„Crashtest Nordstadt“ spielt mit Vorurteil und Fantasie

Der „Crashtest“ erfordert von den Teilnehmern viel Mut. An jedem Spielort der Theater-Inszenierung erwarten sie neue Aufgaben, wie bei diesem „Tatort“-Dreh. Während die Jugendlichen mit uns schauspielen, kommen immer mehr Zuschauer auf die Straße.
Der „Crashtest“ erfordert von den Teilnehmern viel Mut. An jedem Spielort der Theater-Inszenierung erwarten sie neue Aufgaben, wie bei diesem „Tatort“-Dreh. Während die Jugendlichen mit uns schauspielen, kommen immer mehr Zuschauer auf die Straße.
Foto: WR/Franz Luthe
Braucht es Mut, um ins Theater zu gehen? Genausoviel wie es Mut braucht, um spontan auf der Straße den Dreh einer „Tatort“-Folge zu improvisieren. Das Team um Regisseur Jörg Lukas Matthaei und 50 Bewohnern der Nordstadt fordern den Besuchern ihrer Inszenierung „Crashtest Nordstadt“ viel ab.

Dortmund. Neugierige Besucher schwärmten am Freitagabend durch die Nordstadt und trafen auf ebenso neugierige Anwohner. Die Theaterproduktion „Crashtest Nordstadt. mach mein spiel“ feierte Premiere. Der Name ist ein Versprechen, ein Test für die Besucher: Wie weit wirst du gehen? Ein provoziertes Aufeinanderprallen von Nordstadt-Realität und fantasievollem Spiel. Ist das noch Theater?

Gleich einer Schnitzeljagd werden wir Besucher in Gruppen mit Straßenkarten von Spielort zu Spielort geschickt. Vor der „Herold Schänke“ erwarten uns Jugendliche, ein „Tatort“ soll gedreht werden. Mitspielerin Suse bekommt einen falschen Bart angeklebt: ein türkischer Mann. Die Scham über dieses plakative Klischee im Angesicht türkisch-stämmiger Zuschauer auf allen Straßenseiten schluckt sie tapfer hinunter. Mit einer improvisierten Kamera laufe ich um meine Mitspieler herum, die laut schreiend über eine Leiche stolpern – auch aus unserem Team re-krutiert. Und während ich nur einen kleinen Ausschnitt der Nordstraße sehe, brummt hinter mir jemand: „So ein Kokolores!“ Ich bin kein anonymer Theatergast, ich bin Teil der Inszenierung.

Ausgangspunkt des Stücks ist der Nordmarkt, vielleicht die erste Hürde für manchen sonst leidenschaftlichen Theatergänger: Kontakt mit der offenen Trinkerszene, die sich hier trifft, die den Ruf dieses Stadtteils prägt. Ein gepflegter Theaterabend sieht anders aus. Doch die Hemmschwelle scheint nicht sehr hoch zu sein: Über hundert Besucher sind gekommen und wollen sich auf den „Crashtest“ einlassen, den Regisseur Jörg Lukas Matthaei und rund 50 Nordstadt-Bewohner für das Publikum ersonnen haben.

Besucher bekommen Nummern

Am Empfang werden wir von Gästen zu Nummern: 55-91-07 steht auf meiner Brust. Ich bin ein „Immo-Fonds“, eine Aktie im großen Spiel, gekauft von Mark dem Nordstadt-Checker.

In meiner Gruppe angekommen, werde ich wieder zum Menschen. Schnell sind wir beim „Du“, schließlich sind diese Vier für die nächsten zweieinhalb Stunden meine Verbündeten auf dem Weg ins große Unbekannte.

Vom Zuschauer zum Akteur

Die Macher dieser Inszenierung spielen auf mehreren Ebenen mit ihren Gästen: Besucher werden von Kultur-Konsumenten zu Aktiven. Niemand führt, niemand gibt vor, jeder muss selbst entscheiden: Wie weit lasse ich mich ein auf ein unbekanntes Wagnis in einer doch eigentlich bekannten Stadt?

Jemand hat den Kompass im Handy aktiviert. Nordstadt, der exotische Dschungel aus Vorurteilen und Lebenswelt, eine perfekte Kulisse für Abenteuerer, als die wir uns fühlen. „Das ist schon ein komisches Gefühl“, findet Uwe und blickt zurück auf ein Spalier aus osteuropäischen Männern. Mit vor der Brust verschränkten, muskulösen Armen haben sie uns beobachten, wie wir uns den Weg zum nächsten Spielort suchen. Wir sind die Eindringlinge, die Fremden mit der undurchschaubaren Mission. Wieder Vorurteile.

Als der Himmel schon dunkel wird, treffen sich alle 14 Gruppen wieder am Nordmarkt. Wegen des unbeständigen Wetters in der alten Neuapostolischen Kirche. Jeder hat eine andere Reise durch die Nordstadt erlebt, andere Spielorte gesehen, andere Menschen getroffen. Hilfsbereite, brummige, neugierige. Die Bilanz des Abends: Der falsche Tatort hat zu einem echten Polizeieinsatz geführt, einige wenige abgeschreckte Besucher sind nicht wieder zurückgekehrt, hundert andere Spieler sind abgekämpft, aber glücklich.

 
 

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