicht sehen“. Dann empfängt sie das Kind allein in einem separaten Raum, fasst es an, bettet es ordentlich und schießt Fotos als Erinnerung. „Wer weiß, vielleicht wollen sich die Eltern eines Tages die Fotos anschauen und sind dann dankbar, dass sie die Möglichkeit hatten“, so die Fotografin.

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Dann wiederum wissen andere Eltern nicht, wie sie mit dem Tod umgehen sollen, haben Scheu ihr Totgeborenes zu berühren. Da hilft Paula Janka Meisel dann als Mittlerin, ermutigt sie, das Kind in den Arm zu nehmen. „Die Beziehung, die dann entsteht, ist schnell sehr eng. Da ist es selbstverständlich, dass man dann auch Fotos auf der Beerdigung schießt, wenn man danach gefragt wird“, sagt sie.

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Im Sternenkind-Forum tauscht sie sich mit Kollegen aus, wenn Redebedarf besteht oder jemand einen Ratschlag benötigt. Kurz vor Weihnachten habe sie dann von einem Wunder erfahren. Ein totgeglaubtes Kind mit einem irreparablen Herzfehler starb nach der Geburt wider Erwarten nicht. „Das habe ich noch nie erlebt!“, beteuert sie.

„Einer der allerschlimmsten Momente“

Allerdings hat sie auch schon einige harte Schicksale miterlebt. Eine Familie hat ihr zweites Kind erwartet und die Schwangere kam mit vorzeitigen Wehen ins Krankenhaus. Der Befund: Entzündungswerte im Körper der Mutter.

Deshalb hat er die Schwangerschaft abgestoßen, obwohl das Kind kerngesund war. „Die Geburt war nicht aufzuhalten. Wäre das Kind zwei Wochen länger im Mutterleib geblieben, hätte es eine Chance zum Überleben gehabt“, erzählt sie traurig. „Das war einer der schlimmsten Momente meiner Arbeit.“

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Eine Situation hat die Fotografin noch nicht erlebt

Doch es gibt auch eine Situation, vor der die Dortmundein großen Respekt hat, weil ihr diese bislang noch nicht passiert ist: Wenn das Kind an Schläuchen angeschlossen ist und dann die Maschinen abgestellt werden müssen, „solche Bilder von sterbenden Kindern in den Armen der Eltern habe ich noch nicht gemacht. Das wird sicher nochmal sehr emotional.“

Doch ihre Arbeit zeigt auch, dass der Kreislauf zwischen Leben und Tod fließend ist. Viele betroffene Eltern melden sich im Nachhinein bei der Fotografin. Sie sind wieder schwanger geworden und wollen einen Fototermin vereinbaren - um das gesunde, lebende Kind abzulichten. „Das“, so die Dortmunderin, „ermutigt mich ungemein.“

 
 

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