Der lange Weg zum Coming Out

Jochen Fischer erzählt von seinem langen Weg zum Coming Out als Homosexueller.
Jochen Fischer erzählt von seinem langen Weg zum Coming Out als Homosexueller.
Foto: WR/Franz Luthe
Über Jahrzehnte musste sich Jochen Fischer verstecken – sich und seine Gefühle. Denn Fischer ist schwul. In seiner Jugendzeit musste sich der heute 74-Jährige verleugnen. „Wäre ich in einer anderen Zeit aufgewachsen, wäre mein Leben anders verlaufen“, ist der Dortmunder überzeugt.

Dortmund.. Sein stärkster Gegner war er selbst. Er kämpfte gegen Angst und Scham. Gegen eine Moral, die einzwängte und verurteilte – die auch in seinem Kopf festsaß. Und die ihn viele Jahre daran hinderte, zu leben. „Ich hatte das Gefühl, ich wäre verkehrt in dieser Welt“, sagt der 74-Jährige. Dabei ist Jochen Fischer einfach nur schwul.

„Wäre ich in einer anderen Zeit aufgewachsen, wäre mein Leben anders verlaufen“, ist der Dortmunder überzeugt. Als er endlich auf Gleichgesinnte traf – sich endlich aufgehoben fühlte – hatte er bereits viele Jahre verloren.

„In der Schulzeit war ich ganz schrecklich verliebt in einen Klassenkameraden“, erinnert sich Fischer an die erste Liebe. Äußerlich schien die beiden eine enge Jungsfreundschaft zu verbinden – doch zwischen ihnen passierte mehr. „Für den anderen war das eine Schülerkalberei“, glaubt Jochen Fischer. So richtig bewusst war er sich aber auch selbst nicht, was diese Zuneigung eigentlich bedeutete. „Das Wort ,schwul’ gab es für mich noch nicht“, meint er. „Als wir endlich miteinander in der Kiste gelandet waren, fiel bei mir eine Klappe. Perfekt konditioniert schoss es mir durch den Kopf: Homosexuell – kriminell – Zuchthaus!“

„Nicht nur einmal hab ich mich in den Schlaf geheult“

Als Student verliebte er sich in Freunde – und behielt seine Gefühle für sich. „Nicht nur einmal hab ich mich in den Schlaf geheult“, sagt er. Ein Mal traute er sich in ein Homosexuellenlokal. „Ich war starr vor Aufregung und Befangenheit, hab nach einem hastigen Schluck mein Bier bezahlt und bin rausgerannt.“

Mit 30 Jahren zog der gebürtige Paderborner nach Dortmund, der Arbeit wegen. In der großen Stadt konnte er endlich die magische Grenze überschreiten – den elektrisch geladenen Zaun durchbrechen. Bekannte brachten ihn mit einer Frau zusammen. „Wir unternahmen viel und irgendwann wollte sie mit mir über uns reden.“ – Warum nicht mehr passiere zwischen ihnen? – „Ich fühlte mich ertappt.“ Doch dann erzählte er der Freundin, wie er fühlt. Dass er sich nicht nach Frauen, sondern nach Männern umdreht. „Sie hat toll reagiert. Ich war von meiner Angst, nicht ihren Erwartungen zu entsprechen, erlöst.“

„Ich hatte sofort das Gefühl: Das ist es!“

Jochen Fischer fasste Mut: Er kaufte sich eine „St.-Pauli-Nachrichten“, ein Magazin für Sexkontakte, darunter auch schwule. Er verabredete sich. Das Treffen war zwar eine Enttäuschung, „aber was viel wichtiger war: Ich bekam Infos über die Dortmunder Subkultur!“ Nun zog Jochen Fischer los – und wollte mit über 30 nachholen, was ihm als Jugendlicher und Student entgangen war.

„Dabei traf ich eines Abends auf Leute vom KCR, dem gerade gegründeten Schwulenzentrum.“ Menschen mit denen er auf einer Wellenlänge lag, die Freunde wurden. „Ich hatte sofort das Gefühl: Das ist es!“

Nach und nach begann er sich Menschen aus seiner Vergangenheit zu öffnen. Alten Studienfreunden, die locker entgegneten: „Das war uns doch schon längst klar.“ Und Kollegen, die ebenso wenig vom Stuhl fielen. Was er sich allerdings zunächst nicht traute: Das Coming-out vor seinen Eltern. Erst ein scheinbar unbehandelbarer Hautausschlag gab den entscheidenden Ruck. „Nach sechs Wochen Klinikaufenthalt fragte mich der Arzt, ob vielleicht in meinem Inneren was quer liege.“ – Das tat es.

Jochen Fischer schrieb seinen Eltern einen Brief. Der Vater kam nach Dortmund – „um die Sache zu klären.“ Der Sohn sollte seine Worte zurücknehmen. Das tat Jochen Fischer nicht. Mit seinen Eltern redete er danach nicht mehr über sein Privatleben.

Ein Recht auf das eigene Leben

„Ein Freund aus dem KCR, ein Student des Westfalenkollegs, machte mir klar, ich hätte ein Recht darauf, mein Leben zu leben“, erinnert er sich dankbar an die Worte, die ihm halfen, zu sich selbst zu stehen. „Es hat trotzdem noch Jahre gedauert, bis ich nicht mehr rot wurde, wenn das Wort ,schwul’ fiel.“

Heute lebt Jochen Fischer mit einem langjährigen Freund zusammen. Einen Lebenspartner hat er nicht gefunden – zu spät hatte die Suche wohl begonnen. Er geht ins KCR zu „Gay and Grey“, dem Treff für „Schwule, die keine Boys mehr sein wollen“. Und er radelt mit dem schwulen Sportvereins „Aufruhr“. Die Welt hat sich mit dem 74-Jährigen weiter entwickelt. Damals in den 50ern war sie wohl die verkehrte.

 
 

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