"Die Stimme Aleppos" wohnt jetzt in Lütgendortmund

Drei Jahre lang arbeitete Dr. Ammar Zakaria in einem Untergrund-Krankenhaus im syrischen Aleppo, rettete auch dem ARD-Korrespondenten Jörg Armbruster das Leben. 2013 erhielt der 35-jährige Arzt für seinen Einsatz den renommierten Lew-Kopelew-Preis. Jetzt gelang Zakaria mit seiner Familie die Flucht aus Syrien - nach Lütgendortmund. Wir haben Zakaria in seiner kargen Wohnung im Grevendicks Feld getroffen.

Lütgendormund.. Siegfried Lenz hat die "Deutschstunde" geschrieben und ist einer. Berthold Beitz hielten nicht wenige für den mächtigsten Mann des Ruhrgebiets, er ist auch einer. Ammar Zakaria ist Arzt und ebenfalls einer: Träger des renommierten Lew-Kopelew-Preises für Frieden und Menschenrechte.

Dr. Zakaria sitzt in einer Wohnung des Dortmunder Sozialamtes am Grevendicks Feld. Seine kleine Tochter malt in einem Bilderbuch, seine Frau ist in einem Nachbarzimmer und die Wohnung sieht aus, wie Wohnungen des Sozialamtes eben aussehen: karg.

Unvorstellbares Grauen

Für den Zustand seiner vier Wände hat Zakaria keinen Blick. Aus der Welt, aus der er kommt, sind solche Fragen belanglos. Zakaria kommt, soviel kann man nach einer Stunde Gespräch sagen, aus der Hölle. Er nennt es "den schlimmsten Platz der Welt": Aleppo, Syrien. Früher Wirtschaftsmetropole mit 3 Millionen Menschen. Heute Fassbombenziel der syrischen Armee mit noch rund 300.000 Menschen. Bürgerkriegsgebiet seit mehr als zwei Jahren.

Zakaria wurde dort geboren, wurde Arzt, Anästhesist, in den letzten zwei Jahren arbeitete der ehemalige Militärarzt in einem Behelfskrankenhaus unter unvorstellbaren Bedingungen. Zakaria hat die Bilder in seinem Kopf und er hat sie in seinem Handy. Es sind keine Bilder, die man drucken sollte, es sind auch keine Bilder, die man beschreiben sollte, sie fließen über von Blut oder Trauer oder beidem.

Wie viele Amputationen er vorgenommen hat, kann er nicht benennen.

Die Stimme Aleppos

Wie oft er, wenn ein mit Sprengstoff und Eisenteilen gefülltes Ölfass, eine Fassbombe, in die Stadt fiel und bis zu hundert Verletzte zu dem Krankenhaus mit seinen 16 Betten gebracht wurden, auswählen musste zwischen denen, die es schaffen könnten, und denen, die zu verletzt waren? Ein Schulterzucken. Aber auch von solchen Momenten gibt es ein Video.

Er hat für diese Arbeit 2013 den Menschenrechtspreis bekommen, er ging zurück nach Aleppo und machte weiter. Nebenher wurde er eine der Stimme Aleppos, berichtete via Skype den Medien in aller Welt, appellierte, mahnte, flehte, verzweifelte.

Der schlimmste Platz der Welt

Seit dem frühen Donnerstag ist das Geschichte und die kleine Familie im Grevendicks Feld. Die Frau, eine Pharmazeutin, wollte auch wegen der Tochter endlich raus aus Syrien. Für die eingekesselte Stadt gibt es keine Hoffnung mehr, sagt Zakaria - und wenn er das mit seiner Geschichte sagt, muss es wirklich schlimm stehen um den schlimmsten Platz der Welt.

20 Ärzte gebe es jetzt noch in Aleppo - für die 300 000 Menschen, die nicht rauskommen könnten, weil sie kein Geld haben, und es im Zweifel vorziehen, im Warmen von einer Bombe zerrissen zu werden, als hungernd zu erfrieren. "Sie haben zwei Möglichkeiten und entscheiden sich für eine."

"Ich schäme mich"

Die Augen, heißt es, sind der Spiegel zur Seele. Demzufolge müssten Zakarias Augen ob des Gesehenen leer sein. Sie sind nicht leer, sie sind vor allem eindringlich. Warm. Und sie trauern, wenn man ihn fragt, wie es ihm hier geht. "Es ist hier alles gut, ich habe keine Probleme." Er schweigt kurz, die Tochter malt, die Frau bringt Tee, die Zeit steht still und dann sagt er: "Ich schäme mich." So sitzt der Lew-Kopelev-Preisträger, Lebensretter, Hoffnungsgeber, Held und Flüchtling in einer leeren Sozialwohnung.

Und weiter? Unterstützung organisieren für die, die dageblieben sind. Eine Wohnung finden, seinen Arztabschluss anerkennen lassen, deutsch lernen, um dann arbeiten zu können. In dieser Reihenfolge soll es laufen. Die kleine Familie hat ihre Feuerpause gefunden - in Aleppo sterben sie weiter. Wer sollte das besser wissen als Dr. Ammar Zakaria?

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