Der Ansturm der Flüchtlinge überfordert NRW

Warten auf eine ungewisse Zukunft: Flüchtlinge in der Erstaufnahme-Einrichtung in Dortmund.
Warten auf eine ungewisse Zukunft: Flüchtlinge in der Erstaufnahme-Einrichtung in Dortmund.
Foto: Tim Schulz / WAZ FotoPool
Der Strom der Flüchtlinge reißt nicht ab - lange Schlangen bilden sich bei der Erstaufnahme in Dortmund. Nur wenige Stunden Zeit bleiben für viele Menschen in Not. „Wir sind noch lange nicht über den Berg. Wir schaffen nur 300 Leute am Tag. Und das auch nur, weil wir jetzt mehr Personal haben“, sagt Dortmunds Rechtsdezernentin Diane Jägers.

Dortmund.. Die öffentlich zelebrierte „Brieffreundschaft“ zwischen Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau und NRW-Innenminister Ralf Jäger sorgte für Schlagzeilen. Zwei Jahre lang hatte der erste Mann Dortmunds (SPD) hartnäckig auf die katastrophale Situation für Flüchtlinge in kommunalen wie landeseigenen Einrichtungen hingewiesen und einen eklatanten Personalmangel beklagt. Nichts geschah, SPD-Mann Jäger verbat sich jede Kritik und tat sie als „Das Boot ist voll“-Stimmungsmache ab. Dann wurden die Misshandlungen von Flüchtlingen in Burbach und Essen publik und offenbarten das ganze Elend der Menschen-Verwahrung.

Das Kind war also längst in den Brunnen gefallen, als das Land reagieren musste und Personal aufstockte und austauschte. Doch der zentralen Forderung nach drei zusätzlichen Erstaufnahme-Einrichtungen (EAE) ist das Land nicht nachgekommen. Dabei sind die Einrichtungen von zentraler Bedeutung, hier werden die Flüchtlinge registriert.

Keine Zeit zum Durchatmen

„Die Registrierung ist der erste Schritt für die Aufnahme ins Asylverfahren. Ohne die läuft nichts“, sagt Murat Sivri, Leiter der EAE in Dortmund-Hacheney. Sie ist eine von aktuell zwei Erstaufnahme-Einrichtungen in NRW, die andere ist in Bielefeld. Ankommende Flüchtlinge sollen hier nur kurz bleiben, um registriert und geröntgt zu werden. Im nächsten Schritt müssten sie in eine dauerhafte Unterkunft verlegt werden, damit sie in Ruhe ihren Asylantrag stellen können. Das ist der Plan – doch in der Praxis funktioniert er nicht mehr. Das System ist dem Ansturm nicht gewachsen.

Allein im September kamen in Hacheney 7260 Flüchtlinge an. An vielen Tagen werden bis zu 900 Menschen aus ganz NRW in Bussen hierher gebracht, um registriert zu werden. Doch wer es bis nach Hacheney geschafft hat, hat noch nichts erreicht. Während die Menschen hier nach beschwerlicher Flucht früher drei bis fünf Tage auftanken konnten und registriert wurden, werden sie heute häufig nur stundenweise „zwischengeparkt“.

Strapazen stehen ins Gesicht geschrieben

Dann geht es vielleicht weiter in eine der Notunterkünfte. Ohne Registrierung. „Wir sind noch lange nicht über den Berg. Wir schaffen nur 300 Leute am Tag. Und das auch nur, weil wir jetzt mehr Personal haben“, sagt Dortmunds Rechtsdezernentin Diane Jägers (CDU) und lobt das Land in diesem Punkt für die eingeforderte Unterstützung. Inzwischen könne Dortmund auch die Notunterkunft in Unna-Massen nutzen, um dort zu registrieren. Eine zusätzliche Erstaufnahme-Einrichtung sei das jedoch nicht.

Für Gespräche und eine ausführliche Flüchtlingsberatung ist in Hacheney keine Zeit. Zwei Menschen, die an diesem Morgen ankommen, stehen die Strapazen ins Gesicht geschrieben. „Wir sind seit zweieinhalb Monaten in Deutschland. Wir sind müde“, sagt eine Irakerin, die Schutz in einer dicken, schwarzen Strickjacke zu suchen scheint. Sie spricht perfekt englisch, aber schweigt, als man sie auf die Umstände ihrer Flucht anspricht. „Wir sind alt. Beide 77. Mein Mann ist krank. Was passiert jetzt?“, fragt die Frau noch und wartet keine Antwort ab, bevor sie mit ihrem blauen Koffer weitergeht in ein Büro, das Hoffnung verspricht.

20.000 Dollar für die Flucht

Ihre 20.000 US-Dollar teure, von einem Schlepper umgesetzte Flucht dauert bereits ein ganzes Jahr. Sie und ihr Mann sind über Spanien nach Holland geflüchtet. In Holland lebt und arbeitet ihre Tochter, die längst Niederländerin ist. Doch dem Wunsch auf Familienzusammenführung haben die Niederlande nicht zugestimmt. „Das ist doch ein Menschenrecht“, sagt der Iraker, der mal Apotheker war, bevor sein Christsein in der ehemaligen Heimat zum Problem wurde.

Murat Sivri wartet auf den nächsten Bus mit „Zwischengeparkten“ aus Schloss Holte-Stukenbrock. Darunter sind auch Syrer. „Alles gebildete Menschen aus der Mittelschicht. Die haben ihre Flucht bezahlt“, sagt Sivri. Wie Caraf Dilan, Zahnarzt aus Damaskus. Oder wie der Familienvater, der Architekt in Damaskus war und mit seiner fünfköpfigen Familie seit zwei Monaten der Registrierung entgegenfiebert. Heute könnte es klappen.

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