Dortmund

Nach Mordkomplott gegen Lehrer in Dortmund: So ist die Lage an der Gesamtschule – „Schlimme Erfahrung“

Hier wollten die drei Jugendlichen den Lehrer hinlocken, um ihn dann mit einem Hammer zu erschlagen.
Hier wollten die drei Jugendlichen den Lehrer hinlocken, um ihn dann mit einem Hammer zu erschlagen.
Foto: Polizei Dortmund

Dortmund. Nur mit Glück ist ein Lehrer in Dortmund einen Mordkomplott dreier Jugendlicher entwichen. Das Motiv des 16-jährigen Hauptverdächtigen: Durch schlechte Note war seine Versetzung gefährdet. Daher sollte der Lehrer mit einem Hammer erschlagen werden.

Nach Bekanntwerden des mutmaßlichen Mordkomplotts gegen einen Lehrer in Dortmund hat sich die Lage an dessen Schule wieder normalisiert. „Wir sind alle im Schulalltag wieder angekommen“, sagte die Leiterin der Martin-Luther-King-Gesamtschule, Ellen Kreis, am Donnerstag - etwas mehr als eine Woche nachdem der Fall öffentlich bekannt geworden war.

In den Klassen sei sofort über den Vorfall gesprochen worden. Man sei jetzt um eine schlimme Erfahrung reicher.

Nach Mordkomplott auf Lehrer in Dortmund: Schüler sind vom Unterricht suspendiert

Zwei der drei Tatverdächtigen besuchen die Schule. Sie sind derzeit vom Unterricht suspendiert und dürfen die Schule nicht betreten. Über weitere Ordnungsmaßnahmen sei noch nicht entschieden worden, sagte Kreis.

Doch der Reihe nach: Vergangenen Donnerstag (9. Mai) verlässt der Deutsch- und Chemielehrer gegen 14 Uhr die Martin-Luther-King-Gesamtschule in Dortmund-Dorstfeld. Am Lehrerparkplatz fängt ihn der 16-jährige Schüler und ein weiterer Jugendlicher (18) ab. Sie schildern dem Erwachsenen, dass ihr Freund und Mitschüler (17) einen Kreislaufkollaps in einem Garagenhof erlitten habe.

Dortmund: Lehrer entgeht perfidem Mordkomplott nur knapp

Der Lehrer folgt, ist aber misstrauisch. In der Vergangenheit gab es häufig Probleme mit dem 16-Jährigen. Daher hält er einen Sicherheitsabstand.

„Der Lehrer sollte mitgehen, damit sie ihn mit einen Hammer auf den Kopf hauen können“, schildert Staatsanwalt Felix Giesenregen den perfiden Plan des Trios. Der Garagenhof ist vor Blicken geschützt, hier rauchen die Schüler heimlich in den Pausen. Der perfekte Tatort, denkt sich das Trio. Doch es kommt anders.

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Schüler bekommen weiche Knie

„Sie bringen es nicht übers Herz, zu zuschlagen“, sagt Staatsanwalt Giesenregen. Danach sollen sie aber noch einen weiteren Anlauf geplant haben.

Der Lehrer erkennt nicht, dass er nur knapp seinem Tod entgangen ist. Er ruft einen Rettungswagen, stellt sich an die Straße und lotst die Rettungskräfte zu dem 17-Jährigen. Der wiederum gab an, dass ihm „schummrig“ sei. Im Krankenhaus werden keine Verletzungen oder Krankheiten festgestellt.

Eingeweihter verpetzt die Tatverdächtigen

Letztlich fliegt der geplante Mordkomplott nur auf, weil ein weiterer Schüler seiner Mutter davon erzählt. Denn zuvor hatte der 16-jährige Rädelsführer versucht, weitere Komplizen zu gewinnen. Er wollte sich ein Alibi verschaffen.

Die Mutter hingegen spricht den Lehrer am Elternsprechtag vergangenen Samstag auf den Plan an. Der wiederum informiert die Schulleitung, die sich montags an die Polizei wendet.

Zwei der drei Beschuldigten haben die Tat gestanden

Die drei Tatverdächtigen wurden vorläufig festgenommen, Hausdurchsuchungen wurden eingeleitet. Später kamen sie vorerst wieder auf freien Fuß. Gegen alle drei wird wegen versuchten Mordes und Verabredung zu einem Verbrechen ermittelt. Die beiden älteren Beschuldigten hatten gestanden, der 16-Jährige bestreitet die Vorwürfe.

Ermittler suchen nach Zeugen mit Hund

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln weiter und fragen daher nach einem möglichen Zeugen.

Er soll zur geplanten Tatzeit mit seinem Hund auf dem Fußweg neben dem Lehrerparkplatz an der Straße „Fine Frau“ spazieren gegangen sein. Möglicherweise hat er Beobachtungen gemacht, die für die Ermittler sehr wichtig sein könnten.

„Dieser Unbekannte könnte entscheidend dazu beitragen, die Tat aufzuklären und juristisch einzuordnen", so Staatsanwalt Felix Giesenregen.

Daher soll sich der Spaziergänger unter 0231/ 132 7441 bei der Polizei melden.

Bei Facebook veröffentlicht der Gesamtschullehrer aus Dortmund 12 Tage später öffentlich ein langes Statement und erzählt darin auch, wie es ihm nach der Tat geht.

Nach Mordkomplott auf Lehrer in Dortmund: Jetzt spricht der Pädagoge

Er wendet sich dabei an seine „Freunde, Schüler, Exschüler, Kollegen und Bekannte“. Vorweg sagt der Chemielehrer: „Es geht mir wirklich gut! Ich werde gerade getragen von einer Welle der Zuneigung und Anerkennung, die jeder Mensch einmal in seinem Leben erfahren sollte. Es muss niemand Sorge haben, dass ich die Lust an meinem Job verloren haben könnte, dass ich Angst hätte, zur Arbeit zu gehen, oder Schülern mit mehr Misstrauen begegnen würde.“

Auch dankt er seinen Kollegen - „Meine Kollegen sind ein Traum“ - und der Schulleitung, die ihn immer unterstützt habe. „Ich möchte ausdrücklich der Polizei danken“, fügt er als nächstes hinzu. Alle Beamten hätten seine Person im Blick gehabt und nicht bloß ermittelt.

Danach spricht der Pädagoge noch einen Punkt an, der ihm an einer Schule in Dortmund-Dorstfeld, in deren Umfeld auch das sogenannte „Nazi-Kiez“ ist, sehr wichtig ist. „ Ich möchte nicht vom rechten Rand der Gesellschaft instrumentalisiert werden“, sagt er klar.

Lehrer will nicht von Rechten instrumentalisiert werden

Viele ehemalige Schüler und auch ein großer Teil der Gesellschaft mag nach dem Veröffentlichen des Vornamens des 16-Jährigen Hauptverdächtigen (Serkan) denken, dass es an der Schule und im Stadtteil ein Problem mit „Migranten“ gebe.

Doch diese könnten falscher nicht liegen. Dazu sagt er: „Es wird bereits in vielen Beiträgen gefordert, endlich die Namen der beiden anderen Beteiligten zu veröffentlichen. Der Gesellschaft wird unterstellt, dass dies nur deshalb nicht geschehe, um die Folgen der verhassten Integration, der unsere Schule sich verschrieben hat, nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Euch muss ich sagen: Ihr könntet falscher nicht liegen.“

Besonders erschrocken habe ihn aber einer der anderen Tatbeteiligten, der ihn erschlagen wollte, obwohl er ihn nie kennengelernt habe.

„Das hat nichts mit Migrationshintergrund oder Religion zu tun“

„Der Haupttäter hingegen war wie ein kleiner Junge, der Fußballstar bei Real Madrid werden will, beim Ortsverein nur auf der Ersatzbank sitzt und dem Trainer dafür die Reifen zersticht. Das hat nichts mit Migrationshintergrund oder Religion zu tun. Das ist eine Frage des Charakters. Was ich den Rechten vorwerfe, ist besonders die Vorstellung, dass es einen Wert an sich habe, Deutscher zu sein. Das sieht meine Schule nicht so und das sehe ich nicht so“, betont er.

„Beteiligt euch nicht an rechter Hetze“

Er appelliert an alle mit rechtem Gedankengut: „ Ich heiße nicht alles gut. Was der Haupttäter getan hat, war absolut verwerflich. Aber ich weigere mich, es an seiner Nationalität oder seinem religiösen Bekenntnis festzumachen. Es war eine Frage seines individuellen Charakters. Zeigt doch bitte einen anderen Charakter und beteiligt euch nicht an rechter Hetze“.

Viele Menschen haben den Beitrag schon geteilt, freuen sich, dass es dem Lehrer gut geht und dass er sich dazu äußerte. Viele Exschüler loben ihn auch:

  • „Sie haben uns überall unterstützt und tun es immer noch für ihre jetzigen Schüler/innen.. Freue mich dass es ihnen gut geht“
  • „Einfach super geschrieben, sie Unterrichten ja nicht ohne grund Deutsch. Einfach Wahnsinn, als ich erfuhr, dass sie der betroffene waren. ️Daher schön zu wissen, das es Ihnen soweit gut geht. Bester Lehrer!“
  • „Danke, dass sie uns alle immer und jederzeit unterstützt haben ob im Dienst nach Dienst oder nach dem wir ihre Schule verlassen haben. Sie sind wirklich ein sehr menschlicher und „Korrekter“ Mensch. Schön das es Ihnen gut geht und ich denke jeder Schüler / Exschüler freut sich über Ihr Schreiben. Denn würden wir einen Lehrer der so geachtet und gemocht wird verlieren würden wir ein Standbein dieser Schule verlieren sowie viele viele Erinnerungen auf die wir zurück schauen können, würden die nach Ihnen auf diese Schule kommen garnicht kennen und das wäre äußerst schade.“

(mb, js, mit dpa)

 
 

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