Der Kampf für ein freies Leben in Dortmund, nachdem eine Zwangsheirat drohte

Christoph Wöhrle
Barha N. war von einer Zwangsehe bedroht war und tauchte daraufhin in Dortmund unter.
Barha N. war von einer Zwangsehe bedroht war und tauchte daraufhin in Dortmund unter.
Foto: unbekannt

Dortmund. Jedes Wort kann eines zu viel sein. Barha N. ist eine junge Frau, die Fremden nicht einfach so vertraut. Die 21-Jährige wägt genau ab, mit wem sie spricht und über was. „Am liebsten bleibe ich im Untergrund.“ Trotz ihrer 1,60 Meter Körpergröße erscheint sie wie eine starke junge Frau. Aber keiner soll sie sehen, keiner zu viel über sie wissen.

Die Menschen in der Fußgängerzone der Dortmunder Innenstadt sind zügig unterwegs. Barha sitzt im Büro der Hilfsorganisation Off Road Kids in der Kampstraße. Off Road Kids kümmert sich um junge Menschen, die auf der Straße leben oder von Obdachlosigkeit bedroht sind. So wie Barha, die aus einer mittelgroßen Stadt im Westen Bayerns stammt. Ihre Eltern wollten sie zwangsverheiraten, da lief sie von zu Hause weg und baute sich ein neues Leben in Dortmund auf. Aber sie war auch in Gefahr: Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre auf der Straße gelandet.

Von klein auf wusste Barha, dass die Zwangsehe sie einmal betreffen würde. Ihre Familie ist yesidischen Glaubens. Die Yesiden sind eine eigene monotheistische Religion, deren Anhänger in der Regel kurdisch sind. Dieser Glaube hat nichts mit dem Islam zu tun. Er ist eigenständig und er hat seine eigenen Vorschriften: Zu ihm gehört ein Kastenwesen, das nur die Heirat in der eigenen Kaste duldet. Sehr oft heiraten Cousin und Cousine. Die Hochzeit wird von den Eltern arrangiert, die Liebe spielt meist keine Rolle.

„Ich wusste schon immer, dass ich mir das nicht gefallen lasse. Man heiratet doch nicht sein eigen Fleisch und Blut“, sagt Barha. Ihr Zukünftiger, ein Cousin, war ihr nicht im mindesten sympathisch. Und sie wünschte sich ein freies Leben und eine Arbeit, mochte keine „Gebärmaschine“ sein. „Das ist doch ein freies Land hier“, sagt sie und haut mit ihrer Faust auf den Tisch.

Mit einem Trick zurückgelockt

Ihre einzige Chance: die Flucht. Im April 2010 verlässt sie ihr Zuhause. Sie gibt ihr letztes Geld für eine Fahrkarte aus, um mit dem Zug in eine große Stadt in Ostdeutschland zu fahren. Weit weg.

Dort wird sie aufgenommen. Aber nach zwei Wochen hat ihre Schwester über eine Freundin Barhas neue Handynummer herausgefunden. Sie sagt zu ihr: „Unsere Mutter liegt im Sterben, komm schnell nach Hause!“

Das tut Barha und muss feststellen, dass die Familie sie mit einem Trick zur Heimkehr bewegt hat, der Mutter geht es gut. Als Strafe bekommt Barha Schläge von ihrem älteren Bruder. Die Familie schämt sich für die Ausreißerin, in der yesidischen Community wird getuschelt. Barha soll wie geplant bald heiraten, damit endlich wieder Ruhe herrscht.

Ausreißen

Aber die junge Kurdin reißt nach sieben Monaten noch einmal aus. Diesmal sagt sie niemandem, wohin sie geht, keiner bekommt ihre neue Handynummer.

Warum Westfalen? „Ich habe einmal im Freizeitpark eine gleichaltrige Frau aus Dortmund kennen gelernt. Bei der konnte ich vorrübergehend unterkommen.“ Die Frauen werden zu guten Freundinnen. Aber langfristig kann Barha nicht in der Wohnung der Freundin bleiben. Sie ist davon bedroht, auf der Straße zu landen. Unterstützung bekommt sie von der Off Road Kids Stiftung. Die Mitarbeiter helfen Barha eine Wohnung zu finden, Arbeitslosengeld 2 zu beantragen, ein neues Leben zu beginnen. „Sie hatte von Anfang an einen sehr starken Willen und wollte unbedingt auf eigenen Füßen stehen“, sagt Jens Elberfeld, Leiter des Dortmunder Standorts der Stiftung.

Über 2000 Straßenkinder und von Wohnungslosigkeit bedrohte junge Menschen hat diese deutschlandweit wieder in ein normales Leben geführt. Staatliche Hilfe gab es dafür nie, aber das Bundesverdienstkreuz für Markus Seidel, den Gründer der Stiftung.

Dank Hilfe wieder Fuß gefasst

Auch Barha hat es dank der Hilfe der Sozialarbeiter gepackt. Sie hat eine Zweizimmerwohnung und ist in Dortmund gemeldet, mit Sperrvermerk, so dass ihre Familie sie nicht so einfach finden kann. „Ich habe Angst, dass sonst ein Ehrenmord an mir begangen wird“, sagt sie. Die Furcht, wieder entdeckt zu werden, bleibt.

Für die Zukunft plant Barha: Sie bewirbt sich um eine Lehrstelle als Kauffrau im Einzelhandel. Am liebsten möchte sie in einem großen Supermarkt arbeiten. Außerdem will sie wieder Fußball im Verein spielen, sie ist Stürmerin, liebt es, sich im Strafraum durchzubeißen – wie im richtigen Leben. Wenn sie einen Mann findet, in den sie sich verliebt, kann sie sich vorstellen, zu heiraten und Kinder zu bekommen. „Ich würde dann meine Kinder frei und ohne Zwänge erziehen“, sagt Barha. Zu ihrer alten Familie möchte sie keinen Kontakt mehr.