Das Dortmunder U — ein Zimmer mit Aussicht

Die Dachterrasse des Dortmunder U-Turms ist am 23.03.2011 noch eine Baustelle und für Besucher nicht zugänglich.
Die Dachterrasse des Dortmunder U-Turms ist am 23.03.2011 noch eine Baustelle und für Besucher nicht zugänglich.
Foto: WAZ FotoPool

Dortmund. Dr. Andreas Broeckmann hat es derzeit nicht leicht mit Journalisten. Viele Medienvertreter lassen kaum ein gutes Haar an Dortmunds teuerstem Turmbau: Millionengrab, Besucherflopp, die verschleppte 2010-Eröffnung. Architektur-Kritiker reißt die Transformation des Brauer-Baus zum Kunst-Quartier auch nicht gerade vom Hocker. Vorhaltungen, die sich der Gründungsintendant des „U“ nicht in Gänze anziehen muss, die den 45-Jährigen Kunsthistoriker aber sicher nicht kalt lassen. Zu allem Überfluss hat sich nun auch noch die WAZ zum Interview angemeldet.

Doch Andreas Broeckmann hat Glück, einen Wahnsinnsdussel. Just zum Termin unseres Besuchs schickt der Frühling seine allerbesten Schönfärber durch die Stadt: Kaiserwetter über Dortmund.

Kaiserwetter überm U

Broeckmann führt uns gleich hinauf ins Turm-Restaurant „View“. Wir nehmen nicht den Aufzug, sondern überwinden die knapp 50 Höhenmeter über die endlosen Rolltreppen, die - das Glück bleibt Broeckmann weiter hold - sämtlichst funktionieren. Oben angekommen, lässt uns der U-Intendant auf die halbfertige, noch abgesperrte Aussichtsterrasse klettern und - ist ja echt der Hammer - eine sagenhafte Aussicht bewundern. Keine Frage, dass auch das zur Mittagszeit leicht bevölkerte „View“ seinem Namen alle Ehre macht. Vor lauter Staunen über das grandiose Panorama und die Aufenthaltsqualität unterm Kuppeldach der Kathedrale wird sogar der frisch gebrühte Cappuccino in der Tasse kalt.

Okay, Herr Broeckmann, wir haben verstanden. 70 Mio Euro Steuermittel wird der U-Turm wohl am Ende kosten. Fünf bis sechs Millionen im Jahr der laufende Betrieb. Eigentlich kann sich Dortmund das gar nicht leisten. Aber hätten wir uns leisten können, dieses Gebäude als No-Go-Area verrotten zu lassen, als ewige Brache mitten in der City? „Die Frage darf man durchaus auch mal stellen“, meint der Mann, den man eigens geholt hat, damit das Vielerlei unterm U mehr wird als nur die Summe seiner Teile.

Broeckmann hat also Großes vor. Mit dem Turm sieht er die Stadt auf dem besten Weg zu tragfähigen kulturellen Konzepten jenseits herkömmlicher Kulturbegriffe. Klingt danach, als stecke viel Musik im Turm. Zukunftsmusik. Konkret gibt es Gespräche mit der Stiftung Pro Helvetia. Mit den Schweizern plant er eine Ausstellung zum Thema neue Medien im Alltag, will das ganze Haus damit bespielen. Ohnehin setzt der Kulturmanager auf Kooperation, auf Synergien: „Die Partner im U - Museum, Hochschulen, Medienkunstverein - erkennen zunehmend, dass sie voneinander profitieren können.“

Noch muss sich Broeckmann jedoch mit den profanen Baustellen-Dingen herumschlagen. Immerhin ist Land in Sicht: Die Dachterrasse soll rechtzeitig im Frühsommer eröffnen. Ein weiterer Aufzug, der die Besucher direkt in die Gastronomieetage befördert, wird im Frühjahr Fahrt aufnehmen. Das Kino im Erdgeschoss erhält in Kürze seine Bestuhlung. Die Depots des Ostwallmuseums und die dringend benötigten Funktionsräume für die „View“-Küche im Keller sollen im Laufe des Jahres endlich fertig werden. Ab 2012 hofft Broeckmann auf einen normalen Programmbetrieb. Was der U-Turm dann sein wird? „Dafür gibt es keinen Begriff“, sagt Broeckmann. Vorbilder - Fehlanzeige. „Wir sind ein Labor.“

 
 

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