Das ist Dortmunds erste WG für pflegebedürftige Kinder

In Dortmund ist eine einzigartige Kinder-WG entstanden: Im "Lummerland" werden schwerkranke Kinder und Jugendliche rund um die Uhr intensiv gepflegt und betreut. Die neunjährige Gianna ist als Erste eingezogen. Wir haben sie in ihrem neuen Zuhause besucht.

Berghofen. Plüschtiere auf der Fensterbank, bunte Bilder an der Wand, eine quietschorange Tapete: Das Zimmer der neunjährigen Gianna ist ein typisches Mädchenzimmer. Und doch anders: Denn mittendrin stehen ein Pflegebett und ein Sauerstoffgerät. Vor wenigen Monaten ist Gianna hier eingezogen. In die Berghofer Kinder-Wohngruppe (WG) Lummerland. Weil sie so krank geworden ist, dass sie rund um die Uhr intensiv gepflegt und betreut werden muss.

Gianna ist die erste und bislang einzige WG-Bewohnerin. Streng genommen ist es deshalb auch noch gar keine richtige Wohngemeinschaft. Die beiden anderen Zimmer stehen leer, doch in Kürze werden dort ein kleiner Junge und ein Baby mit ihren Müttern einziehen.

WG ist eine Insel für schwerkranke Kinder

Die Kinder-WG Lummerland ist in Dortmund bislang einmalig. Angelehnt an die Kinderbucherzählung "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" soll diese Wohnform eine kleine Insel für schwerkranke Kinder und Jugendliche mit oder ohne Eltern sein. Intensivpflege in einer familiären, liebevollen Atmosphäre. Mit persönlich eingerichteten Zimmern, mit Gemeinschaftsküche, Wohnzimmer und großem Garten.

Gianna wohnt ohne ihre Eltern im Lummerland. Ein ausgebildetes Pflegeteam ist Tag und Nacht an ihrer Seite. Es organisiert und koordiniert die Therapien, unternimmt Ausflüge, gibt Giannas Tag Struktur. Die Eltern Ramona (33) und Chris Giacomelli (40) aus Duisburg besuchen ihre Älteste so oft wie möglich. Die große räumliche Distanz, sagen sie, sei besonders hart. Ein Lummerland in Duisburg, das wäre schön.

Ohne Lummerland wäre die Familie zerbrochen

Trotzdem sind beide froh und dankbar, dass sie für ihre Tochter diese familiäre Wohngruppe gefunden haben. Wann immer es sich einrichten lässt, bleibt ein Elternteil an den Wochenenden über Nacht. Der dreifache Vater ist ehrlich: "Ohne diese Einrichtung wäre unsere Familie über kurz oder lang zerbrochen." Zwei jüngere Geschwisterkinder, Berufstätigkeit und dazu noch Giannas Intensivpflege: "Das macht keine Ehe auf Dauer mit."

Gianna, erzählen die Eltern, habe mehrere Gehirninfarkte erlitten. So hätten es ihnen die Ärzte erklärt. Eine klare Diagnose gibt es nicht. Denn bereits mit zwei Jahren habe sie erste Ausfälle gezeigt. Anfang 2015 veränderte eine Hirnhaut- und Gefäßentzündung alles. "Von unserer alten Gianna ist nichts mehr da", sagt Chris Giacomelli traurig. Sanft streichelt er über die Wange seiner Tochter, die fast regungslos auf seinem Schoß liegt. Sprechen und laufen kann sie nicht mehr. Manchmal benötigt sie Sauerstoff.

Gianna isst wieder pürierte Kost

Die ärztlichen Prognosen, sie lassen die Giacomellis hoffen. "Es ist möglich, dass gesunde Bereiche des Gehirns Funktionen von geschädigten übernehmen." Eine erste Besserung hat sich bereits eingestellt: Nach monatelanger Ernährung über eine Magensonde könne Gianna wieder pürierte Kost zu sich nehmen, erzählt Heike Potthoff, die zu ihrem Pflegeteam gehört. Die examinierte Altenpflegerin ist sich sicher, dass das Mädchen viel wahrnimmt: "Wenn ich erzähle, dass Mama und Papa kommen, lächelt Gianna."

Heute lächelt Gianna auch, weil ihr das Blitzlichtgewitter des Fotografen gefällt. Die Eltern lächeln tapfer mit. Dass ihre Tochter so jäh aus ihrem alten Leben gerissen wurde, ist für sie nur schwer zu verkraften. Die Situation überfordert sie noch immer.

Geschwister werden auch betreut

Vor allem die Angst, dass Giannas Geschwister, Charlotta (neun Monate) und Chris Heinrich (6), erkranken könnten, treibt sie um. "Sie werden engmaschig durch Ärzte betreut", sagt Ramona Giacomelli. Eine zarte Frau, die zweimal durch die Hölle gegangen ist. Denn als Gianna Anfang des Jahres ins Krankenhaus eingeliefert wurde, erlitt die 33-Jährige eine Frühgeburt. Auch die kleine Charlotta musste für einige Wochen auf die Intensivstation. Wie man das aushält? "Zwei Wochen war ich wie in einem Tunnel", erinnert sich die Mutter.

Am heutigen Heiligabend wollen die Giacomellis nicht zurückblicken. Auch nicht die Frage nach dem "Warum" stellen, auf die es ohnehin keine Antwort gibt. Heute blicken sie erwartungsfroh nach vorne. Denn übermorgen, am zweiten Weihnachtstag, wird Gianna für eine Nacht nach Hause kommen - und die Familie für ein paar Stunden endlich wieder komplett sein.

Beate Dönnewald