Demos waren die größte Herausforderung

Dortmunds scheidender Polizeipräsident Hans Schulze.
Dortmunds scheidender Polizeipräsident Hans Schulze.
Foto: WR/Franz Luthe
Ende Dezember geht er in den Ruhestand, Dortmunds Polizeipräsident Hans Schulze. Fast 19 Jahre lang hat er die drittgrößte Polizeibehörde in NRW geleitet, ist damit der dienstälteste „PP“ in NRW. Mit Redakteur Andreas Winkelsträter blickte Schulze auf die vergangenen Jahre zurück.

Dortmund.. Es ging um den Polizistenmord, die zahlreichen Neuorganisationen innerhalb der Polizei Dortmund sowie auch um das Thema Bekämpfung des Rechtsextremismus in Dortmund – Dortmunds scheidender Polizeipräsident hat in seiner beinahe 19-jährigen Amtszeit viel erlebt. Am 1. Januar tritt Norbert Wesseler die Nachfolge Schulzes an.

Welches Gefühl überwiegt für Sie: „Endlich, es ist vorbei“ oder „Schade, es vorbei ist“?

Hans Schulze: Schade, dass es vorbei ist. Es ist schon viel Wehmut dabei. „Endlich vorbei“, dieses Gefühl habe ich überhaupt nicht. Ich gehe zwar bewusst. Denn ich hätte ja auch beantragen können, dass der Innenminister mich noch ein bisschen im Amt lässt. Das habe ich bewusst nicht getan. 65 Jahre ist ein vernünftiges Alter, um in den Ruhestand zu gehen. Aber: Es fällt mir nicht leicht zu gehen. Das war eine gute Zeit hier in Dortmund. meistens jedenfalls. Das ist eine tolle Behörde, dass kann ich ruhig sagen, ohne dass das übertrieben klingt. Und: Ich bin hier umzingelt von guten Mitarbeitern, mit den ich mich gerne austausche, mit denen ich mich gerne unterhalte.

Haben Sie vor fast 19 Jahren daran gedacht, hier auch in Pension zu gehen?

Hans Schulze: Es gibt nicht so viele Möglichkeiten für einen Juristen in der allgemeinen inneren Verwaltung, über den PP hinaus etwas zu machen. Einmal emotional, weil das schon eine ungeheure Herausforderung und eine Position ist, die man nicht mal soeben macht. Jedenfalls nach meinem Verständnis. Auch vom Niveau her ist es nachher recht schwierig, etwas zu machen. Vielleicht Karriere im Innenministerium. Das war aber nicht mein Anspruch. Ich wollte nicht im Ministerium arbeiten. Ich hatte schon die Vorstellung, auch wenn’s damals fast 19 Jahre waren, dass es die letzte Stufe sein könnte.

Ihnen war der direkte Kontakt zu Ihren Mitarbeitern sehr wichtig. Und Sie haben sich ja auch, das sagten Sie bei ihrer offiziellen Verabschiedung, hier zu Hause gefühlt.

Hans Schulze: Das ist so. Ich hab’ mich hier sehr zu Hause gefühlt. Es gibt nur wenige Polizeipräsidien, wo man ohne Barrieren direkt bis zum Behördenleiter gehen kann - eigentlich von der Pforte bis hier hoch. Das war wohl auch für viele Mitarbeiter eine neue und ungewohnte Erfahrung. Aber nur dann macht es auch Spaß, wenn man hier oben eben nicht abgeschottet sitzt, und dann auch 19 Jahre.

Und Sie haben sich damals bemüht, den Polizeiberuf von der Pike auf zu lernen.

Hans Schulze: Ich habe mich nicht auf irgendeine Etage zurückgezogen, die abgeschottet ist. Viele Beamte habe mir gesagt, dass es für sie völlig ungewöhnlich war, dass ein Polizeipräsident von der ersten bis zur letzten Minute bei einem Einsatz im Führungsraum stand, guckte, was passiert da und sich ab und zu einbrachte. Meistens, so sagten die Beamten, kamen die Präsidenten mal rein, sagte „Guten Tag“ und waren wieder weg. Da habe ich viel gelernt. Man muss einfach gucken, dicht dabei sein. Man muss auch nur mal zuhören können und nicht meinen, immer eingreifen zu müssen. Und da habe ich viel gelernt. Denn das war mir völlig fremd. Ich kam ja von der Bezirksregierung. Und hatte mit der Polizei eigentlich gar nichts zu tun. Von polizeispezifischen Arbeit hatte ich keine Ahnung.

Bei Ihrer Verabschiedung nannten Sie drei „Ziehväter“: Karl Beele, damals Leiter der Pressestelle, Bernhard Leidiger, Leiter des Schutzbereiches Mitte und Gerhard Kehl, Leiter der Kripo.

Hans Schulze: Erstens habe ich von denen viel gelernt. Und zweitens waren das Menschen, die unheimlich aktiv beraten haben. Da war von Beginn an ein großes Vertrauensverhältnis, wie man es ganz selten im Berufsleben hat. Sie haben mich in den ersten sieben „fetten“ Jahren hier begleitet. Und Sie haben mir die Chance gegeben, mitzuwirken und mitzuarbeiten. Das war ne tolle 3er-Crew. Absolut vertrauenswürdig. Ich hätte mir keine Bessere wünschen können. Der Kontakt ist nie abgerissen.

Eine Ihrer Herausforderungen waren die Neuorganisationen, von denen Sie mehrere umsetzen mussten.

Hans Schulze: Wir waren eigentlich relativ gut aufgestellt während aller Neuorganisationen. Das liegt an der Dimension der Behörde zwischen 2200 und 2700 Leuten. Das ist aus meiner Sicht für eine Polizeibehörde eine ideale Dimension. Sie ist groß genug, um alles abzudecken, was es gibt, aber nicht so groß, dass man es nicht übersehen kann. Hamburg oder Berlin sind für einen PP keine dankbare Größe. Derzeit haben wir ein Direktionsmodell mit ganz strikten Strängen. Das halte ich nicht für eine ideale Lösung. Wir haben auf Polizeiinspektionsebene lange die Mischung gehabt aus Verkehr, Gefahrenabwehr und Kriminalität. Das halte ich für eine günstigere Lösung, weil wir dem Bürger gegenüber als kompakte, für alles zuständige Polizei gegenüber treten. Nicht als jemand, der macht nur Kripo, oder nur Verkehrsunfälle. Es wird nicht die letzte Neuorganisation sein. es wird mal in die mal in die andere Richtung gehen. Ich hoffe aber, dass wir die gegenwärtige Größe beibehalten werden, denn dadurch sind wir sehr leistungsfähig.

Sie sagten, dass Polizei breit aufgestellt sein muss. Ein anfangs umstrittenes Stichwort, das sie geprägt haben, ist die „Verwendungsbreite“. Das heißt, dass die Beamten sich in vielen Bereichen beweisen müssen.

Hans Schulze: Das war sehr umstritten. Viele Kollegen waren es gewohnt, da anzufangen, wo sie später auch in Pension gehen. Aber das habe ich für abenteuerlich gehalten. Zumal ein Polizeibeamter in seiner Ausbildung breit gefächert aufgestellt ist. Warum muss er dann sein ganzes Leben lang „nur“ Raubdelikte bearbeiten? Dafür sprach überhaupt nichts. 1997 haben wir angefangen, in diesem Hause die Verwendungsbreite zu propagieren. Da hat es anfangs starke Widerstände gegeben. Doch zunehmend hat man gesehen, dass man je mehr man sich informiert, desto breiter hinterher in dieser Behörde auch aufgestellt ist. Ich kenne diese Behörde besser, kann sie besser einschätzen. Und diese Personalentwicklung hat durchaus Beispielcharakter für NRW gehabt.

Es hat in den Jahren viele Probleme gegeben, von der Jugendkriminalität bis zu der Rauschgiftszene, von der Problematik in der Nordstadt samt Straßenstrich, die Kurdendemonstrationen bis zu den Neonazis: Was war für Sie die größte Herausforderung?

Hans Schulze: Die größten Herausforderungen waren die Demonstrationen. Zuerst die Kurden. Das war teilweise ausgesprochen grenzwertig, etwa die verbotene 1996er Demonstration. Die war wirklich am Rande einer massiven Problematik für die gesamte Dortmunder Innenstadt. Das ist gerade noch einmal gut gegangen. Ja und danach die rechtsextremen Demonstrationen mit allen Facetten, die man da kennenlernen durfte. Das ist etwas, auf das ich gut und gerne hätte verzichten können. Wenn das nicht gewesen wäre, dann wäre es eine uneingeschränkt tolle Zeit gewesen. Das war eine Belastung, die kann man gar nicht hoch genug bewerten. Es ist die schwierige Situation, einerseits die ganz klare Rechtslage zu haben mit der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes. Und auf der anderen Seite die Erwartung der Bürger: Das darf einfach nicht sein, dass Rechte demonstrieren. In dieser Situation kommt man von einem Konflikt in den nächsten, ohne ihn lupenrein lösen zu können. Man ist teilweise auch persönlichen Vorwürfen ausgesetzt, oft auch sehr massiven. Das ist schwer. Das wird auch für meinen Nachfolger mit Sicherheit auch nicht leicht sein, da einen eigenen Weg zu finden.

Hat die Polizei das Thema Rechtsextremismus in Dortmund unterschätzt, auch was die festen Strukturen angeht?

Hans Schulze: Ich habe das schon häufig gehört. Aber ich glaube nicht, dass das so ist. Der Rechtsextremismus hat ja leider eine wirklich lange Tradition. Seit den 70er Jahren hatten wir kontinuierlich und unverändert ein Rechtsproblem. Nicht immer ein Neonazi-Problem, aber ein Rechtsproblem mit Siggi Borchard und mit der Borussen-Front ging das ja schon los. Deswegen glaube ich nicht, dass das hier jemand geringgeschätzt hat. Wir haben auch sehr schnell erkannt, als Giemsch kam und die Autonomen Nationalisten, dass das hier eine neue Qualität annimmt, dass die Aggressivität und Gewaltbereitschaft deutlich größer sind. Wir hatten immer einen ganz starken Staatsschutz, früher das 14. K., der die Szene ganz intensiv beobachtet hat. Wir haben sie nicht in dem Sinne in den Griff bekommen, dass wir sie beseitigt haben.

Aber, wenn Sie sich die Statistiken anschauen, das will aber auch keiner wissen, aber es ist so, ist die Zahl der rechtsextremistischen Straftaten in Dortmund nie entscheidend nach oben gegangen. Auch in den letzten drei, vier Jahren nicht. Das heißt, wir haben eine schwierige Situation und eine Szene, auf die man wirklich gut verzichten kann, immer in einer gewissen Dimension gehalten. Leider hatten wir das Pech, dass wir hier immer Aktivisten gehabt haben, die in der Lage waren, sich bundesweit zu vernetzen. Und sie haben uns immer, jetzt vermehrt, Demonstrationen hingelegt, die einfach unerträglich sind. Aber es sind Demonstrationen, denen wir nicht ausweichen können. Von den letzten drei waren zwei bis weit in den Termin hinein verboten und dann hat das Bundesverfassungsgericht doch wieder gesagt: Die finden statt.

Insofern glaube ich, dass wir alle hier fast alles versucht haben, um tatsächlich diese Entwicklung zu verhindern. Aber es ist uns nicht gelungen. Ich glaube nicht, dass wir eine falsche Einschätzung hatten. Wir haben relativ früh gesehen, dass man versuchen muss, etwas zu machen. Wir waren auch als Polizeibehörde eine der ersten, die sich intensiv um Prävention bemüht haben. Das soll man nicht unterschätzen. Auch, nach 2000. Wir waren die ersten, die wirklich in alle Schulen gegangen sind. Wir sind in Dorstfeld in allen achten, neunten Klassen gewesen. Ich will jetzt keine Vorwürfe erheben, aber die Stadt war da viel später als wir. Wir haben in der Lehrerausbildung intensiv Fortbildung gemacht. Vielleicht hätte man noch mehr machen müssen, machen können. Aber wir waren als Polizei nicht diejenige Gruppe, die am wenigsten getan hat, vielleicht sogar im Gegenteil.

Sie sprachen die Verbote an. Wie sehen Sie heute die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes? Kann man die nachvollziehen?

Als Jurist kann ich die Argumentationen schon nachvollziehen. Ob man sie immer so mitträgt, ist eine andere Frage. Insbesondere die letzte Entscheidung als ja immerhin im Vorfeld jemand da war, der Bomben gebaut hat, habe ich es juristisch verstanden, aber inhaltlich nicht nachvollziehen können. Denn im Grunde genommen ist gesagt worden, man müsse warten, bis so eine Bombe hochgeht, bis man tätig werden kann. denn man könne ja durch polizeiliche Maßnahmen das Risiko minimieren, sich als Polizei darauf einstellen. Da stand der schöne Satz: „Eine kluge Polizei kann da-mit fertig werden“. Ich fand den Satz schon sehr provozierend. Aber das Gericht hält den Versammlungsrechtgrundsatz so hoch. Die Hürden wurden von Stufe zu Stufe immer höher. Es sei denn die Demonstration findet an irgendwelchen Feiertagen statt, etwa im Bereich der Pogromnacht. Dann könnte man ein Verbot schaffen.

Sie sprachen davon, dass das Problem erst gelöst sein wird, wenn die Nazis Dortmund den Rücken gekehrt haben. Welche Möglichkeiten sehen Sie, dass das passiert?

Hans Schulze: Wir könne es nur gemeinsam schaffen. Die Polizei muss ihren Part erfüllen. Vielleicht kann man da noch mehr machen. Aber ich meine, wir haben da schon relativ viel getan. Die Stadt versucht es, in dem sie unter anderem Liegenschaften erworben hat, die sie jetzt als Eigentümer betreibt. Aber sie erkennt auch, wie schwierig das rechtlich ist. Und wir haben mit Herrn Anders-Hoepgen und der Koordinierungsstelle eine Möglichkeit, die Gesamtgesellschaft immer mehr gegen diesen Personenkreis einzustellen. Und wenn es gelingt, eine breite Front der Ablehnung herzustellen, zwischen den Leuten, die in Dorstfeld das Umfeld darstellen, zwischen den Leuten, die die Wohnungen vermieten und der Polizei, die sowohl präventiv als auch mit Sanktionen vorgeht, könnte ich mir vorstellen, dass es für die Leute so ungemütlich wird, dass sie sagen: Wir gehen lieber woanders hin. Aber das ist ein langer Weg.

Sie führten an, dass der Druck ganz enorm gewesen ist. Haben Sie einmal dar-an gedacht, aufzugeben?

Hans Schulze: Nein, eigentlich nicht. Und zwar deshalb nicht, weil ich nie alleine war. Wenn ich alleine gewesen wäre nach dem Motto, da ist der Schulze und alle sagen: Der muss da weg! Dann wäre es wahrscheinlich so gewesen. Ich war aber nie alleine, erst recht nicht hier im Haus. Die Position, die ich einnehme, ist die Position dieses Hauses. Die gesamte Führungscrew steht dahinter. Das wird auch mein Nachfolger merken. Er wird sehen, dass die Polizei Dortmund über die Jahre hinweg eine gefestigte Auffassung hat, wie man mit solchen Veranstaltungen umgeht. Wir versuchen immer mal was Neues. Wir hatten ein paar Jahre, wo wir sagen konnten: Wir haben eine neue Demokultur. Wir können die Gegendemonstranten heranführen. Das hat auch gut geklappt nach der Wehrmachtsausstellung. Und dann hat der DGB gesagt: Wir machen das nicht mehr. Wir stellen nicht mehr die Klammer dar, um dafür zu sorgen, dass es keine Randale gibt. Und da ich eingebettet bin in gefestigte Positionen, war ich nie in einer verzweifelten Situation.

Gibt es etwas, wo Sie im Nachhinein sagen: Da ist mir misslungen. Da haben wir, da habe ich etwas falsch gemacht?

Hans Schulze: Dazu gehören sicherlich die beiden ersten beiden Einschließungen im Jahr 2000. Darauf hätte man im Nachhinein verzichten können. Das hat die Atmosphäre für lange Zeit vergiftet. Sie waren rechtsstaatlich durchaus in Ordnung. Die Prozesse haben wir alle gewonnen. Das hätte man auch anders machen können. Da wird man klüger. Wir hatten aber auch falsche Informationen: Das sind 200 Leute. Hinterher waren es fast 600. In der Abarbeitung hat das sehr, sehr lange gedauert. Und, was man auch nicht wusste: Wie reagiert die Staatsanwaltschaft. Die hätte sagen können: Das war schwerer Landfriedensbruch. Und ihr habt die Leute laufen lassen... Da ist auch ein Schuss Vertrauen in Richtung Polizei verloren gegangen, das wir uns mühsam wie-der erarbeiten mussten. Das hat vieler Gespräche bedurft, auch mit dem Jugendring. Das war schwierig.

Neben dem Thema Rechtsextremismus, gab es ja eine Vielzahl an Ereignissen. Das traurigste war sicher der Polizistenmord.

Hans Schulze: Ja, das stimmt. Ich hab hier gesessen und habe sehr schnell die Informationen be-kommen. Und wenig später habe ich auch die Ehefrau des erschossenen Kollegen informiert. Das war das zweite Mal, dass ich einem Mitarbeiter oder hier einer Ehefrau die Todesnachricht überbringen musste. Das sind Ereignisse, die vergisst man nicht. Vor allem nicht, wenn einen die Ehefrau freundlich begrüßt. Es war ein strahlender Sonnentag, sie spielte mit ihren Kindern. Und dann muss man ihr sagen: Ihr Mann ist gerade erschossen worden.

Inwieweit weit waren sie auch gefragt, ein solches Thema in der Behörde anzusprechen, mit Kollegen aufzuarbeiten?

Hans Schulze: Das ist immer so. Man wird angesprochen, wird gefragt. Mit zwei Tagen Verzögerung bin ich auch in die Dienstgruppe nach Asseln gegangen. Sie wollten erst einmal Ruhe haben. Da habe ich erst mit der Polizeipfarrerin gesprochen und die hat mir signalisiert: Das ist jetzt ein guter Zeitpunkt und wir gehen da zusammen hin. Da kann man sich als Behördenleiter nicht verstecken. Und ich wollte das auch nicht. Aber es war persönlich extrem belastend.

Wie sehen Sie heute den Fall in Zusammenhang mit der Zwickauer Terrorzelle?

Hans Schulze: Nach den damals gewonnenen Erkenntnissen hatte der Täter ja einen rechtsextremen Hintergrund. Er war aber nie ein besonderer Aktivist. Das ist das, was die Staatsanwaltschaft festgestellt hat. Das Problem bei solchen Taten ist ja immer, dass wenn sich jemand selbst tötet, auch die Staatsanwaltschaft kein Interesse hat, das bis in alle Verästelungen aufzuklären. Und wenn sie sich die Akte anschauen, ist relativ unübersichtlich, was vielleicht die Hintergründe waren. Aber nachdem, was ich weiß, war der kein besonders Aktiver. Er war ein Waffennarr, der hervorragend schießen konnte nach der Bundeswehrzeit. So dass er in der Lage war, solche Taten relativ spontan zu verüben. Das war keine langfristig vorbereitete Geschichte war, sondern ganz spontan. Er war ja damals im Auto nicht angeschnallt, ist deshalb auf-gefallen. Planbar war das nicht. Er hat dann spontan zur Waffe gegriffen. Die Dimension, die wir jetzt sehen, das mit terroristischem Input, Nein.

Die Gewaltbereitschaft verschiedener Gruppen gegenüber der Polizei nimmt zu. Wie vermittelt ein PP seinen Beamten, dass sie das ertragen müssen?

Hans Schulze: Man kann natürlich mit einer guten Ausbildung und einem guten Training Einiges bewirken. Wir trainieren mit den jungen Beamten ganz intensiv Deeskalationsgeschichten. Selbst bei den rechten Demonstrationen und einer schwierigen Situation, eine Sitzblockade da zu räumen. Das kann man so und so machen. Man kann das so machen, dass viele verletzt werden, auch auf der Polizeiseite. Man kann es so trainieren, dass die Frustrationswelle erstens sehr hoch ist und man professionell damit umgeht. Der Superintendent hat mit geschildert, mit welcher Geduld die Polizeibeamten da zu Werke gegangen sind mit teilweise sehr aggressiven Weggeräumten umgegangen sind.

Das wird nicht immer so sein. Das heißt also. Man kann ihnen nur sagen: Das kommt auf euch zu. Und je professioneller ihr damit umgeht, desto größer ist die Akzeptanz auf der anderen Seite und somit auch die Schwelle höher, euch anzugreifen. Und umso besser seid ihr geschützt. Sonst ist da wenig zu machen. Es ist einfach so, dass der Respekt gegenüber Polizeibeamten nicht gerade zunimmt, was teilweise auch daran liegt, dass wir in Dortmund Leute aus ganz verschiedenen Kulturkreisen haben. In manchen Kulturkreisen ist es so, dass Polizisten, die nicht gleich, salopp gesagt, was zwischen die Hörner geben, als Weicheier wahr-genommen werden. Das ermöglicht dann auch Aggressionen und auch Widerstandshandlungen, die sie sich in ihren Heimatländern, damit meine ich nicht nur die Türkei, sondern auch Frankreich oder Spanien, bei ganz anders handelnden Polizei-en, überhaupt nicht trauen würden.

Sie sprachen das Thema Stadt an. Sie haben mehrfach für die Stadt die Kohlen aus dem Feuer geholt, zuletzt beim Thema Straßenstrich. Bewusst?

Hans Schulze: Die wichtigste Aufgabe eines Polizeipräsidenten ist es, für stabile Verhältnisse zu sorgen. Dafür zu sorgen, dass sich eine Stadt vernünftig entwickeln kann. Das klingt etwas pathetisch. Stabile Verhältnisse sind das, was Polizei schaffen muss. Das schafft sie nicht immer alleine, dafür braucht sie auch die Stadt. Aber wir können einen ganz wesentlichen Beitrag dazu leisten. Wenn wir die Drogenszene bekämpfen, dann brauchen wir ein niederschwelliges Angebot durch die Stadt. Da ist die Stadt auch immer gekommen. Im Jugendbereich. Wir haben angefangen, Jugendschutz-beamte, unsere „JuCops“ einzurichten und haben Jugendschutzkontrollen durchgeführt. Das Jugendamt hat dann mitgezogen. Wir haben damit eine Situation auf dem ganzen Hellweg geschaffen, die wieder vernünftig kontrolliert ist. Beim Straßenstrich war es das gleiche. Viele haben nur die Prostituierten gesehen und gesagt:

Was stellt ihr euch so an, die gibt es doch überall? Wenn man aber den kriminellen Hintergrund sieht, auch die begleitenden Männer aus Plovdiv, die auch Drogendealer sind, großes Geld machen und Straftaten begehen, dann ist man einfach motiviert: Jetzt müssen wir halt ran! Wobei bei diesem Problem ging es nur mit der Stadt, da wir als Polizei die Ravensberger Straße nicht schließen konnten. Da haben wir im Vorfeld schon überlegt, breitseitig an der Ravensberger Straße Verkehrskontrollen durchzuführen, um die Freier zu irritieren. Aber den großen Effekt, den man erzielten konnte, in dem man den Straßenstrich zumacht, den konnte man nur gemeinsam mit der Stadt erzielen. Und der OB war ja so nett und fair zu sagen, dass es ein bisschen gedauert hat, bis er zu der Erkenntnis gekommen ist. Und bei allen Problemen, die noch in der Nordstadt bestehen, haben wir mit der Stadt einen wichtigen Beitrag geleistet, die Verhältnisse etwas stabiler zu machen.

Zwei Stichworte noch: BVB und Weiberfastnacht.

Hans Schulze: Beim Fußball fand ich toll, dass ich vier Deutsche Meisterschaften mitmachen durfte. Weiberfastnacht. Wenn man in Köln geboren ist, dann gehört das dazu. Auch in meiner ersten Stelle in Arnsberg. Für mich war’ normal, auch hier Weiberfastnacht zu feiern. Inzwischen habe ich das Gefühl, dass Weiberfastnacht im Polizeipräsidium Dortmund die größte Feier ist, die es in dem Bereich Karneval in der Region überhaupt gibt.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger, Herrn Wesseler?

Hans Schulze: Das, was man immer wünscht: Glück. Es ist ein hochspannender Job und ein Risiko behafteter Job in einer solchen Großstadt wie Dortmund Polizeipräsident zu sein. Die Herausforderungen sind vielfältig, sie können furchtbar viel falsch machen und sie können entsetzlich viel Pech haben. So muss man ihm vorrangig Glück wünschen. Den Rest brauche ich ihm nicht zu wünschen. Gut Leute hat er hier. Er hat das Potenzial gute Arbeit zu leisten. Aber dazu braucht man auch das Glück. Denn es kann einem auch unheimlich viel schief gehen.

Was wünschen Sie sich für Ihre Unruhezeit?

Hans Schulze: Ich hoffe, dass ich eine gute Kurve hinbekomme. Ich habe nicht viele Möglichkeiten gehabt, mich intensiv darauf vorzubereiten. Dieses Jahr war turbulenter als die meisten anderen, vielleicht von 2000 abgesehen. Meiner Frau habe ich gesagt, ich bleibe jetzt erst mal gemütlich zu Hause sitzen und gucke, was mir einfällt. Ich habe mich in meinem Leben noch nie gelangweilt. Ich mache viel Sport. Dann mache ich nicht wie jetzt zwei, drei Mal Sport, sondern vielleicht fünf Mal. Ich werde lesen, was mit Sprachen machen und mich um meine Familie kümmern. Ich hoffe, dass ich ein gutes Packende finde und ein paar Leute, mit denen man reden kann.

 
 

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