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Dortmund: Frau sitzt im Rollstuhl – und hat diesen einen Traum

Hannah (31) kommt aus Dortmund und sitzt im Rollstuhl. Doch ihr Leben will sie dem nicht unterordnen.
Hannah (31) kommt aus Dortmund und sitzt im Rollstuhl. Doch ihr Leben will sie dem nicht unterordnen.
Foto: imago images / Panthermedia; Privat

Essen. „Für viele Betreuer war ich nie mehr als nur eine Nummer“, sagt Hannah enttäuscht. Seit ihrer Geburt hat sie eine Behinderung, ist auf den Rollstuhl angewiesen. Seit sie 16 Jahre alt ist, lebt sie in verschiedenen Einrichtungen und Projekten rund um Dortmund. Die Erfahrungen gleichen sich. Heute ist Hannah 31.

Ihr Leben besteht aus Routinen, Abläufen und klaren Strukturen. Sie hat nie etwas anderes kennen gelernt. Doch sie rebelliert: Gegen die Strukturen, die Vorurteile, die Einschränkungen. Vieles davon resultiere aus den Erwartungen, die andere an sie haben – und die sie immer wieder unterschätzen.

Dortmund: Hannah versucht, sich ihren Traum zu erfüllen

„Ich bin sehr naturverbunden, verrückt und kreativ. Ich trage bunte Klamotten, habe Tattoos, bin Künstlerin und möchte auch so leben“, erzählt Hannah über sie selbst. Gar nicht so einfach mit ihrer Behinderung – doch Hannah tut alles, um sich ihren Traum zu erfüllen.

Sie sitzt in einem weiträumigen Café am Hauptbahnhof in Witten. Für ein Café in einem Bahnhof ist es erstaunlich gemütlich, ein Kontrast zur tristen Bahnhofsvorhalle. Vor sich hat sie ihr Handy auf den Tisch gelegt. Auf dem Kopf trägt sie eine rotbraune Baskenmütze, dazu ein knallrotes Oberteil. Noch lieber trage sie eigentlich „quietschgelb“ – es erinnere sie an die Sonne. Auf den beiden Stühlen neben ihr haben ihre Eltern Platz genommen. Mit wachen Augen durchkämmt sie den Raum.

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Mehr sein als nur eine Nummer

Sauerstoffmangel bei der Geburt führte bei Hannah zu spastischen Lähmungen. „Standardbehinderung“ nennt sie es. Ihre Hände sind verkrampft, auch ihre Sprechmuskulatur ist beeinträchtig.

Gerade wohnt sie in einem Projekt für selbstbestimmtes Wohnen in Witten. „Wenn mir aber zum Beispiel jemand vorschreibt, wann ich duschen gehe, wo ist das dann noch selbstbestimmt?“, fragt sie. Nicht einmal ihre Zimmerlampe durfte sie sich selbst aussuchen. Für alle Bewohner gab es die gleichen hellen Strahler. Praktisch für die Intensivpflege, doch die braucht Hannah gar nicht.

Dazu gäbe es häufig Mitarbeiterwechsel. Vertrauen aufzubauen oder sogar Freunde unter ihnen zu finden, ist schwierig. Momentan sei es besonders schlimm: „Es kommt fast jede Woche eine neue Hilfskraft“, klagt die 31-Jährige. Davor habe es meist monatliche Wechsel beim Personal gegeben.

Einmal hat sie bereits den Aufstand geprobt. Auf ausgedruckten Zetteln hat sie ihrem Ärger Luft gemacht und sie an mehreren Stellen der Einrichtung aufgehängt. Auch die anderen Bewohner sollten ihrem Ärger endlich Luft machen und sich zusammen tun. „Das gab richtig Ärger, da kam sogar der Leiter und es wurde eine Versammlung einberufen“, lacht sie.

Leben für den Traum

Das Erzählen macht Hannah durstig. Ihr Vater bestellt eine Flasche Wasser für sie. In dem Café sind die Strohhalme ausgegangen. „Haben wir vergessen nachzubestellen“, heißt es von hinter der Theke. Ihr Vater läuft zu einem Kiosk im Bahnhofsgebäude. Er kommt mit einem Trinkpäckchen zurück: „Wir brauchen halt den Strohhalm. Es geht ja nicht anders.“ Das Trinkpäckchen bleibt ungeöffnet stehen.

Die 31-Jährige hat einen Traum: „Ich möchte nicht mehr bloß eine Nummer sein. Am liebsten würde ich auf einem Bauernhof in Dortmund leben. Ich würde mich, wie ich es kann, um die Tiere kümmern.“ Auch wenn das selbstständige Leben auf dem Bauernhof wohl immer nur ein Traum bleiben wird: Hannah will ausbrechen, kreativ, sie selbst sein.

Geistig ist die Dortmunderin fit, mit ihrem elektrischen Rollstuhl ist sie eigenständig in der Stadt oder im Wald unterwegs. Hinter die Fassade ihrer körperlichen Behinderung blicken jedoch nur die Wenigsten. Vielleicht, weil ihnen der Mut fehlt, auf Hannah zuzugehen.

Unter der Woche arbeitet Hannah in der EDV bei der Behindertenwerkstatt. Die Arbeit selbst macht ihr Spaß. Andere Mitarbeiter seien aber häufig traurig. „Vielleicht denken sie auch, man muss traurig sein, wenn man behindert ist“, meint die 31-Jährige. Sie möchte das nicht, traurig sein.

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Kreativ sein, ohne Einschränkung

Kurz nach ihrem 20. Geburtstag fängt Hannah an zu malen. Meist mit dem Mund, manchmal mit der Nase – ihren Händen fehlt die Präzision. Wenn Hannah über ihre Bilder spricht, strahlt sie. Beim Malen, sagt sie, werden alle Probleme plötzlich ganz klein. Eine Woche braucht sie für ein Bild. Ihre Lieblingsmotive sind Bäume, Blumen und Berge: „Deswegen benutze ich auch am liebsten grün.“

Die Farbe, die mit Hoffnung und Zuversicht assoziiert wird. Das Malen gibt ihr genau das. Die Kunstwerke verkauft sie auf Weihnachtsmärkten oder über Facebook. Dort betreibt sie eine Seite mit dem Namen „Talkercomedy“. Ein Bild kostet zwischen zehn und 50 Euro. Von dem Geld kauft sich Hannah neue Leinwände und Farben.

Die Naturverbundenheit findet sich nicht nur auf ihren Leinwänden, sondern auch auf ihrer Haut wieder. Hannah hat mehrere Tätowierungen. Auf ihrem Arm prangt ein großer Baum, auf ihrem Rücken der Schriftzug „Die Natur, das schönste Bilderbuch“ umringt von Bergen. Eine Erinnerung an einen Ausflug in die Alpen.

Damals wollte sie unbedingt die Grenze von 2000 Metern erreichen. Da das letzte Wegstück nicht mehr für ihren Rollstuhl geeignet war, kroch sie auf allen vieren. Die zerschlissene Jeans-Hose hängt noch heute an einer Wand in ihrem Zimmer. Alle zwei Jahre kann Hannah über eine Stiftung mit einer Gruppe in die Alpen fahren. Man merkt, dass sie aus diesen Urlauben viel Kraft für ihren Alltag zieht.

Ausbrechen aus Klischees

Malen ist nicht ihre einzige Leidenschaft. „Wenn es ihr gut geht, malt sie, wenn es ihr weniger gut geht, schreibt sie“, erzählt Hannahs Mutter. Gerade sei sie mehr in ihre Bilder vertieft. In ihren Texten verarbeitet Hannah ihren Alltag. Häufig sind es melancholische Stücke. Eins hat sie sogar mal an die Pop-Band „Silbermond“ geschickt – ein Antwortschreiben bekam sie nie.

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Ihr neuestes Tattoo, ist der Name ihrer Lieblingsband „Bukahara“. In einem ihrer Songs singt die vierköpfige Band: „They tried to bury us. They didn't know we were seeds." Übersetzt in etwa: „Sie versuchten uns zu beerdigen. Sie wussten nicht, dass wir Samen waren.“

Eine Metapher, wie für Hannahs Leben geschrieben: Wo andere versuchen, sie in einen tristen und monotonen Alltag zu zwingen, sucht sie über Kreativität, ihre Gedichte und Musik ihren Weg an die sonnige Oberfläche. Ein Ausbrechen aus den Klischees.

 
 

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