Der ewige Streit um Flugzeiten und Landebahn

Michael Kohlstadt
Landeanflug eines Flugzeugs über Aplerbeck. Foto: WR/Franz Luthe
Landeanflug eines Flugzeugs über Aplerbeck. Foto: WR/Franz Luthe
Foto: WR

Dortmund. Ausweitung der Flugzeiten, Verlängerung der Landebahn – seit Jahren streiten Politik, Bürger und Betreiber um den Flughafen-Ausbau. Jetzt fordert SPD-Fraktionschef Prüsse einen Bürgerentscheid. Aber worum geht es überhaupt? Eine Analyse.

Es geht um eine Stunde. Und um sehr, sehr viel Geld. Dortmunds Flughafen ist seit Jahren Streitpunkt Nummer eins in der Stadt. Für manche ist die Rollbahn im Stadtteil Wickede ein Millionengrab, für andere dagegen ein Stück gelebter Strukturwandel. Sie wollen, dass in Wickede regulär bis 23 Uhr geflogen und die 2000-Meter-Betonpiste um 300 Meter verlängert wird.

Luftverkehr gilt den Befürwortern der Startbahn Ruhrgebiet als Inbegriff von Modernität und Zukunftsfähigkeit schlechthin. Eine Großstadt, die den Dunstkreis aus Kohlenstaub und Hochofenfeuer längst hinter sich gelassen zu haben glaubt und sich als Technologiestandort von europäischem Rang feiern lässt, wo käme die hin ohne eigenen Flughafen? Natürlich schwingt in diesem typischen Dortmunder Eigensinn auch der nicht weniger typische Westfalenstolz mit, als einzige Stadt der Metropole Ruhr den Anschluss an den internationalen Luftverkehr geschafft zu haben.

Prüsse glaubt fest an den Flughafen

Einer, der ganz fest an den Flughafen und an dessen Bedeutung für Dortmund glaubt, ist Ernst Prüsse. Der einflussreiche SPD-Fraktionschef hat sich schon immer für die Weiterentwicklung ausgesprochen. Dafür hat er nicht nur Turbulenzen in den eigenen Reihen hingenommen, sondern auch ein tiefes Zerwürfnis mit dem einst hochgeschätzten Koalitionspartner riskiert. Dass die rot-grüne Ehe im Dortmunder Rat im Zuge der Kommunalwahl 2009 zerbrach, lag auch zu einem Gutteil am glasklaren Nein der Umweltpartei zu jedwedem Ausbauszenario.

Prüsses jüngster Vorstoß, nicht den Rat, sondern die Bürger direkt entscheiden zu lassen, unterliegt dabei politischem Kalkül. Der Mann aus dem Kleinbürgerstadtteil Lütgendortmund glaubt zu wissen, dass viele Dortmunder die lauten Klagen über Fluglärm für ein Luxusproblem von Einfamilienhausbesitzern im vornehmen Süden der Stadt halten.

Fraktionschef fährt eigenem OB in die Parade

Dass der Fraktionschef seinem eigenen Oberbürgermeister in die Parade fährt, nimmt der um deutliche Worte selten verlegene Strippenzieher durchaus in Kauf. „Der Fraktionschef muss nicht jedes Mal den OB fragen, wenn er etwas bewegen will”, gab Prüsse der WAZ am Mittwoch (20. Oktober 2010) zu Protokoll. Für reinste Harmonie unter Dortmunds SPD-Granden spricht das nicht. Stadtoberhaupt Ullrich Sierau jedenfalls hatte auch im Hinblick auf eine Koalitionsvereinbarung der rot-grünen Landesregierung, die dem Ausbau des Dortmunder Flughafens eigentlich die Luft aus den Segeln nimmt, bislang eine eher abwartende Haltung an den Tag gelegt. Am 18. November wollte Sierau den Rat entscheiden lassen.

Viel höher noch als der politische Preis, den die Dortmunder Genossen in der Flughafen-Frage offenbar zu zahlen bereit sind, ist allerdings das Defizit, das der Airport Jahr für Jahr anhäuft – im Schnitt deutlich über 20 Millionen pro Jahr. Kompensiert wird diese enorme Schuldenlast, in der auch Abschreibungen und Zinsen für den bisherigen Ausbau stecken, durch Ausgleichszahlungen, die die Flughafen-Mutter Stadtwerke auf dem Energiesektor verdient. Dieser Quersubventionierung durch den Dortmunder Gas-, Wasser- und Stromkunden treibt Flughafenkritiker schon seit Jahren auf die Palme. Sie haben ein EU-Prüfverfahren gegen den Flughafen angestrengt. Eine Entscheidung steht freilich noch aus.

Unklare Gefechtslage

Wie unklar die Gefechtslage in Sachen Flughafen ist, macht auch folgendes Intermezzo deutlich: Ausgerechnet Signal-Iduna-Chef Reinhold Schulte hatte den Flughafen vor Jahresfrist provokant als Investitionsruine gebrandmarkt, was Dortmunder Wirtschaftsführer kopfschüttelnd kommentierten. Für sie ist der Flughafen samt Ausbau sakrosankt.

Unlängst noch suchte eine von der Industrie- und Handelskammer Dortmund und der Wirtschaftsförderung Ruhr in Auftrag gegebene Studie zu beweisen, dass die Luftverkehrsanbindung des gesamten Rhein-Ruhr-Raums auch wegen der Dortmunder Be­schränkungen im internationalen Vergleich hinterherhinkt und dies die wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Region blockiere. Auf die Frage, welchen Einfluss denn da ein längeres Dortmunder Flugstündchen haben könne, musste der Gutachter allerdings die Bremsklappen ausfahren: Das wäre wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein.