"Der Slum nebenan" - ARD-Doku zeigt Leben von Armutsflüchtlingen in der Dortmunder Nordstadt

Pirkko Gohlke
"Das Geschäft mit den Armutseinwanderern" beleuchten die Filmemacher Isabel Schayani und Esat Mogul in ihrer Doku "Deutschlands neue Slums" - am Beispiel der Dortmunder Nordstadt.
"Das Geschäft mit den Armutseinwanderern" beleuchten die Filmemacher Isabel Schayani und Esat Mogul in ihrer Doku "Deutschlands neue Slums" - am Beispiel der Dortmunder Nordstadt.
Foto: WDR
Bulgaren und Rumänen leben in der Dortmunder Nordstadt in menschenunwürdigen Zuständen. Nach einer Dokumentation der ARD machen Vermieter, Mittelsmänner und Unternehmen gewinnbringende Geschäfte mit den Armutseinwanderern. Stadtverwaltung und EU-Kommissar wirken unwissend und machtlos.

Dortmund. Sie hausen in menschenunwürdigen Zuständen. Verdreckte Toiletten, dicht aneinander gedrängte Matratzen auf wenig Raum, kein Strom, keine Heizung. Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es im Grundgesetz. Doch das scheint hier nicht zu gelten. Bulgaren und Rumänen leben unter schlimmsten Bedingungen in der Dortmunder Nordstadt – so vermittelt es eine ARD-Dokumentation.

Wer verdient an den Ärmsten der Armen? Dieser Frage gehen Isabel Schayani und Esat Mogul in ihrer Dokumentation „Deutschlands neue Slums: Das Geschäft mit den Armutseinwanderern“ nach. Ausgestrahlt wurde ihr Film am Montagabend im Ersten.

Szenen aus dem Getto in Bulgarien und Dortmund

30 Euro pro Woche für eine verdreckte Matratze – so viel müssen die Einwanderer in der Dortmunder Nordstadt zahlen. Die Journalisten stellen den Mittelsmann vor, einen türkischen Kioskbesitzer. Er soll die Einwanderer mit den Wohnungen versorgen. Er streitet alles ab. Er helfe doch nur. Dass die Reporter den Mann im Ghetto in Bulgarien wiedertreffen – reiner Zufall?

Szenen aus einem Roma-Getto in Bulgarien: Überall liegt Müll, es gibt keine sanitären Anlagen. Roma sind in Bulgarien Menschen zweiter Klasse. Vieles erinnert an das Leben der Einwanderer in Dortmund.

Die Stadt Dortmund scheint fast unwissend, wenn es um die Getto-Häuser geht

Wer noch nie in der Dortmunder Nordstadt war, der hat nach dem Film ein äußerst negatives Bild von dem Viertel. Als Getto und Slum wird der Stadtteil von den Reportern bezeichnet. Die Bilder unterstreichen den Eindruck. Hinzu kommt etwa die Aussage einer jungen Türkin: „Ich finde, der Vater Staat sollte mal was machen.“ Sie fordert, dass die Grenzen geschlossen werden.

Nordstadt-SpezialMindestens genauso unvorteilhaft für Dortmund ist das Auftreten städtischer Funktionäre. Die Sozialdezernentin sagt zu dem Slum vor der Kamera: „Wenn das illegale Vermietungen wären, wären wir dagegen vorgegangen.“ Es seien auch schon Häuser geschlossen worden. Die Reporter finden heraus, dass gerade mal drei von 60 Behausungen von der Stadt dicht gemacht wurden. Ihr Fazit: „Die Stadtverwaltung gibt sich fast schon unwissend.“

Und irgendwie scheint es auch anderen Verantwortlichen egal, was aus den Einwanderern wird. So sagt zum Beispiel László Andor, EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration: „Die Wanderarbeiter benötigen weniger Sozialleistungen.“ Davon profitiere doch Deutschland.

Fleischfabrikant Tönnies beschäftige „ganze Kolonnen von Bulgaren und Rumänen“

Als weiteren Profiteur nennen die Filmemacher Unternehmer Clemens Tönnies. Der Fleischfabrikant beschäftige in seiner Firma in Rheda-Wiedenbrück "ganze Kolonnen von Bulgaren und Rumänen“ mit befristeten Werkverträgen, heißt es in dem Film. Bis zu 15 Stunden am Tag müssten sie schuften. Wer krank sei, werde rausgeworfen. Die Verantwortlichen streiten das ab.

Zurück in die Dortmunder Nordstadt: 1600 Euro könne ein Vermieter kassieren, wenn er in einer 50 Quadratmeter Wohnung acht Matratzen vermiete. Die Reporter recherchieren den Besitzer eines der Häuser. Es ist die Deutsche Grundeigentum GmbH, die von einer dänischen Investorengruppe unterhalten wird. 200 Wohnungen besitzt sie in der Nordstadt – und verdient anscheinend gut an den Armutsflüchtlingen.

„Deutschlands neue Slums, sie entstehen nebenan“, sagen die Filmemacher. Und nebenan ist in diesem Fall Dortmund. Die Nordstadt sei ein Symptom für das Versagen von Politik und Gesellschaft in Bulgarien und Rumänen, Deutschland und Brüssel.