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Dortmund: „Unfassbar!“ Lebenslang für Mord an Nicole Schalla (†16) – doch Täter bleibt vorerst auf freiem Fuß

Ungelöste Kriminalfälle - Nicole Schalla

25 Jahre blieb der Mord an der Dortmunderin Nicole Schalla ungesühnt. Doch dann kam Bewegung in den Fall.

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Dortmund. Mehr als 27 Jahre nach dem gewaltsamen Tod von Nicole Schalla in Dortmund ist am Montag ein Urteil gefallen.

Selten war wohl ein Gerichtsurteil so schwierig zu fällen und so schwer zu verstehen wie im Fall der getöteten Schülerin. Ein Freispruch, eine Verurteilung wegen Mordes aber auch eine Verurteilung wegen Totschlags, die wegen Verjährung der Tat gleichbedeutend mit einer Einstellung des Verfahrens wäre, standen im Raum.

Dortmund: Nicole Schalla vor 27 Jahren erwürgt – jetzt ist das Urteil gefallen

Nun hat der Vorsitzende Richter Thomas Kelm ein Urteil gesprochen. Der Angeklagte Ralf H. wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Vier Jahre und sechs Monate gelten bereits als verbüßt. Doch ins Gefängnis muss H. trotzdem vorerst nicht.

Auf dem Heimweg erwürgt

Rückblick: Es war der 14. Oktober 1993. Nicole Schalla besuchte nach ihrem Reitunterricht einen Freund in Herne. Abends wollte sie mit dem Bus nach Hause fahren. Doch da sollte die Schülerin nie ankommen.

Als sie an der Haltestelle Willstädterstraße in Dortmund ausstieg, wurde sie verfolgt. Der Busfahrer sollte sich später an einen Mann erinnern. Die 16-Jährige wurde erwürgt. Am nächsten Morgen wurde sie von einer Zeitungsbotin an der Jungferntal-Grundschule in einem Gebüsch gefunden.

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Hier mehr zum Mordfall Nicole Schalla aus Dortmund:

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Bis 2018 tappte die Polizei im Dunkeln. Dann brachte eine nachträgliche DNA-Analyse von Tatortspuren im Sommer 2018 einen Treffer - eine winzige Hautschuppe aus Nicoles Leistengegend führte die Ermittler zu Ralf H., der bereits wegen mehrerer Gewaltdelikte gegen Frauen vorbestraft ist. Er bestritt während des Prozesses die Tat begangen zu haben.

Angeklagter beteuert: „Ich bin unschuldig“

In seinem letzten Wort vor der Urteilsberatung sagte der Angeklagte direkt in Richtung Richter: „Ich bin unschuldig. Bitte sprechen Sie mich frei.“ Die Staatsanwaltschaft hatte für den 56-jährigen Angeklagten lebenslange Haft wegen Mordes und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld beantragt.

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Mordfall Nicole-Denise Schalla aus Dortmund:

  • 14. Oktober 1993: Nicole-Denise Schalla wird auf dem Heimweg getötet.
  • 28. Juni 2018: Ermittler verkünden nach 25 Jahren die Festnahme von Ralf H.
  • 9. März 2020: Der Prozess gegen Ralf H. platzt nach über einem Jahr. Eine zuständige Richterin war längerfristig erkrankt.
  • 4. August 2020: Der Prozess startet neu. Mit Ralf H. als freiem Mann.
  • 25. Januar 2021: Ralf H. wird wegen Mordes verurteilt.

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Der Prozess stand unter keinem guten Stern. Erst erkrankte eine Dortmunder Richterin dauerhaft, der Prozess platzte und musste von vorne beginnen. Auch eine weitere Panne während des Prozesses sorgte für Aufsehen. Mehr dazu hier >>>

Haftbefehl wurde aufgehoben

Im Sommer letzten Jahres hob das Oberlandesgericht Hamm den Haftbefehl gegen Ralf H. auf. Er war seither auf freiem Fuß.

Das bleibt er auch trotz der Verurteilung wegen Mordes vorerst. Denn zum Ersetzen von Nicoles Vater Joachim Schalla, dessen Frau Sigrid krankheitsbedingt bei der Urteilsverkündung nicht anwesend sein konnte, wurde kein neuer Haftbefehl gegen Ralf H. erlassen.

„Wie er muss nicht Haft?“, fragte Joachim Schalla nach Urteilsverkündung sichtlich verwundert. „Das Urteil ist für mich eine halbe Genugtung. Es ist festgestellt, dass er es war. Nur dass er nicht in den Knast geht, ist für unverständlich“, sagte Schalla gegenüber DER WESTEN.

Trotz Mord-Urteil keine Haft: „Unfassbar“

„Für Schallas und für jeden Rechtslaien ist das natürlich unfassbar, dass jemand wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde und weiterhin auf freiem Fuß bleibt“, sagte auch Nebenklagevertreterin Dr. Arabella Pooth nach dem Prozes. „Grundsätzlich sind wir mit dem Urteil zufrieden, weil eine Verurteilung wegen Mordes erfolgte und die Schallas endlich Gewissheit haben.“

Gericht sieht keine Haftgründe

Gerichtssprecher Dr. Thomas Jungkamp erklärt: „Die Kammer sah keine rechtliche Möglichkeit einen Haftbefehl erneut auf die Fluchtgefahr zu stützen, nachdem dieser bereits einmal vom Oberlandesgericht aufgehoben worden ist.“

Denn Ralf H. hatte sich dem Hauptverfahren gestellt. Sein Verteidiger kündigte an in Revision gehen zu wollen. Erst wenn das Bundesgerichtshof das Urteil bestätigt und es damit rechtskräftig wird, muss Ralf H. hinter Gittern. Doch das kann wohl dauern.

 
 

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