Dortmund

Dortmund: Bewohner der Nordstadt schlägt Alarm – „Am helllichten Tag gekokst“

Dortmund: Anwohner kämpfen gegen Drogen-Problem
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Dortmund. Im Dunkeln der Grünanlage sind die Silhouetten der zwei Personen nur schemenhaft zu sehen. Sie kommen aus unterschiedlichen Richtungen und gehen in unterschiedliche Richtungen. Nur ein paar Sekunden dauert ihr Treffen, sie reichen sich die Hände, übergeben etwas. Dann gehen sie dahin.

Szenen wie diese hat Patrick O.*, dessen Namen wir zu seinem Schutz geändert haben, zuhauf beobachtet. Er wohnt im Lütgenholz, keine fünf Minuten zu Fuß vom Borsigplatz in Dortmund. „Ich hab hier schon Männer im Park am helllichten Tag koksen gesehen“, erzählt er.

Dortmund: Anwohner kämpft gegen Drogendealer in Nordstadt

Die Häuser in der Wohnsiedlung unweit der Stahlwerkstraße sind frisch saniert, die Wege neu gepflastert. Ein Park lädt Familien zum Verweilen ein. Wenn da nicht die Drogendealer und ihre Geschäfte wären. „Es wird vor den Augen von Familien und Kindern gedealt. Die sind komplett hemmungslos“, schlägt der Mann aus Dortmund Alarm.

„Ich habe eine Aversion gegen Drogen, hasse das Zeug wie die Pest“, sagt er. Seine Tochter habe früher selbst Drogen genommen, schlechte Erfahrungen gemacht. Vielleicht auch deshalb schaut er nicht wie viele andere Anwohner weg, wenn Kriminelle auf offener Straße mit Drogen dealen.

Mehr als einmal hat Patrick O. die Polizei gerufen. „Ich gebe ihnen nicht die Schuld. Sie tun und machen, was sie können“, lobt er die Arbeit der Ermittler.

Doch meist sind die Dealer schon über alle Berge, bis die Streifen eintreffen. Es ist ein Katz- und Mausspiel, was sich rund um die Grünanlage an der U-Bahn-Haltestelle Enscheder Straße abspielt. Die Dealer sind gewieft, hat Patrick O. festgestellt. „Ich habe einen Dealer gemeldet und seine Beschreibung bei der Polizei durchgegeben. Als die Beamten eintrafen, hatte er sich eine Jacke übergezogen, seinen Brustbeutel verdeckt.“

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Dealer arbeiten mit Kurieren

Er hat immer wieder das Vorgehen der Dealer beobachtet. „Sie arbeiten mit Kurieren. Der wird kontaktiert, bringt die Drogen auf dem Fahrrad und haut ab.“ Als er einmal einen Deal filmte, sei er bedroht worden und vor seinem Haus hätten ihm Männer aufgelauert.

„Irgendwie muss was passieren“, fordert Patrick O. Er wünscht sich, dass Rückzugsorte wie Kioske und Bars in der Gegend schärfer kontrolliert und im Zweifelsfall geschlossen werden. Vereinzelt war das bereits der Fall. Eine Shisha-Bar in der Stahlwerkstraße musste nach Kontrollen dicht machen.

Polizei beobachtet Verdrängungseffekte

„Unser Dankeschön geht an solche aufmerksamen Zeugen. Das sind Zeugen, die wir brauchen“, lobt Polizeisprecher Peter Bandermann. „Die Drogenkriminalität ist der Polizei und allen rechtsschaffenden Bürgern ein Dorn im Auge.“

In der Dortmunder Nordstadt seien von Januar bis Oktober diesen Jahres 1301 Fälle von Rauschgiftkriminalität gezählt worden, erklärt er. „Die Zahlen zeigen, dass die Kollegen aktiv in die Kontrolle gehen und den Kontrolldruck auf der Straße hochhalten“, so Bandermann.

Immer wieder beobachte die Polizei auch Verdrängungseffekte. „Manchmal dauert es ein Minute, manchmal zehn Tage bis sich die Dealer anderswo niederlassen.“

Polizeipräsident Lange: „Wir stehen in der Nordstadt im Wort“

„Wir stehen in der Nordstadt im Wort und lassen nicht locker“, sagt auch Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange gegenüber DER WESTEN. „Es ist uns noch nicht gelungen, Clans und Strukturen vollständig zu zerschlagen. Aber wir konnten sie erheblich schwächen, weil wir mit den richtigen Schwerpunkten arbeiten. Die Entwicklung in der Nordstadt insgesamt zeigt, dass die beharrliche Vorgehensweise der Behörden in Dortmund langfristig Wirkung zeigt und dem Milieu an die Substanz geht.“

Dazu arbeitet die Polizei mit Stadt, Staatsanwaltschaft und Hauptzollamt zusammen. Norbert Dahmen, Rechts- und Ordnungsdezernent der Stadt Dortmund, betont die gemeinsame Zusammenarbeit der Behörden: „Polizei und Stadt bedienen sich unterschiedlicher Maßnahmen und können so gemeinsam effektiver handeln.“

Die Polizei sieht sich insgesamt aber in der Nordstadt auf einem guten Weg. Die Zahl der Straftaten ist seit fünf Jahren rückläufig. In der Zeit hat die Polizei bei Kontrollen mehr als 1,8 Millionen Euro Geld aus Drogengeschäften abgeschöpft. Ermittlungen führten zu Haftstrafen gegen Drogenhändler, darunter wurden zwei führende Köpfe zu achteinhalb und sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

Könnte Videobeobachtung helfen?

Im Frühsommer 2020 startet die Polizei eine Videobeobachtung in der Münsterstraße. Geht es nach Patrick O., dürfte eine solche Maßnahme ruhig auch rund um die Stahlwerkstraße kommen. „Das ist die einzige sinnvolle Lösung“, findet er. Doch die gesetzlichen Hürden dafür sind hoch.

* Name der Redaktion bekannt

 
 

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