„Die Armut in Bulgarien sprang einen an“

Christina Römer
Ingo Moldenhauer  vom Ordungsamt Foto: Knut Vahlensieck
Ingo Moldenhauer vom Ordungsamt Foto: Knut Vahlensieck
Foto: Knut Vahlensieck

Dortmund. Niederschmetternd und erschreckend – mit diesem Eindruck ist eine Delegation aus Dortmund aus Plovdiv zurückgekehrt. Aus der bulgarischen Stadt kommen viele der Prostituierten am Dortmunder Straßenstrich.

Melanie Schmickler von der Ausländerbehörde, Ingo Moldenhauer vom Ordnungsamt und Elke Rehpöhler, Leiterin der Prostituierten-Beratungsstelle Kober, konnten sich in Bulgarien ein Bild von den Lebensumständen der Menschen machen, von denen mittlerweile 1500 in Dortmund leben. Drei Tage waren die Dortmunder in der Stadt Plovdiv zu Gast, schauten sich in dem Stadtteil Stolipinovo um, in dem rund 50 000 Menschen unter ärmsten Bedingungen wohnen. „Es leben nur Roma-Familien dort, eine Minderheit, die in Bulgarien keine große Bedeutung findet“, stellte Moldenhauer fest – „die Armut sprang einen an.“

Die Menschen wohnten in Häuserblöcken oder Blockhütten, die Kanalisation laufe überirdisch. „Der Müll liegt in gigantischem Ausmaß überall herum“, erzählt Schmickler. Eine besonders erschreckende Erinnerung: „Eine Mutter kam mit ihrem Säugling auf uns zu und wollte ihn uns geben“, berichtet Moldenhauer. In vielen Gesprächen mit dem Bezirksbürgermeister, Vertretern der Polizei oder dem Vorsitzenden der Roma-Stiftung erfuhren die Dortmunder mehr über Stolipinovo. Hier leben die Menschen, die immer häufiger nach Dortmund kommen, auf dem Straßenstrich arbeiten, in verwahrlosten Häusern angetroffen wurden und ins Visier der Polizei geraten sind.

90 Prozent arbeitslos

Zu 90 Prozent seien die Menschen aus Stolipinovo arbeitslos. Verschärft habe sich die Situation nach dem Ende der kommunistischen Ära. „Als es weniger Arbeitsplätze gab, traf es die Roma als erstes“, erzählt Moldenhauer. Sie seien zu einem großen Teil Analphabeten. „Unsere Wahrnehmung war, dass viele Kinder nicht zur Schule gehen“, sagt Schmickler.

Zuwanderungen nach Dortmund habe es schon vor der EU-Grenzöffnung 2007 gegeben. „Jeder der Gesprächspartner vor Ort kannte Dortmund“, stellte Schmickler fest. Selbst die Mallinckrodtstraße sei ein Begriff gewesen. Für die Bulgaren sei Dortmund eine reiche Stadt. Dass die Frauen in Dortmund Geld auf dem Straßenstrich verdienen, sei in Plovdiv bekannt.

Doch was wird in Bulgarien für die Minderheit getan? „Es wird sich an verschiedenen Fronten eingesetzt, es gibt EU-Förderprogramme, doch da ist noch viel zu tun“, sagte Moldenhauer. Auch in Dortmund. „Uns wurde klar gesagt, angesichts der vielen Menschen dort hätten wir ja noch gar kein Problem – noch!“