Die Rückkehr der Geschichte

Nadine Albach
Foto: WR/Franz Luthe

Dortmund. Für das Stadtarchiv ist es eine kleine Sensation: Zwei historisch sehr wertvolle Pergamenturkunden, die seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen waren, sind in die Stadt zurückgekehrt. Eines dokumentiert nichts Geringeres als die Autonomie der Reichsstadt Dortmund.

Es ist schon ein wahnwitzige Geschichte, die diese Urkunden aus den Jahren 1343 und 1674 stumm erzählen. Mitten im Zweiten Weltkrieg, nach den ersten Bombenangriffen, wurden bedeutende Dokumente des Stadtarchivs ausgelagert. In Landschulheime, die nicht sonderlich bewacht wurden. 40 Prozent der circa 5000 Dokumente aus dem Mittelalter gelten bis heute als verschollen. Weil die Bevölkerung sich in den Kriegswirren bediente. Zwangsarbeiter das Papier als Heizmaterial verwendeten. Und britische Militärs nach Kriegsende das ein oder andere Dokument sozusagen als Souvenir einpackten.

»Alles sehr vornehm englisch«

So auch ein britischer Offizier, der auch nach dem Krieg zunächst in NRW stationiert blieb und den es immer wieder nach Dortmund zurückzog: Fein säuberlich in kleine Pakete gefaltet hat er jene Urkunden, die seine Enkelin nach seinem Tod zum Regionalen Archiv im englischen Leicester trug. Die Fachleute identifizierten die Herkunft - und schalteten das Dortmunder Stadtarchiv ein.

Leiter Professor Thomas Schilp flog flugs nach England, betrieb fast eine Stunde mit der Erbin Konversation - „alles sehr vornehm englisch” - um schließlich ihr Urteil zu hören: Ja, die Dokumente dürften zurück nach Dortmund. Die Familie des Offiziers aber wollte anonym bleiben, obwohl der Rechtsanspruch der Stadt ohnehin seit Jahrzehnten verjährt ist.

„Überglücklich” ist Schilp nun über die Rückkehr: Das fast ein Meter große, dicht beschriebene Pergament von 1343 ist nämlich entscheidend für Dortmunds Entwicklung zur Reichsstadt. Graf Konrad von Lindenhorst bescheinige darin in Latein „die Freiheit von Herrschaftsrechten hier vor Ort, die Vollendung der städtischen Autonomie”, sagt Schilp. Der Graf, seine Familie und die Reichsministerialen haben das Dokument mit Siegeln rechtskräftig gemacht - die nun wie kleine verpackte Pendel an dem wertvollen Papier baumeln. Eine Herausforderung für Restaurator Christian Kraft, der ohnehin schon einen Riss und zahlreiche Knicke wieder ausbügeln musste.

Spannend für den Restaurator ist auch das große, rote Turmsiegel, das an dem Dokument von 1647 hängt: „Das haben wir im Haus mehrfach, aber nie in so gutem Zustand”, sagt Schilp. Der Inhalt des Schreibens übrigens dürfte vielen Dortmundern seltsam bekannt vorkommen: Es geht um ein Schuldenloch. Im 17. Jahrhundert, erschüttert durch den Dreißigjährigen Krieg, musste die Stadt gut 300 Reichstaler bei der Bauernschaft aufnehmen - um sie in 100 Jahren wieder abzustottern. Eine Überraschung, da dieses Rechtsgeschäft bislang nicht dokumentiert war. Schul-denlöcher, erklärt Schilp, habe es aber des öfteren zu stopfen gegeben. Teils mit drastischen Konsequenzen: Ratsleute wurden auch mal zur Strafe weggesperrt - übrigens die, die sich am wenigsten mochten, in einer Zelle...

Fotos: Franz Luthe