Der Baum, an dem Früchte klingeln

Eve Arpo und Riin Rõõs fordern zum relaxen ohne Handy auf. Foto: Knut Vahlensieck
Eve Arpo und Riin Rõõs fordern zum relaxen ohne Handy auf. Foto: Knut Vahlensieck
Foto: WR Dortmund/Knut Vahlensieck

Dortmund. Ein Tag ohne Handy - das ist für viele nicht vorstellbar. Genau deshalb fordern Eve Arpo und Riin Rõõs als Künstlergruppe „You Must Relax“ Passanten im Rahmen des Medienkunstfestivals ISEA auf, ihr Mobiltelefon am Donnerstag, 26. August, für 24 Stunden abzugeben. Die Geräte werden allerdings weiter klingeln: Hoch oben in einem Baum an der Reinoldikirche.

„Inspiriert hat uns die Erfahrung, dass wir Mobiltelefone immer mehr benutzen und uns so verbunden mit ihnen fühlten“, erklärt Eve Arpo die ungewöhnliche Aktion, die zu einer Reflexion der eigenen Handynutzung anregen soll: Interessierte geben einfach am Donnerstag Abend zwischen 20 und 21 Uhr ihr Handy ab, das die beiden Künstlerinnen, in einer Plastikhülle geschützt, an einem Baum neben der Reinoldi-Kirche aufhängen.

24 Stunden offline

Keine Sorge: Die Geräte hängen so hoch, dass niemand daran kommt - und Sicherheitsleute bewachen das wertvolle Gut. Außerdem wird den Teilnehmern zugesichert, dass keine Daten abgerufen werden. Die Handys sollen vielmehr wie elektronische Früchtchen 24 Stunden lang an den Ästen hängen, leuchten und klingeln.

Eine ungewöhnliche Licht- und Soundinstallation, die Eve Arpo und Riin Rõõs schon in ihrer Heimatstadt Tallinn (Estland), in São Paulo in Brasilien und im kanadischen Edmonton organisiert haben. Mit typischen Reaktionen: „Meistens haben die Leute am Anfang gesagt, dass sie ihr Handy sowieso nicht brauchen. Aber, als dann der Moment der Entscheidung kam, haben sie sich schnell verabschiedet“, sagt Eve Arpo.

Die beiden wollen die Abhängigkeit von Mobiltelefonen thematisieren, ohne die Geräte zu verteufeln. „Handys sind Teil unseres Körpers geworden. Wir wissen immer, wo unseres steckt. Wenn man 24 Stunden ohne verbringt, ist der Tag sehr anders: Man muss wacher und offener sein“, sagt Riin Rõõs. Geweckt werden, das Treffen mit Freunden organisieren, E-Mails abrufen - Aufgaben, die das Mobiltelefon längst übernimmt. „Die 24 Stunden sind eine Zeit, um sich dessen bewusst zu werden“, sagt Eve Arpo. „Aus der Distanz kann man entscheiden, ob man diese enge Beziehung wirklich will“, so Rõõs.

Menschen berichteten später von ungewöhnlichen Erlebnissen - wie das Mädchen, deren Freund nachts wütend vor ihrer Tür stand, weil sie nicht an ihr Telefon ging. Oder jener junge Mann, der abends immer mit Freunden unterwegs war - und nun plötzlich ein Buch las. Eve Arpo und Riin Rõõs nutzen das Handy mittlerweile weniger. Auch wenn es ihnen selbst anfangs schwer fiel, das Gerät abzugeben: „Aber es wird mit jedem Mal leichter.“

 
 

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