Bob-Fahrer in Dortmund: Cool Runnings im Stadion Rote Erde

Viererbob in der Kurve.
Viererbob in der Kurve.
Foto: WP
Drei Leichtathleten wollen die Bob-Welt erobern. Ihre Medaillen-Träume spielen nicht im Stadion, sondern in den Eiskanälen dieser Erde. Wir sprachen mit Erline Nolte, Pablo Nolte und Bennet Buchmüller über Chancen, Gefahr, blaue Flecken und den ewigen Vergleich mit einem Hollywood-Film.

Dortmund. Was treiben Bobfahrer in Dortmund? Noch dazu jetzt, da das Wetter endlich sommerliche Züge annimmt? Der Hollywood-Hit "Cool Runnings" drängt sich auf: Eine Gruppe Jamaicaner will an den Olympischen Winterspielen teilnehmen und bildet einen Viererbob. Nein, so abstrus ist die Geschichte von Erline Nolte, ihrem Cousin Pablo Nolte und Bennet Buchmüller nicht. Denn die drei sind wie viele Bob-Sportler "gelernte" Leichtathleten, in diesem Fall in Diensten der LG Olympia Dortmund. Erline war Weitspringerin, Pablo und Bennett Diskuswerfer. Jetzt trainiert das Schwerter Trio für eine Karriere im Eiskanal. Erline Nolte kann dabei mit ihren 24 Jahren bereits auf große Erfolge zurückblicken: Sie gewann den Gesamt-Europacup und wurde Zweite bei den Junioren-Weltmeisterschaften.

Für die kommende Bob-Saison trainieren die drei Sportler in der Trainingsgruppe von Marcus Hoselmann, der unter anderem auch die Sprinterin Katharina Grompe unter seinen Fittichen hat. Bei Hoselmann legen sie die Grundlagen für den Winter, holen sich Geschwindigkeit und Kraft. Ein anstrengendes Pensum aus schnellen Läufen, Ausdauerläufen, und Krafteinheiten.

Kraft-, Lauf- und Sprung-Training

Vor dem Interview mit DerWesten haben die Sportler bereits Bergläufe absolviert, an einer fiesen Steigung hinter dem Signal-Iduna-Park. Nach dem Interview wartet auf Pablo und Bennet, beide Jahrgang 1992, die nächste Einheit: Sprungtraining im Stadion Rote Erde. Aus dem Liegestütz in die Hocke und dann in den Strecksprung. Drei Durchgänge und so viele Wiederholungen, dass es beim Zusehen schon weh tut.. Erline hat den Nachmittag trainignsfrei.

Wir sprachen mit Erline Nolte, Pablo Nolte und Bennet Buchmüller über den Umstieg von der Leichtathletik auf den Bob-Sport, über Gefahren und blaue Flecken.

Wie seid ihr als Schwerter Kinder zum Bobsport gekommen?

Pablo Nolte: Angefangen haben Bennet und ich zusammen mit ein paar anderen Leichtathleten hier aus Dortmund. Wir waren im Sommer 2011 von einem ehemaligen Bobfahrer aus Dortmund nach Winterberg eingeladen worden. Wir haben dann ein paar Anschubeinheiten mitgemacht. Das hat den Trainern ganz gut gefallen und sie hatten uns gefragt, ob wir bleiben wollen. Wir sind dann immer mal wieder dort hin gefahren.

Erlines Leichtathletik-Disziplin ist der Weitsprung, Pablo und Bennet kommen vom Diskuswerfen. Was prädestiniert euch da für den Bobsport?

Bennet Buchmüller: Es werden oft Sportler aus dem Bereich Diskuswerfen oder Kugelstoßen genommen, weil die mehr Körpermasse mitbringen. Auf der einen Seite muss man schwer und kräftig sein, aber eben auch schnell. Darum wird viel in der Leichtathletik gesichtet.

Also wird auch viel Wert auf einen kräftigen Oberkörper gelegt?

Pablo: Eher auf die Beine, aber im Oberkörper liegt die Masse. Man muss beim Anschieben schnell sein. Fürs Diskuswerfen sind wir beiden aber recht klein. Mit 1,80 Metern kann man da nicht viel reißen. Aber unser Vorteil war immer, dass wir eine Grundschnelligkeit mitbringen. Das kommt uns beim Bobfahren jetzt entgegen.

Pendeln zwischen Dortmund, Winterberg, Altenberg und Berchtesgaden 

Was sind die Trainingsinhalte während des Sommers in Dortmund?

Erline Nolte: Wir machen viel Krafttraining. Dafür haben wir hier fast perfekte Bedingungen mit dem Kraftraum in der Körnig-Halle, gleich neben der Roten Erde, wo wir Laufeinheiten und Sprünge machen können. Das technische Training und das Anschubtraining machen wir in Winterberg.

Auch im Sommer?

Bennet: Ja, da gibt es spezielle Bahnen mit Schienen, auf denen man anschieben kann. Eine davon ist etwas steiler, dort kann man Bergab- und Bergauf-Schübe trainieren.

Der Trainingsplan hört sich nach viel Pendelei an.

Pablo: Ja, wir versuchen, am Wochenende in Winterberg zu sein. Das ist viel Fahrerei. Dazu kommen die Maßnahmen mit dem jeweiligen Bobpiloten. Ich muss dann immer nach Altenberg in Thüringen, letztes Jahr bin ich immer nach Berchtesgaden gefahren.

Wie bekommt ihr das hin? Allein die Fahrkosten müssen ja riesig sein…

Erline: Die Fahrkosten übernimmt meistens der Verband oder der Pilot. Der Verband übernimmt ohnehin sehr viel. Die ganze Ausrüstung zum Beispiel: Spikes, Laufschuhe, Bekleidung und so weiter. Das bekomme ich alles vom Bob-Verband.

Zeitlich ist es aber schwierig. Ich habe mein Studium pausiert, um meinen Fokus auf den Sport zu legen. Demnächst komme ich in die Grundausbildung bei der Bundeswehr, um Sportsoldatin zu werden.

Kommen sich die Verbände eigentlich in die Quere? Ihr seid ja Leichtathleten und Bobfahrer.

Pablo: Der Bob-Verband ist bei den Leichtathletik-Bundestrainern nicht gerade beliebt. Die haben das Gefühl, dass ihnen die Athleten weggenommen werden. Aber der Bobverband ist auf Quereinsteiger angewiesen, weil man den Sport erst ab 18 Jahren macht. Die holen sie sich dann in der Leichtathletik. Für viele ist das ein guter Plan B. Für uns ja auch, weil wir gesehen haben, dass es in der Leichtathletik nicht bis ganz oben gehen wird. Beim Bobfahren ist das dann schon möglich.

Was sind denn dann eure Ziele?

Erline: Schwierig zu sagen. Längerfristig ist Olympia natürlich ein Ziel für jeden Sportler. Momentan sind wir noch in der Junioren-Klasse, da sind Junioren-Weltmeisterschaften natürlich ein Ziel.

Pablo: Im Winter möchten wir gute Platzierungen im Europacup holen und irgendwann im Weltcup fahren.

Klingt ambitioniert…

Pablo: Auf jeden Fall. Das ist auch ernst gemeint.

Habt ihr von euren Piloten schon Signale bekommen, dass die Ziele erreichbar sind?

Pablo: Erline als Europacup-Gesamtsiegerin und Vize-Juniorenweltmeisterin auf jeden Fall. Bei den Männern ist es ein bisschen schwieriger. Da ist es nahezu unmöglich, im jungen Alter schon im Weltcup oder bei Olympischen Spielen zu fahren. Das kommt dann hoffentlich später.

Erline: Bei den Frauen ist es noch etwas einfacher, sich durchzusetzen. Die Konkurrenz ist nicht so groß, weil es den Sport für Frauen noch nicht lange gibt.

Bobfahren ist wie eine Achterbahnfahrt mit Autounfall 

Wie funktioniert die Hierarchie in einem Bob? Als unwissender Zuschauer kennt man immer nur den Piloten. Dann gibt es da noch drei Mitfahrer, von denen einer der Bremser ist. Seid ihr während der Fahrt nur Ballast oder habt ihr eine Aufgabe?

Pablo: In der Öffentlichkeit wird selten von den Anschiebern gesprochen, da steht der Pilot im Mittelpunkt. Der ist immerhin auch der Teammanager und organisiert alles. Der lenkt die Kiste runter. Intern weiß man aber schon, wie wichtig die Anschieber sind. Eine gute Startzeit ist unheimlich wichtig.

Viele denken aber, das sei nur ein bisschen anschieben und das war’s. So ist es aber nicht. Einer muss im Ziel bremsen, das ist auch nicht ganz unwichtig. Während der Fahrt sitzt man auch nicht nur tatenlos im Bob rum. Man geht die Bahn mit, macht sich klein, damit man nicht im Wind steht. Das ist komplexer als sich das viele vorstellen.

Erline: Nebenher fallen noch viele Sachen an. Kufen schleifen, Bob polieren, sich um das ganze Gerät kümmern – das sind Aufgaben der Anschieber.

Wie hoch ist die körperliche Beanspruchung während der Fahrt? Man wird ja wohl ganz schön durchgerüttelt.

Bennett: Ich kann mich noch ganz gut an meine erste Fahrt erinnern. Da habe ich mich ganz unvoreingenommen in den Bob gesetzt und habe da erst mal gemerkt, was da für Kräfte wirken. Nach und nach gewöhnt man sich da dran, dann kann man auch die Kurven mitgehen.

Erline: Am Anfang bin ich grün und blau aus dem Bob gestiegen (Pablo und Bennett lachen und nicken zustimmend). Man schlägt mit dem Kopf gegen die Wände und durch die hohen G-Kräfte kann man in manchen Kurven nicht atmen. Das ist sehr anstrengend. So habe ich es mir vor meiner ersten Fahrt nicht vorgestellt.

Pablo (lacht): Ich glaube, es wird nicht angenehmer, man gewöhnt sich nur an den Schmerz (Erline und Bennett brechen in Gelächter aus und nicken heftig).

Eine Achterbahnfahrt ist also nichts dagegen?

Bennett (lacht): Autounfall und Achterbahnfahrt.

Erline: Achterbahn fahren macht Spaß...

Pablo: In der Achterbahn weiß man, dass nichts passieren kann.

Wie gefährlich ist Bobfahren?

Erline (zeigt eine große Narbe an ihrem rechten Unterarm): Man stürzt schon mal, das ist unschön. Wenn man mit 130 km/h durch so einen Eiskanal rutscht, ist das eher unsanft. Aber das bringt auch Adrenalin. Wir kennen das Risiko und vertrauen unseren Piloten, dass sie uns da sicher runter bringen.

Pablo: Beim Leichtathletik-Training habe ich noch nicht so oft einen Rettungshubschrauber gesehen. Beim Bobfahren kommt das häufiger vor. Wenn so eine Kiste umkippt, tut sich immer einer weh. Das Ding bleibt ja auch nicht stehen, sondern rutscht auf der Seite weiter.

Wie hat euer Umfeld reagiert, als ihr auf den Bob umgestiegen seid? Gelächter à la Cool Runnings aus Schwerte?

Erline: Manche sagen: „Jaaa, du schiebst da so’n bisschen an.“ Meine Eltern fanden das aber total gut und haben mich unterstützt. Viele unterschätzen das natürlich und denken an Cool Runnings. Aber die meisten finden das positiv.

Pablo: Ja, die meisten finden das schon gut und interessant. Aber den Spruch mit Cool Runnings muss man sich trotzdem jede Woche anhören (lacht).

Wie sieht der Sommerfahrplan für euch aus?

Pablo: Wir sind jetzt im Grundlagen-Training. Daneben versuchen wir in Winterberg schon ein bisschen zu schieben. Dazu kommt jetzt noch sehr viel Krafttraining. Zwischendurch kommen Team-Maßnahmen mit dem Bob-Team, wo man dann auch schon mal mit dem ganzen Team Schübe übt. Vor September gibt es Anschub-Tests, im September folgt dann der große mit der Nationalmannschaft. Da schiebt jeder alleine am Anschubgerät und es werden die Zeiten gemessen. Auf der Basis wird dann schon geschaut, wer für Olympia in Frage kommt, wer die Nummer Eins ist. Von diesem Anschubtest lebt man den ganzen Winter. Wenn man da gut war, ist man den ganzen Winter dabei. Wenn man nicht gut war, muss man schon ganz schön kämpfen und zeigen, was man drauf hat. Auf diesen Test arbeiten wir jetzt hin. Und dann beginnt auch schon die Saison.

Da seid ihr dann international unterwegs?

Erline: Vorher kommt die nationale Selektion. Die drei Besten kommen dann in den Weltcup, die nächsten drei fahren Europacup. Nach der Selektion kommen dann die internationalen Rennen. Da ist man fast ein halbes Jahr dauernd unterwegs. Es lohnt sich fast nicht, eine Mietwohnung zu nehmen, weil man eigentlich nie zu Hause ist.

 
 

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