„Demontage des Bereichs Musik“

Generalmusikdirektor Jac van Steen übt Kritik. Foto: Franz Luthe
Generalmusikdirektor Jac van Steen übt Kritik. Foto: Franz Luthe
Foto: WR/Franz Luthe

Dortmund.. Kritiker und Leser gleichermaßen hat überrascht und entsetzt, dass die Stadt keinen neuen Vertrag mit Generalmusikdirektor Jac van Steen abgeschlossen hat. 2013 muss er Dortmund verlassen – Nadine Albach sprach mit ihm.

Als klar war, dass Sie keinen neuen Vertrag bekommen – wie haben Sie sich gefühlt?

Überrascht, weil es keine Vorwarnung gab und das Gespräch als Orientierung angekündigt war. Ich hatte ein paar Ideen, wie man dieses Haus in Dortmund verbessern kann und hatte mich gefreut, das mit dem Kulturdezernenten zu besprechen. Außerdem wollte ich darüber reden, dass eine de facto Demontage des Bereichs Musik stattgefunden hat.

Was meinen Sie damit?

Vorstellungen wurden abgesagt, ohne mich zu informieren. Die Daten für den Abschied des alten Sängerensembles und die Spielzeitbegrüßung wurden ohne Rücksicht auf Daten gelegt, an denen ich nicht da bin. Heute denke ich, was passiert ist, stand in den Sternen. Ich hätte schon beim ersten Anzeichen früher durchgreifen sollen.

Reden Sie von einer Demontage durch die Stadt oder die Theaterleitung?

Da bin ich überfordert, die Antwort kann ich nicht geben. Aber die Demontage ist sehr gefährlich für ein Haus, schließlich heißt die Sparte immer noch Musiktheater. Hinzu kommt: Die Institution Orchester im Allgemeinen ist kein leicht organisierbares Gremium: Die haben riesigen Stress, jeden Tag.

Sie hätten also gern weitergemacht?

Diese Frage habe ich mir selber nicht stellen können. Für meine Entscheidung wäre wichtig gewesen, herauszufinden, ob die Stadt auf meine Ideen für das Haus eingegangen wäre. Aber diese Option wurde mir in zehn Minuten aus der Hand geschlagen.

Als eine Begründung wurde angeführt, dass das Konzept des neuen Opernintendanten Herzog nicht zu ihrem passen würde.

Welches Konzept von Herrn Herzog? Ist dieses Konzept wirklich so neu? Wir machen eine Wagner-Oper, statt Lohengrin Holländer, eine italienische Oper, statt Tosca Bohème, eine Operette, statt Blaubart die Lustige Witwe, eine romantische Oper, statt Lucia Norma… Ich sehe die unglaublich große Veränderung nicht. Neu sind die Sachen, für die ich mich mit Herzog stark gemacht habe: Barock aufzubauen und ein Oratorium als Oper aufzuführen. Wenn diese zwei Neuheiten als neues Konzept bezeichnet werden, dann mache ich jeden Tag nach dem Frühstück ein Konzept. Außerdem ist es eine falsche Grundannahme des Kulturdezernenten, dass der GMD verantwortlich ist für das Konzept des Musiktheaters und das Misslingen der vergangenen Ära.

Stimmte die Chemie zwischen Ihnen und Herzog nicht?

Ein Neuanfang an einem Haus ist immer schwierig, aber ich habe viel Zeit und Energie investiert, um Herrn Herzog Freiräume zur Verwirklichung seiner Ideen zu geben. Endresultat ist, dass man mich bei der Auswahl des neuen Sängerensembles nicht einbezogen hat. Außerdem wurde der Repertoirebereich für 2012/13 nicht gründlich mit mir durchgesprochen – anders, als es eigentlich sein muss.

Das klingt nach vergifteter Atmosphäre.

Nein. Herr Herzog verbreitet eine sehr angenehme, menschliche Atmosphäre im Haus. Ich bedaure aber, dass Aussagen der Theaterleitung, des Kulturdezernenten und des Intendanten über mich den Beigeschmack hatten, als sei Musik nicht meine Herzenssache. Das ist hart, denn ich lebe nur für die Musik. Herr Herzog und ich sind professionell genug, jetzt miteinander umzugehen.

Als weiterer Grund wurden die schlechten Auslastungszahlen genannt.

Besucherzahlen sind als Vehikel benutzt worden, um mich rauszuschieben. Eine Woche vor dem Orientierungsgespräch hieß es hier im Haus, dass das Konzertwesen nicht im besten Bereich ist, aber gut funktioniert. Unsere Zahlen sind ein bisschen zurückgegangen durch die Reduzierung der Konzerte von drei auf zwei in Abstimmung mit der Politik. Aber wenn man die Konkurrenz durch das Konzerthaus sieht, hätte ich Anerkennung dafür erwartet, dass wir unsere Programmatik profilieren. Wir haben etwas erreicht – und ich war noch lange nicht da, wo ich hin wollte.

Apropos Machtspiele: Innerhalb der Orchesterdirektion sollen Menschen gegen Sie gearbeitet haben. Bauen Sie die Direktion deshalb um?

Nein, es hat damit zu tun, dass wir aus meiner Sicht besser funktionieren müssen oder können. Ich habe gehört, dass Leute hinter meinem Rücken anders agieren, als ich möchte. Wir sind sehr unterbesetzt und bekommen immer mehr Aufgaben, deswegen bleiben Sachen liegen. Mein ganzes Team steht unter sehr großem Zeitdruck. Ich will jetzt eine klarere Aufgabenteilung.

Zwischen Ihnen und Dominique Caron, der kommissarischen Opernleitung, soll es Probleme gegeben haben?

Frau Caron ist nicht mehr an diesem Haus angestellt. Das Thema ist für mich uninteressant.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie seien zu wenig in der Stadt gewesen?

Ich habe zuvor viel mehr gemacht, als in meinem Vertrag vereinbart ist, aber jetzt halte ich mich an meinen Vertrag und man wird merken, dass darin nur von 23 Anwesenheitswochen die Rede ist. Aber man kann Gerüchte auch bewusst streuen und dieses kommt nicht von der Stadt: Man verweigert im Haus, den Abschied des ehemaligen Sängerensembles auf ein Datum zu legen, wo ich dabei sein kann und sagt hinterher, ich war eben nicht da. Oder die Spielzeiteröffnung und der GMD ist nicht da – das ist doch ein Symbol! Im Orientierungsgespräch wollte ich besprechen, dass im Umgang und der Kommunikation Veränderungen notwendig sind.

Sehen Sie Ihren Ruf geschädigt?

Die Gefahr besteht. Der Nachgeschmack wird sein: Da ist etwas faul mit ihm. Rufschädigung ist ein gefährliches Thema bei Dirigenten. Wäre ich zu wenig da gewesen, hätte mich die Stadt aus diesem Grund rauswerfen können. Wichtig ist letztlich, dass das Publikum am Schluss einen schönen Abend hat – und wer das nicht kapiert, hat nicht verdient, an einem Theater zu arbeiten. Ich hätte mir auch eine schönere Atmosphäre vorstellen können. Aber die habe ich dann zu Hause – hier arbeite ich wie verrückt.

Wollen Sie etwas wegen Rufschädigung unternehmen?

Mein Ruf basiert auf schönen Musikaufführungen, die ich mache, und dies ist der einzige Weg, einer Schädigung vorzubeugen. Ich bin für einen besseren Umgang in der Dortmunder Kultur: Das ist, was ich will.

 
 

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