Der BVB ist Meister - Dortmund feiert große Fußball-Party

Steffen Gerber, Annika Rinsche (mit mats, Awi, dapd)
Fast hätte die große BVB-Fanparty schon nachmittags starten können. Tausende Anhänger verfolgten den letzten Schritt zur Meisterschaft in Dortmunds City. Dann gab es am Abend kein Halten mehr: Der BVB hat den Titel verteidigt, die schwarz-gelbe Fete läuft, ein Hupkonzert jagt den nächsten Autokorso.

Dortmund dreht durch: Der BVB ist wieder deutscher Meister und verteidigte am Samstagabend aus eigener Kraft seinen Titel von 2011. Fast wäre es schon am Samstagnachmittag ohne eigenes Zutun perfekt gewesen, doch die Bayern aus München verhinderten dies mit einem Sieg in letzter Minute bei Werder Bremen, was zig Tausende Borussen-Fans in den Kneipen der selbsternannten Fußballhauptstadt verfolgten. Bis tief in die Nacht hinein lief die schwarz-gelbe Party, der Sonntagmorgen war für viele Feierwütige in weiter Ferne. Die Mannschaft feierte wie im letzten Jahr beim Nobel-Italiener „Piazza Navona". Und fast wie 2011 feierte auch Neven Subotic wieder aus seinem Auto heraus mit den BVB-Fans im Kreuzviertel, dieses Mal nur angezogen und ein paar Meter höher auf der Lindemannstraße vor einer Tankstelle.

Mit Freudentränen lagen sich unterdessen die Fans am Abend in den Armen. Frauen trugen Blumenketten in Schwarz-Gelb, Männer passende Schals. Gemeinsam feierten sie ihre Mannschaft, skandierten lautstark: „Und schon wieder Deutscher Meister, BVB." Die Anhänger auf dem Alten Markt in der Innenstadt waren nicht mehr zu halten, fielen sich die Fans in die Arme, schrien vor Glück, jubelten, zündeten Knaller. Hunderte stimmten „Heja BVB"-Chöre an, schwenkten Schals und Fahnen. Der Brunnen war längst in ein Schaumbad verwandelt worden. Über der Innenstadt wurde ein Feuerwerk entzündet, oben am U-Turm und am RWE-Tower der BVB gehuldigt.

Eine Party-Hochburg war am Abend natürlich auch wieder der Borsigplatz. Dort herrschte am Nachmittag weitgehend ruhige Anspannung, die sich dann am Abend entlud: Unzählige Hupkonzerte, Fahnen und vor allem ausgelassene Borussen aller Altersklassen prägten das Straßenbild. Gegen 21 Uhr sperrte die Polizei dort die Zufahrtsstraßen ab. Egal, die Fans feierten weiter und waren nicht nur aus dem Häuschen, sondern auch - wie ein Heranwachsender - auf dem Baum. Ein Bayern-Fan in entsprechendem Trikot kniete gar nieder und verbeugte sich vor den feiernden Dortmundern...

Die Stadt ein einziges Hupkonzert

Eine halbe Stunden nach Spielende sorgten feiernde Fans auch an weiteren Stellen für ein Verkehrschaos an: Unzählige Borussen versperrten etwa die Hauptverkehrsstraßen Lindemannstraße und Hohe Straße - beide führen vom Stadion in die Innenstadt. Die Polizei und Stadtwerke sperrten am Abend weitere Wege ab, das gesamte Kreuzviertel hatte sich zu einer weiteren Partymeile entwickelt. Hier gab es teilweise gar kein Durchkommen mehr; wie etwa für einen Linienbus an der Ecke Kreuzstraße/Große Heimstraße, den die Ordnungshüter mühsam rückwärts aus der Menge navigierten. Über den Wall zog ein scheinbar nicht enden wollender Autokorso - „die Stadt ist ein einziges Hupkonzert" berichteten Ohrenzeugen, sofern sie sich bei dem Lärm verständlich machen konnten.

„Das ist eine verdiente Meisterschaft", freute sich BVB-Fans Jörg Weispfennig, der aus Arnsberg nach Dortmund gekommen war. „Die Stimmung, die Spielweise - da hat in dieser Saison alles gestimmt." Ehefrau Karin pflichtete ihm bei: „Das hat sich die Mannschaft in Eigenleistung erkämpft." Die beiden wollten die Party in der Innenstadt als „stille Beobachter" genießen: „Wir schauen gern zu, wie die Jugend feiert." Sogar in der McDonald's-Filiale in der Fußgängerzone wurde gefeiert. Die Mitarbeiter hatten eine CD mit Borussen-Liedern eingelegt, die auch nach Spielschluss im Dortmunder Lokalradio liefen. Die Fans am Tresen sangen lautstark "100.000 Freunde - ein Verein" mit.

„Geil, einfach nur geil!!!" - wie ein Orgasmus

„Geil, einfach nur geil - mit ganz vielen Ausrufezeichen", beschrieb Fan Steven aus Olsberg, was die Meisterschaft für ihn bedeutet. Freund Max ergänzte: „Wir müssen noch nicht mal Meister sein, aber Hauptsache vor Schalke." Wie sie heute noch feiern? „Auf jeden Fall lange!" Und am Sonntag geht's mit dem Flieger nach Schottland. „Natürlich in Dortmund-Trikots."

„Heute wird jedenfalls noch ordentlich Party gemacht", sagten auch Ingo Jansing und Carmen Schulte. Der Gewinn der Meisterschaft sei immerhin etwas ganz Besonderes, ein besonders schönes Gefühl. „Weil wir mehr Titel als Schalke haben", begründete Jansing. Und Fan Helmut Ulrich verglich seine Gefühle beim Gewinn sogar mit einem Orgasmus.

Glasverbot zeigt Wirkung

Das Glasverbot zeigte derweil Wirkung. Auf dem Boden lagen kaum Scherben, dafür ein Teppich aus Plastikbechern. Das Ordnungsamt zeigte sich am frühen Abend zufrieden mit der Lage in der Innenstadt. „Das Glasverbot wird gut angenommen", erklärte Heike Tasillo. „Die Fans sind einsichtig. Wer Flaschen mitgebracht hat, wirft sie bereitwillig in die Container."

Das begrüßte auch Thomas Werminghaus auf dem Alten Markt. Werminghaus ist Betriebsleiter in einem ansässigen Restaurant und hatte an diesem Samstag alle Hände voll zu tun. „Wir mussten die Stühle und Tische auf der Terrasse wegräumen, weil wir im letzten Jahr die Erfahrung gemacht haben, dass schon einiges in der Euphorie kaputt geht", sagte Werminghaus. „Wäre es nicht erteilt worden", betonte der Gastronom, „ich hätte draußen ohnehin keine Gläser ausgegeben." So bestellte er entsprechende Mengen an Kunststoffbechern. „Ich habe bestimmt einige Tausend da", erklärt er. Ebenfalls aufgestockt habe er den Biervorrat - so wie viele andere Restaurants und Kneipen in Dortmund auch, da der Gerstensaft floss und floss und floss...

Euphorie in Dortmund schon am Mittag spürbar 

Schon in den Mittagsstunden, weit vor dem Abendspiel der Borussia im heimischen Stadion gegen den Namensvetter aus Mönchengladbach, baute sich Euphorie rund um den Signal-Iduna-Park auf. In der daneben liegenden Gaststätte Strobels ging früh nichts mehr: Wer dort das Bayern-Spiel auf Sky sehen wollte, musste zeitig da sein, für später Ankommende gab es keinen Einlass mehr. Hier floss das Bier ebenso in Strömen wie im benachbarten Kreuzviertel, wo sich die Fußballanhänger vor den Kneipen-Fernsehern bis auf die Straßen drängten.

Auch in der Innenstadt waren in den rappelvollen Kneipen den ganzen Tag über Fan-Gesänge zu hören, auf dem Alten Markt wurden an vielen Stellen auch Fahnen geschwenkt. Hier war der Herzschlag besonders hoch, bis die Bayern für ein kurzes Abkühlen der Emotionen sorgten. Der Pegel stieg dann während des BVB-Spiels wieder extrem an, ehe gegen 20.20 Uhr die ersten Hupkonzerte zu hören und Autokorsos in der City zu sehen waren. Fast eine komplette Stadt hat sich in Schwarz-gelb gehüllt.

Zuversicht im Stadion ungebrochen

Als Borussias Profis kurz vor dem Siegtreffer der Bayern den Rasen des heimischen Stadions betraten, schallte ihnen seitens der Fans ein donnerndes "Deutscher Meister wird nur der BVB!" entgegen. Kurz darauf verkündete Stadionsprecher Norbert Dickel, dass der Meistertitel noch nicht feststehe.

In der Dortmunder Anfangself standen übrigens Derby-Siegtorschütze Sebastian Kehl (für Sven Bender), der wiedergenesene Neven Subotic für Felipe Santana und Ivan Perisic für Kevin Großkreutz, der sich im Training das Nasenbein angebrochen hat. Eine erfolgreiche Aufstellung von Trainer Jürgen Klopp, dem nun viele in Dortmund ein Denkmal bauen würden.

Stau, belegte Parkplätze

Bereits am späten Vormittag staute es sich auf den Zufahrtsstraßen B1 und B54, an den Westfalenhalle und rund ums Stadion waren die Parkplätze auch wegen der Intermodellbau-Messe schnell belegt.

Die Stadt hatte bis Mitternacht ein Glasverbot verhängt, an das sich die meisten, aber nicht alle BVB-Anhänger im Tagesverlauf hielten. Mitarbeiter des Ordnungsamtes sagten, dass sie vereinzelt Flaschen aus dem Verkehr ziehen müssten, insgesamt laufe jedoch alles problemlos und absolut friedlich. Auch die Polizei war auf spontane Jubelfeiern vorbereitet. Die Einsatzkräfte hatten sich „lageabhängig“ aufgestellt.

Polizei greift bei Klopperei zwischen Ultras ein - Feuerwehr hatte „Spaß"

Wie die Polizei am Sonntagmorgen auf DerWesten-Anfrage mitteilte, blieb es in der Nacht in Dortmund weitgehend friedlich. Es gab lediglich 21 Strafanzeigen, acht Personen wurden in Gewahrsam genommen. Ärger bereitete der Behörde nur eine handfeste Auseinandersetzung zwischen Dortmunder und Gladbacher Ultras vor dem Spiel auf dem Stadionvorplatz. Laut Einsatzleitung bekam die Polizei die Lage jedoch „schnell in den Griff."

Von 15 Uhr bis in die frühen Morgenstunden mussten die Rettungsdienste nur 13 Patienten versorgen, für Dortmunds Feuerwehrchef Dirk Aschenbrenner „ein sensationell niedriges Ergebnis: Die Fans haben es wieder einmal geschafft, die Stadt in eine großartige Stimmung zu hüllen, ohne dass es dabei zu nennenswerten Zwischenfällen gekommen ist. Der Wunsch der Feuerwehr nach meisterlichen und friedlichen Spontanfeiern hat sich erfüllt – so macht Meister werden Spaß!“ Das Einsatzgeschehen bei Feuerwehr und Rettungsdienst im restlichen Stadtgebiet entsprach dem Durchschnitt eines Heimspielsamstages. So waren innerhalb von 24 Stunden 24 Brände zu löschen bzw. technische Hilfe zu leisten. Der Rettungsdienst war im gleichen Zeitraum 296 mal gefragt.

„Nur" acht Tonnen Kehrmüll

Auch Ordnungsamt und EDG, die schon am Sonntagmorgen weitgehend ‚klar Schiff’ gemacht hatte, stellten nach eigenen Angaben fest, dass die angeordneten Maßnahmen gewirkt hatten. Nennenswerten Glasbruch gab es in diesem Jahr nicht. Acht Tonnen Kehrmüll, darunter 1,44 Tonnen Glas aus insgesamt 32 aufgestellten 1100-Liter-Behältern, stuft die EDG als „sehr wenig“ ein.

Oberbürgermeister Ullrich Sierau, BVB-Chef Hans-Joachim Watzke und Polizeidirektor Michael Stein wünschen sich ähnliche Disziplin auch für die kommenden Feierlichkeiten: Sie rufen die Fans deshalb noch einmal auf, „ihre" Mannschaft gern fröhlich zu feiern, dabei aber stets besonnen zu bleiben und aufeinander Rücksicht zu nehmen

Bundespolizei hatte an Bahnhöfen gut zu tun

Die Bundespolizei meldete hingegen zahlreiche Einsätze wegen der ausgelassenen Fans. Ein Gladbach-Anhänger versuchte bereits im Zug RE 4, Beamte zu provozieren und mitreisende Fans zu animieren, ebenfalls gegen Polizisten vorzugehen. Gegen ihn wurden Ermittlungsverfahren wegen Beleidigung, Landfriedensbruch und Widerstand eingeleitet. Insgesamt stellte die Bundespolizei innerhalb des Einsatztages zwölf Straftaten fest. Hierzu wurden 13 Tatverdächtige ermittelt. Neben Körperverletzungsdelikten wurde auch das Abbrennen von Pyrotechnik zur Anzeige gebracht. Verletzte Personen wurden bis zum Einsatzende um 2.30 Uhr am frühen Sonntag nicht gemeldet.

Gegen Abend kam es in der Rückreisephase am Haltepunkt Signal Iduna Park, im Hauptbahnhof Dortmund sowie im Bahnhof Schwerte zu Engpässen. Mehrfach mussten Reisende in überfüllten Zügen aufgefordert werden, die Züge zu verlassen, da die Türschließungen an den Zügen nicht mehr funktionierten.