Dieser Mann ist von Beruf Nazi-Jäger

Ihr Arbeitsgebiet sind alte Nazi-Fälle: In Dortmund sitzt die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für NS-Verbrechen. Ihr Leiter Andreas Brendel spürt die Alt-Nazis auf und klagt sie an. Dabei stößt er allerdings immer wieder auf ein großes Problem.

Dortmund.. Andreas Brendel ist ein gefragter Mann in diesen Tagen, wie immer, wenn ein SS-Mann vor Gericht steht. Doch die meisten Arbeitstage ist er allein in der Dortmunder Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für nationalsozialistische Massenverbrechen. Dort ist Brendel der Leiter für die Bearbeitung von NS-Verbrechen im Land NRW.

Derzeit laufen 16 Verfahren bei ihm in Dortmund, zwei weitere in Kooperation mit anderen Staatsanwaltschaften.
Beim Landeskriminalamt (LKA) in NRW gibt es ein Team, das ihn unterstützt. Bei Tatverdacht fährt er gemeinsam mit dem Chef des LKA-Teams zur Vernehmung los. "Meistens fahren wir in Altenheime, um festzustellen, ob der Verdächtige überhaupt verhandlungsfähig ist."

Fast in jedem Verfahren gebe es gesundheitliche Hindernisse. Hinweise auf NS-Verbrecher kommen meistens aus Ludwigsburg bei Stuttgart. Dort sitzt die bundesweite NS-Fahndungsstelle, eine Behörde, die seit 1958 fast 8000 Verfahren eingeleitet hat. Ihr Ziel: "Nach Ort, Zeit und Täterkreis begrenzte Tatkomplexe herauszuarbeiten und festzustellen."

Mord verjährt nie

Die Verdächtigen seien wenig geschockt, wirkten äußerlich gelassen, erzählt Brendel über Begegnungen. "Viele fühlen sich nicht schuldig. Sie haben sich über die Jahre ihre subjektive Wahrheit aus eigenen Geschichten gebildet." Einigen Beschuldigten sei es wichtiger, welches Mittagessen es gibt, als Angeklagter in einem Mordfall zu sein, so Brendel.

Rechtlich gilt: "Mord verjährt nie." Alle anderen Tatbestände müssen fallen gelassen werden. Das sei schwierig, wenn man Plünderer, Brandstifter oder Vergewaltiger treffe. Brendel erzählt beispielhaft von einem Holländer, der in Hagen angeklagt wurde: "Tötung, aber kein Mord. Musste eingestellt werden."

"Das Recht stößt an seine Grenzen"

Manche Verurteilte, wie der Buchhalter von Auschwitz, kommen mit vier Jahren davon. Warum? "Auch Beihilfe zum Mord verjährt nicht, dafür gibt es aber kein Lebenslänglich", erklärt Brendel. Die Justiz stoße regelmäßig beim Alter der Angeklagten an ihre Grenzen: Sind sie heute sehr alt, könne dies berücksichtigt werden; waren sie zum Tatzeitpunkt minderjährig, gelte auch für Greise das Jugendstrafrecht. "Das Recht stößt hier an seine Grenzen", findet Brendel.

Seine Arbeit wird in Dortmund unterschiedlich aufgefasst: "Besonders im Internet decken Kommentare ein großes Spektrum ab. Menschen loben uns, andere fragen, warum wir das den alten Leuten noch antun." Gelegentlich erreichten ihn Belehrungen per Brief, "die rechte Szene hat vor Jahren einmal einen Drohbrief geschickt."

Erinnerung an Taten

So lange, wie Beschuldigte leben, müsse er den Nazi-Verbrechern noch nachstellen. "Das schafft Genugtuung bei den Opfern und erinnert an die perfiden Methoden und Taten der Nazis", sagt Brendel. In zehn Jahren, wenn wohl alle Beschuldigten tot sind, sei er fast pensioniert. "Ich mache mir da keine großen Gedanken. Neben den Alt-Nazis klage ich ja auch Drogenverbrecher an", sagt Brendel über seine anderen Aufgaben bei der Staatsanwaltschaft Dortmund.

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