Die Schönheit des neuen Blicks

Sion Jeong lässt die Kristalle wachsen. Foto: Knut Vahlensieck
Sion Jeong lässt die Kristalle wachsen. Foto: Knut Vahlensieck
Foto: WR Dortmund/Knut Vahlensieck

Dortmund.. Kunst eröffnet im besten Fall neue Perspektiven. Eine Idee, der sich das Medienkunstfestival „ISEA2010“ vehement verschrieben hat: An insgesamt sechs Dortmunder Orten bieten die Ausstellungen „Elektronische Atmosphären“ und „Heavy Matter“ nicht unbedingt neue Antworten - aber sicherlich neue, spannende Fragen.

Singende Plüschtiere sind meistens vor allem nervig - und nicht unbedingt die Gesellen, mit denen man über Kunst diskutieren mag. Und doch haben Gergely Kovács und Melinda Matúz mit Márton András Juhász sowie Barbara Sterk chinesisches Billigspielzeug erst wörtlich das Fell über die Ohren gezogen, ihre Technik artenfremdet und mit den Plaudereien des Online-Dienstes Twitter verbunden: Was auch immer nun mit dem Wort Kunst dort ins Netz gestellt wird - den Besuchern der Galerie im RWE-Tower wird es von den quäkenden, aufgespießten Robotern, mitgeteilt.

Ebenso kommunikativ eingebunden ist der Kreativfreund im Dortmunder Kunstverein: Soiichiro Mihara hat mit Saita Kazuki und Hiroko Mugibayashi ein Netz in der Luft gesponnen, das wie ein Insekt über den Köpfen schwebt und aufschnappt, was man ihm hinwirft: „Die Grundlage ist ganz einfach“, sagt Soiichiro Mihara und zeigt auf ein kleines elektroakustisches Element mit Lautsprechern - das er 350-mal vervielfacht hat. Wenn nun ein Besucher spricht oder klatscht, wird der Impuls wie ein Domino-Reigen in alle Richtungen weitergegeben und verstärkt. Ein Klanggewitter, ein knisternder Himmel. Was einzeln einfach ist, wird in dieser Vielzahl zu einer faszinierenden, komplexen Konstruktion.

Schnittstelle Kunst und Wissenschaft

Auf der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft bewegen sich viele der Arbeiten: „Künstler können ein Thema locker und humorvoll angehen“, das sonst schwer und problembeladen sei, erklärt Dr. Georg Russegger, der die Schau im Kunstverein zusammenstellte.

Diese Leichtigkeit ist auch den Arbeiten der Ausstellung „Heavy Matter“ im Keller des Westfalen-Forums an der Hansastraße anzusehen, die Studierende und Lehrende der Kunsthochschule für Medien Köln unter Prof. Ute Hörner anderthalb Jahre vorbereiteten. Poetisch, wunderschön, leise und eindringlich ist das Mobilé „Karat“, das Sion Jeong geschaffen hat: In grün und blau schimmernden Gläsern wachsen Kristalle heran, beeinflusst durch Chemikalien, immer wieder aufscheinendes Licht und Klänge, die aus dem Prozess selbst entstehen - ein in sich geschlossener Organismus voller Schönheit.

Schlicht und monolithisch ist hingegen Céline Bergers schwarzer Lautsprecherturm „Release“, der unterstreicht, wie ein gesellschaftlich brisantes Thema aus anderem Blickwinkel betrachtet werden kann: Berger hat 23 Ex-Angestellte eines Halbleiter-Herstellers interviewt, der nach drei Jahren Insolvenz anmeldete. Der Bruch in ihrem Leben, das Verschwinden eines Unternehmens wird für den Besucher erfahrbar, der den Gedanken der Gekündigten immer nur kurz lauschen kann - um dann mit der Stille konfrontiert zu werden, die dem Loch in ihrer Biographie eine Form gibt.

Reis-Yacht verschifft gen Dortmund

Die Studierenden haben sich auch intensiv mit Dortmund auseinandergesetzt: Halb Vision, halb Fakt spricht aus der „Fungifiction“ von Tina Tillmann und Laura Popplow, die die durch die Industrie belastete Erde des Potts durch asiatische Heilpilze reinigen wollen. Echo Ho und Lasse Scherfig hatten indes die charmante Idee, nach dem Wiederaufbau der Kokerei Kaiserstuhl in China sozusagen einen materiellen Gegenbesuch zu initiieren: Sie haben eine Yacht „Kaiserstuhl“ aus chinesischem Reisstroh gebaut und nach Deutschland verschifft.

Den Dschungel der Bürokratie schließlich hat Akiro Hellgardt zum Anfassen geschaffen: Er bat die Mitarbeiter im Dortmunder Rathaus, ihre Büropflanzen auszuleihen - und stellte Auffälligkeiten je nach Behörde fest.

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